2040 ist die Erde sozialistisch, 2090 führen die Vereinten Nationen die Weltsprache Glos ein

Geschrieben von Goldeber am in Visionen und Vergangenheit

Mehr als die Hälfte aller heute in den Industrieländern geborenen Babys hat eine Lebenserwartung von 100 Jahren. Wissenschaftler behaupten sogar, es gebe für uns Menschen keine Altersgrenze. Aber wie leben die Menschen in 100 Jahren? Wird es noch spektakuläre Erfindungen geben? Zukunftsforscher und Science-Fiction-Autor Karlheinz Steinmüller von der Beratungsagentur „Z_punkt“ zeichnet ein (fiktives) Weltbild. Von Markus Harmann

Als Marie am 14. September 2014 in Köln zur Welt kam, waren die Straßen verstopft. Erdöl diente als Treibstoff für Autos. Man konnte für 29 Euro nach Mallorca fliegen. Die Menschen in Westafrika litten unter Ebola. Und im Kölner Zoo lebten noch echte Elefanten.

Vielleicht wird Marie ihren staunenden Kindern, Enkeln und Urenkeln davon erzählen, wenn sie mit ihnen am 14. September 2114 ihren 100. Geburtstag feiert. Die Chancen, dass sie so alt wird, stehen so gut wie nie, seit es Menschen gibt auf der Erde. Denn mehr als die Hälfte aller heute in den Industrieländern geborenen Babys darf mit einer Lebenserwartung von 100 Jahren rechnen. Das behauptet ein deutsch-dänisches Wissenschaftlerteam von der Universität Odense.

Seit 1840 ist der Trend zum längeren Leben stabil – Weltkriegen, Grippe-Epidemien und Wirtschaftskrisen zum Trotz. Statistisch kommen in Deutschland pro Jahr drei Monate Lebenszeit hinzu. „Wir sollten uns von der Vorstellung eines Lebenszeitlimits lösen“, sagt die an der Studie beteiligte Professorin Gabriele Doblhammer vom Max-Planck-Institut.

Mit anderen Worten: Es gibt für den Menschen keine Altersgrenze. Schon heute sind zum Beispiel 3047 Berliner 100 Jahre und älter (1197 Männer, 1850 Frauen), mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren (1266). Und im Einheitsjahr 1990 lebten in Berlin gerade einmal 227 Personen, die 100 Jahre alt waren oder älter. Bundesweit sind heute mehr als 13.000 Menschen 100 Jahre oder älter.

Sicher ist: 2114, wenn Marie 100 wird, ist sie eine unter mehr als zehntausend Jahrhundertmenschen allein in der Hauptstadt. Die Demografie verschiebt sich dramatisch. Die Zahl der Alten, aber auch der fitten Alten steigt. Alles andere bleibt vage. Die Zeit für große, spektakuläre Erfindungen wie das Auto, die Mondrakete, das Internet scheint vorbei. Aber wer weiß: „Vielleicht entdecken wir völlig neue Energiequellen oder ein Material, 1000-mal so hart wie Stahl, dann wäre der Bau eines Space-Lifts, eines Aufzug ins All, möglich“, sagt der Berliner Zukunftsforscher und Science-Fiction-Autor Karlheinz Steinmüller.

Wenn Marie 100 wird, sollten wir den Mond besiedelt haben. „Wenn wir es bis dahin nicht gepackt haben, schaffen wir es nie“, meint Steinmüller. Eine Basis in der Schwerelosigkeit des Erdtrabanten ist Voraussetzung für alle weiteren Ausflüge ins Weltall – zum Beispiel auf die Asteroiden, um dort Rohstoffe zu gewinnen. Für deutlich wahrscheinlicher hält Steinmüller, dass Berlin in 100 Jahren bekanntes Weinanbaugebiet wird. Die Temperaturen werden um mehr als drei Grad steigen, die Sommer werden nach einer Studie des Max-Planck-Instituts deutlich trockener. Wetterextreme (Dürreperioden, Stürme) nehmen zu. Die Flucht ins kühlere Finnland ist 2060 wohl nur noch mit dem Schiff möglich. „Ein Flug ist viel zu teuer, weil es Mitte des Jahrhunderts wahrscheinlich immer noch keine wirtschaftliche Alternative zum Erdöl geben wird“, sagt Steinmüller.

Ob das Mädchen Marie allerdings als Frau reist oder als Mann? Steinmüller hebt die Schultern: Auf sogenannten Sex- & Beauty-Farmen dauert eine Geschlechtsumwandlung drei Tage und erfreut sich großer Beliebtheit. Wer sich als Frau beruflich diskriminiert fühlt – der wird halt zum Mann. Aber kommt es wirklich so? Der Science-Fiction-Autor Steinmüller nickt. Der Wissenschaftler Steinmüller rätselt: „Vorhersagen für mehr als 20 Jahre sind schwierig.“ Auch deshalb, weil alle zehn Jahre etwas Unvorhergesehenes geschieht: das Ende des Kalten Kriegs, der 11. September. Steinmüller: „Für die kommenden Jahrzehnte heißt das: Die Entdeckung einer neuen Energiequelle, ein Nuklearkrieg oder ein rasanter Anstieg von Krebsfällen durch Elektrosmog, was die Altersstruktur drücken würde.“

Ob Marie in 100 Jahren Leo heißt und ganz selbstverständlich zum Mars fliegen wird? Ob sie in Finnland lebt, weil ihr Deutschland zu heiß ist? „Alles Science Fiction“, sagt der Zukunftsforscher und zeichnet im Folgenden ein fiktives Weltbild. Übrigens: Im Film hat es das alles schon gegeben.

2020

Zu wenig Erwerbstätige, zu viele Alte: Das solidarische Rentensystem kollabiert und wird abgeschafft. Das Arbeitsalter endet nicht mehr einheitlich bei 65 oder 67 Jahren. Ab sofort wird individuell entschieden, wer wann in den Ruhestand geht. Sachbearbeiter und Lehrer müssen, wenn sie noch fit sind, länger arbeiten. Handwerker bekommen ihr steuerfinanziertes Altersgeld früher.
Der Film zum Jahrzehnt: Aufstand der Alten (D, 2007)

2030

Keine Zeitung berichtet über eine 55-Jährige, die schwanger wird – es kommt einfach zu häufig vor. Je gebildeter die Frau, desto später kommen die Kinder: Aber bitte Qualitätskinder! Leihmutterschaften und der Einsatz von Biotechnologie verlieren ihre Anrüchigkeit. Gleichzeitig steigt die Zahl der Teenager-Schwangerschaften in der Unterschicht. Je ungebildeter die Frauen, desto früher bekommen sie Kinder und desto häufiger lehnen sie künstliche Fortpflanzungstechniken ab. Wie viel Spaltung verträgt die Gesellschaft? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Politik mehr denn je.
Die Leihmutter (Korea, 1987)

2040

Die Erde wird sozialistisch. Die USA sind als Weltmacht Geschichte. Der Einfluss der Asiaten lässt sich nicht mehr aufhalten. Sie prägen unsere kulturellen Muster: Die Blockbuster im Kino wurden in Bollywood produziert. Chinesische Medizin und Feng-Shui sind genauso gefragt wie die deutsche Schulmedizin.
„Bollywood – The Show“ (Indien, 2006)

2050

Ein Segen wird zum Fluch – die künstliche Intelligenz ist einfach zu intelligent geworden. Die Mensch-Maschinen, die seit einigen Jahren im Haushalt helfen, erkennen nicht nur unsere Emotionen, sie reagieren selbst auch unerwartet emotional: Welcher kluge Roboter will seine Blechhände im Spülwasser schmutzig machen?
A.I. – Künstliche Intelligenz (USA, 2001)

2060

Eine typische Stellenanzeige: Roboterpsychologe für drei bis fünf Monate gesucht, 24-Stunden-Schichtdienst. Schwerpunkt Löschtraumata, Intelligenz-Engineering. Sondervergütung in Aktien. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind verwischt. Gleichzeit sind Beschäftigung und Lebensunterhalt voneinander entkoppelt: Wer Teil der Menschheit ist, hat ein Recht auf eine minimale Existenz: Dach überm Kopf, ausreichend Nahrung, Zugang zu Kommunikationsnetzen.
Alien (USA, 1979)

2070

Ein vollständiger Mensch ist nur, wer beide Seiten kennt. Geschlechtsumwandlungen sind an der Tagesordnung – dank Gentechnik und Ersatzorgan-Zucht. In einer guten „Sex- und Beauty-Farm“ dauert die Umwandlung drei Tage. Wer sich noch im Jahr 2010 diskriminiert fühlte, weil sein neuer Arbeitgeber unbedingt eine Frau wollte, der verhandelt jetzt mit ihm über die Kosten einer Geschlechtsumwandlung. Biologie soll kein Schicksal mehr sein – das gilt auch für die Haut. Mit Lasertherapien lässt sich der Alterungsprozess umkehren.
Der seltsame Fall des Benjamin Button (USA, 2008)

2080

Berlin ist eine junge Stadt – im Vergleich zum Rest Deutschlands. Das Durchschnittsalter liegt bei 58,7 Jahren. Die deutsche Modekette O&F (Old & Fit) eröffnet Unter den Linden ihr weltweit 37. Versandhaus – ausgeliefert wird über ein unterirdisches Rohrpostsystem bis Paris, Warschau und Mailand. Das Netz wird monatlich erweitert.
Zurück in die Zukunft (USA, 1985)

2090

Keiner will mehr Sprachen lernen, weil man jederzeit einen Übersetzungs-Avatar buchen und bei Gesprächen dazwischenschalten kann. Eine babylonische Sprachverwirrung. Die Vereinten Nationen führen die Weltsprache Glos ein. Glos wird an allen Schulen der Welt als Zweitsprache gelehrt und ist offizielle Amtssprache aller internationalen Organisationen.
Per Anhalter durch die Galaxis (Großbritannien, 2005)

2100

Aus einer aktuellen Studie des Max-Planck-Instituts für Meteorologie: Die Temperaturen in Berlin steigen bis 2100 im Jahresschnitt um 3 Grad, im Winter sogar um 4 Grad. Im Sommer nehmen die Niederschläge um bis zu 16 Prozent ab – Brandenburg versteppt, die Spree trocknet zeitweise aus. Im Frühjahr regnet es dafür deutlich mehr – eine Zunahme von 25 %. Extreme Wetterphänomene wie Tornados werden häufiger.
Twister (USA, 1998)

2110

Das Ressourcen-Problem scheint gelöst! Der Mars ist noch immer nicht besiedelt, wohl aber der Mond. Und dort steht die Basisstation zum Weiterflug auf Asteroiden (Himmelskörper mit einem Durchmesser von maximal 30 Kilometern). Die Landung auf einem Asteroiden ist bereits mit der Technik des Jahres 2010 möglich. Die Asteroiden sind reich an Rohstoffen, Eisen, Nickel, Platin.
Total Recall (USA, 1990)

(Dieser Text erschien in ähnlicher Form in der BZ.)

 

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