“Aleppo schön, Aleppo bumm”

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Fast ein halbes Jahr lebte die syrisch-kurdische Familie aus der Nähe von Aleppo in einer Kölner Massenunterkunft, unterbrochen von zwei Wochen bei uns im Haus. Als sie endlich eine Wohnung in Köln-Chorweiler fand, konnte sie ihr Glück kaum fassen. Wir haben sie besucht und erlebten eine Gastfreundschaft, die uns angesichts der Ereignisse von Clausnitz schon fast peinlich war. Von Markus Harmann

Dominosteine liegen auf dem Glastisch im Wohnzimmer, Butterkekse und Spekulatius. Dazu gibt es syrischen Tee mit reichlich Zucker. Als wir nach zwei Stunden gehen wollen, serviert uns die 26-jährige Gülbahar Knafeh, eine ofenfrische arabische Süßspeise aus Butter, Mozzarella, Vanille und süßem Streuselteig mit Sirup. Wir bleiben noch eine weitere Stunde.

Gülbahar, ihr Mann Hanan (30) und der kleine Malchin, drei Jahre, haben uns in ihre neue Wohnung in Köln-Chorweiler eingeladen. Vor einem Monat sind sie eingezogen. 55 Quadratmeter, drei Zimmer, Balkon. Fast alle Möbel waren schon drin. Die dunklen Eichenschränke, der flauschige Teppichboden, die Vitrinen, Lampen und Sessel, die nach späten 70ern aussehen. An der Wand Erfurter Rauhfaser. Im Röhrenfernseher läuft Biathlon. Sie bieten uns eine Führung an durch ihr neues Domizil hier im Kölner Norden, in einem Bezirk, der von allen nur als Riesenproblem wahrgenommen wird.

Als wir tags zuvor per WhatsApp gefragt haben, ob wir sie besuchen dürfen, da kam von Hanan zunächst eine arabische Nachricht zurück. Einige Sekunden später lieferte er die Übersetzung nach: „Wir sind durch Ihre Anwesenheit geehrt“, stand da. Es folgten drei Herzen.

Herz-OP in der Türkei

Im Oktober 2015 hatten wir die kurdisch-jesidische Familie aus dem syrischen Nord-Osten kennengelernt und sie aus einer Kölner Turnhalle zu uns geholt. Für zwei Wochen. Über die Türkei waren sie 2015 geflohen – nicht vor Bomben und Terror, die Region um ihre Heimatstadt Afrin (nördlich von Aleppo) war bis zuletzt beinahe vom Krieg verschont geblieben. Die Familie hatte ihre Heimat verlassen, weil Malchin, der Sohn, an einem Herzfehler litt und eine Operation benötigte, die er wegen des Krieges in Aleppo nicht bekommen konnte. In der Türkei wurde er erfolgreich behandelt. Er gilt als völlig genesen, rast jetzt durch die neue Wohnung und präsentiert stolz ein Kuscheltier nach dem anderen.

Zurück in ihre Heimat wollte die Familie damals nicht, auch aus Angst vor dem IS, der die Jesiden mit dem Tod bedroht. Sie ahnte, dass Afrin auf Dauer keine Insel der Ruhe in einem umkämpften Syrien bleiben würde. Zwar halten noch immer kurdische Kämpfer im Osten den IS und im Süden das syrische Militär und Kämpfer der Al-Nusra-Front auf Abstand. Doch auch Afrin ist inzwischen Ziel von Bomben. Seit den Anschlägen von Istanbul und Ankara bombardiert das türkische Militär angebliche kurdische Rebellen, die sich in Afrin verschanzt haben sollen. Auch aus Afrin fliehen die Einwohner inzwischen scharenweise. Das Ziel vieler Flüchtenden: Deutschland.

In Köln-Deutz lebte die Familie drei Monate in einer Turnhalle, gemeinsam mit 180 anderen Flüchtlingen. Als wir die drei nach ihrem Aufenthalt bei uns, der der kurzen Erholung vom Stress der Massenunterkunft diente, zurück nach Köln brachten, weinte Malchin herzzerreißend. Er wollte nicht zurück in die Halle, in der die Betten ohne jeden Sichtschutz nebeneinander stehen. In die mehrmals die Polizei anrückte, weil Syrer, Afghanen, Iraker oder Albaner miteinander in heftigen Streit geraten waren. Einmal soll es, erzählte uns Hanan, zu einer Massenschlägerei gekommen sein, weil Männer Frauen in der Duschkabine aufgelauert haben, um sie zu filmen.

Weil Flüchtlinge in den Massenunterkünften großem Stress ausgesetzt sind, hat es sich eine Gruppe von Ehrenamtlichen zur Aufgabe gemacht, ihnen Gastfamilien für ein paar Tage oder Wochen zu suchen. „Durschnaufen“, nennt Mohamad das, ein Arzt, selbst vor zwei Jahren aus Damaskus geflohen. Er gehört diesem Netzwerk der Ehrenamtlichen als Übersetzer an. Als erstes gibt er uns seine Handynummer. „Falls ihr eine Übersetzung braucht. Ich bin immer erreichbar.“

Tatsächlich brauchen wir mehrmals seine Dienste, immer wenn Google-Übersetzer zu ungenau ist, WLAN nicht funktioniert oder unsere Malkünste nicht reichen. Gülbahar und Hanan sprechen arabisch, kurdisch und türkisch, wir hingegen nur deutsch, englisch und etwas spanisch.

“Menschen verstehen sich immer”

„Macht Euch keine Sorgen“, sagt Mohamad noch, als wir uns von ihm verabschieden. „Ihr versteht Euch schon, Menschen verstehen sich immer.“ Am ersten Abend sitzen wir dann mit Spaghetti-Bolognese und Spinat bei uns am großen Wohnzimmertisch und bringen uns lachend gegenseitig Worte bei, die uns gerade so einfallen oder die wir besonders lustig finden: Spinat, Autobahn, Haus, Oma, Opa, Krieg, Stadt, Land, Eisenbahn. Irgendwann kommen wir zur Wohnungsfrage: Habt Ihr Aussicht auf eine eigene Wohnung fragte ich mit Googles Hilfe? „Insch’Allah!“, sagte Gülbahar. Meine Frau und ich schauten uns an: „Insch’Allah“ – hängen das nicht auch immer diese zottelbärtigen Salafisten in den Spiegel-TV-Reportagen an ihre Sätze und gaukeln damit besondere Islam-Treue vor.

Im Laufe des Gesprächs mit unsere syrischen Familie fällt dieses Wort immer wieder: Wenn es um die Wohnung geht, den Deutschkurs, eine Arbeit in Deutschland. Insch’Allah – so Gott will oder einfach: hoffentlich. Nichts anderes heißt es. Ich schäme mich, dass ich bei Insch’Allah immer gleich an Islamisten denke. Hat sich eigentlich schon mal ein Muslim darüber beschwert, dass die Christen andauernd „Gott sei Dank“ sagen?

Seitdem wir die Familie kennen, schreiben wir uns regelmäßig Nachrichten über WhatsApp. Wir lassen zunächst Google ins Arabische übersetzen und schicken den Screenshot rüber. Wer weiß, wie schräg die Web-Übersetzungen manchmal sind, kann sich vorstellen, dass Hanan und Gülbahar wahrscheinlich oft genug genauso über das Geschriebene rätseln oder lachen wie wir, wenn uns eine Nachricht erreicht: „Gute Nacht ihr Schönheiten!!“, schrieb Hanan einmal, wenig später: „Ihr seid Monster!“

Oder ein paar Tage später – da schrieb Gülbahar: „Die Kinder und die Arbeit, die sie tun, ist langweilig.“ Noch während wir über das Geschriebene grübelten, kam: „Die Kinder und die Arbeit, die sie tun, ist wunderbar.“

Hanan hat in Syrien als Bauarbeiter gearbeitet. Er sagt, er könne alles – mauern, zimmern, tapezieren, anstreichen. Er kennt die deutschen Begriffe dafür natürlich nicht, erklärt aber alles mit seinen Händen. In Deutschland würde er auch gern auf dem Bau arbeiten. Und wenn das nicht klappt? Dann möchte er Frisör werden, scherzt seine Frau. Schließlich hätte er sich selbst und dem Kleinen auf der Flucht auch immer die Haare geschnitten. Hanan schüttelt den Kopf: „Coiffeur nicht gut!“

2300 Euro für Schlepper

Wir sind überrascht, wie locker und oft belustigt sie manchmal über ihre Flucht erzählen. Mit Hilfe von Schleppern gelangten sie von der türkischen Küste auf die Insel Lesbos. Für die wenigen Kilometer haben sie 2300 Euro gezahlt. Das Schlauchboot war überladen und lief voll Wasser, die Erwachsenen mussten raus und schwimmen, im Boot blieben die Kinder. Hanan demonstriert mit Händen und Armen, wie er und Gülbahar sich am Seil des Schlauchbootes festklammerten, ihr kleiner herzkranker Sohn schreiend im Boot. Sie schafften es bis zur griechischen Insel. Von dort ging es mit der Fähre nach Athen, dann mit dem Zug weiter nach Mazedonien. In den Balkanländern waren sie meist zu Fuß unterwegs. Sie erzählen das, wie andere von einer Abenteuerreise durch Afrika berichten würden. Dann zeigen sie Handybilder. Lachend am Bosporus, zu Fuß in Serbien, Malchin auf den Schultern seines Vaters, ein Lager in einem Steinbruch, eine Pappe als Unterlage, eine Decke für die Nacht, wieder lachen die Eltern auf dem Bild.

Keine Bilder vom Schlauchboot? Keine von der durchnässten Ankunft auf Lesbos? Von den brutalen Grenzern in Ungarn und Mazedonien, von denen sie erzählten? „Nein, verboten!“, sagt Hanan und wedelt mit dem Zeigefinger durch die Luft. Bei der Überfahrt im Boot waren die Handys in Tüten gepackt und in Tonnen verstaut. Außerdem: Vielleicht ist es ja auch gar nicht ungewöhnlich, dass sich auf den Kameras eher die positiven Erinnerungen finden? Würden wir negative Erlebnisse festhalten wollen?

Malchin zeigen sie die Bilder nicht. Mit ihm scherzen sie viel, toben, geben ihm Schokolade. Ein Mittel gegen die schlimmen Erinnerungen? Malchin spielt sofort mit unseren Kindern, hat keinerlei Berührungsängste, weiß, dass ihm alle Aufmerksamkeit gehört. Aber er weint, wenn wir uns abends trennen, er umarmt uns, er gibt uns Küsse auf die Wange – so als hätte er jeden Tag aufs Neue die Sorge, lieb gewonnen Menschen zu verlieren.

Sie kochen für uns: sechs Stunden lang

Nach einer Woche bei uns im Haus wollen Gülbahar und Hanan uns zum Essen einladen. Sie wollen für uns kochen, bitten nur darum, dass wir sie zum Einkaufen begleiten. Wir bieten an, die Lebensmittel zu bezahlen, sie lehnen aber ab. Am nächsten Tag stehen sie ab 9.30 Uhr in der Küche und beginnen mit der Vorbereitung, die sechs Stunden dauern wird. Es gibt gefüllte Weinblätter, Spinat, mit Hackfleisch gefüllte Kartoffeln, Hackfleischbällchen. Dazu Kölsch.

Sie erzählen von ihren Familien. Gülbahars Eltern wohnen in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Bad Bentheim, ihre Schwester in Bielefeld. Hanans Eltern sind noch in der Türkei, ebenso die meisten seiner Brüder. In Afrin, Syrien, leben kaum noch Verwandte, alle geflohen. Aber natürlich viele Freunde. „Afrin schön!“, sagt Gülbahar immer wieder.

Jetzt, in Chorweiler, zeigt uns Hanan zwei Bilder auf seinem Smartphone: ein junger Mann in einer Art Radrennfahrer-Montur und eine junge schöne Frau, geschminkt, lächelnd. „Tot!“, sagt Hanan knapp und wir erfahren, dass beide vor wenigen Tagen bei einem Bombenangriff der türkischen Armee auf Afrin ums Leben gekommen sind. Ein Freund hat ihm daraufhin die beiden Fotos geschickt.

Es wirkt, als könne selbst eine solche Nachricht ihnen wenig anhaben, als hätten sie sich daran gewöhnt. Mit einer Art distanziertem Gleichmut erzählen sie vom Krieg: „Aleppo schön, Aleppo bumm!“, sagt Gülbahar. Meist lächelt sie dabei. Doch wir ahnen: es ist ein selbstschützendes Lächeln.

Als wir uns verabschieden draußen vor der neuen Wohnung in Chorweiler, da weint Malchin. Schon wieder verlassen ihn Menschen, die er mag. Wir laden die Familie direkt ein, Malchin tröstet das nicht. Seine Eltern lachen und winken. Kurz danach die Nächste WhatsApp: „Vielen Dank für Ihre Anwesenheit. Was für Vereinigte Staaten!“

Pegida und Co.: Ich will sie nicht mehr sehen!

Geschrieben von Goldeber am in Medien und Moral

Von Katrin Jäger

PegidaWenn ich morgens in der Zeitung die ersten Nazis sehe, wird mir schlecht. Wenn ich abends im Fernsehen ihre schrecklichen Sprüche höre, bekomme ich Angst. Ich will diese Typen nicht sehen, ich will sie nicht hören, ich will sie nicht in meinem Leben haben!

Deshalb schalte ich um
und schaue mir „Bauer sucht Frau“ oder eine preisgekrönte Serie an. Deshalb blättere ich in der Zeitung zur Service-Seite und lese beim Frisör lieber Bunte als Spiegel. Ja, ich schaue weg. Aber nicht, weil es mir egal ist. Ich schaue weg, weil ich sonst überschäumen würde vor Wut und versinken würde in Trauer über so viel menschenverachtendes Gerede und – schlimmer noch – Getue. Ich blättere die Zeitung weiter, weil ich diese Hetzer nicht an meinem Frühstückstisch haben will. Ich schalte um, weil ich nicht von ihren Drohungen träumen will.

Im Kollektiv durch Mexiko

Geschrieben von Goldeber am in Abenteuer und Athleten

Für Reisende auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán ist der Colectivo erste Wahl. Das Sammeltaxi ist praktisch und günstig, nur manchmal etwas zu schnell.

Als wir den Kindern sagen, dass wir für die Fahrt von Playa del Carmen nach Tulum den Colectivo nehmen, winken sie ab. „Da sitzen wir ja neben fremden Leuten!“, empört sich Paul. Colectivo klingt ja tatsächlich ein bisschen nach sozialistischer Reise-Variante. Nach Zwangsgemeinschaft, nach Enge.

Abenteuer und Athleten

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Zum letzten Mal

Sarah ist 38 und hat Krebs im Endstadium. Christina ist 51 und Pflegerin auf der…