Afrika mit Heimatgefühl

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Windhuk, die Hauptstadt Namibias, ist auch 99 Jahre nach Ende der deutschen Kolonialherrschaft noch ziemlich deutsch. Und das liegt nicht nur an der Hans-Dietrich-Genscher-Straße und Heidi’s Friseursalon. Ein Besuch in einer der sonderbarsten Hauptstädte der Welt. Von Markus Harmann 

Wer den vielleicht deutschesten aller Orte in Windhuk besichtigen möchte, der fährt die Fidel-Castro-Straße hoch und biegt dann links ab in die Robert-Mugabe-Avenue. Vor einem thront die Christuskirche aus rotem Quarzsandstein, mit strahlend-weißem Marmorportal. Kaiser Wilhelm II. hätte seine helle Freude, stünde er heute vor der Kirche. Vor 107 Jahren gab er deren Bau in Auftrag. Ein Stück Heimat sollte die Kirche sein für die deutschen Kolonialherren von Deutsch-Südwestafrika.

Windhuk, etwa 400.000 Einwohner, ist untypisch für die Städte im südlichen Afrika. Windhuk hat kein rappeliges Großstadtgetöse, kein Basar-Feeling und keinen Benzingeruch zu bieten. Windhuk ist beschaulich, provinziell, ein bisschen verschlafen – und immer noch ziemlich Kaiser-Wilhelm-deutsch.

Die Christuskirche ist der malerischste und zugleich befremdlichste Ort der Hauptstadt. Denn in ihr hat sich in den vergangenen 100 Jahren wenig verändert. Pfarrer Erich Rust (64), fester Händedruck, 1,90 Meter groß, predigt wie seine Vorgänger ausschließlich in deutscher Sprache. „Das hat Tradition. Zu unserer Gemeinde gehören 3000 Mitglieder – und die sprechen alle Deutsch“, sagt er und hebt fast entschuldigend die Schultern. Dabei ist Südwestafrika schon seit 1915 keine deutsche Kolonie mehr. Damals besiegten die unter der britischen Krone kämpfenden südafrikanischen Soldaten die kaiserlichen Truppen und verleibten sich den trockenen Wüstenstreifen am Atlantik ihrer Kap-Kolonie (Südafrika) ein. Viele Deutsche blieben im Land, bewirtschafteten Farmen und bildeten Parteien wie die „Demokratische Turnhallen-Allianz“.

Treffpunkt Friseursalon

Die Nachfahren der ersten Siedler leben heute noch in Namibia, das seit 1990 ein unabhängiger Staat ist. Sie kaufen ihre Brötchen in der Hansa-Bäckerei und ihre Medizin in der Luisen-Apotheke. Sie lesen die deutsche Allgemeine Zeitung (Auflage 5500) und lassen sich in „Heidis Friseursalon“ im Stadtteil Klein-Windhuk die Haare schneiden. Wie Marianne Bienert (58), eine Windhuker Geschäftsfrau.

Ich treffe sie im Friseursalon. Sie schimpft auf die Regierungspartei SWAPO, weil die nach und nach die Straßen umbenennt. Die Peter-Müller-Straße etwa wurde zur Fidel-Castro-Street. Die Kaiserstraße mit dem Café am Zoo und dem Restaurant Gathemann heißt heute Independence Avenue. „Natürlich ist es gut, dass die Apartheid weg ist. Aber auch die Deutschen und ihre Hinterlassenschaften gehören zur Geschichte dieses Landes“, sagt Bienert.

Ich fahre in den größten Stadtteil von Windhuk: Katutura – was soviel heißt wie: „Ort, in dem keiner leben möchte“. Biege von der Schützenstraße in die Bahnhofstraße ein, fahre weiter über den Western Bypass und staune an der nächsten Kreuzung: Hans-Dietrich-Genscher-Straße steht auf dem Schild. Die Straße, breit und gepflegt, führt in eine andere Welt. Kleine, einfache Hütten, viele aus Wellblech, stehen dicht nebeneinander. Sie sind in den sechziger Jahren am Reißbrett entstanden und inzwischen halb verfallen. Vor den Eingängen spielen Kinder, winken, lachen. Hierher, nach Katutura, hatte das südafrikanische Apartheid-Regime die Ureinwohner 1959 umgesiedelt. Streng getrennt nach Bevölkerungsgruppen lebten sie unter erbärmlichen Verhältnissen. Hier die Ovambos, dort die Hereros, ein paar Straßen weiter die Nama (Hottentotten). „Die Apartheid ist abgeschafft, doch die Vorbehalte der elf Bevölkerungsgruppen untereinander sind nach wie vor groß“, sagt eine Mitarbeiterin des Goethe-Instituts. „Viele fühlen sich immer noch benachteiligt im heutigen Namibia.“

Weltmeister im Erlernen von Sprachen

Andererseits: Kaum eine Bevölkerung der Welt ist so wenig einheitlich, so bunt, so multikulturell wie die in Namibia. Die Namibier sind Weltmeister im Erlernen von Sprachen. Sie sprechen meist drei, vier oder sogar fünf Landessprachen. Die Deutschstämmigen, die fast alle zur gut ausgebildeten Oberschicht gehören, beherrschen in aller Regel drei Sprachen: Deutsch, Englisch und Afrikaans.

Durch die sanfte Hügellandschaft fahre ich weiter stadtauswärts. Ich komme mir vor wie im Harz, allerdings in einem fast gänzlich unbewaldeten. Es ist staubtrocken, der Himmel strahlend blau und das Klima angenehm frisch, denn Windhuk liegt 1600 Meter hoch. Die schnurgeraden Teerstraßen sind in einem guten Zustand und haben kaum Schlaglöcher. Es geht vorbei an Schildern, die vor Warzenschweinen warnen. Ziel der Fahrt ist eine der typischen Gästefarmen, die meisten im Besitz Deutschstämmiger, wie die Farm Ondekaremba von Familie Rust. Bei Warzenschwein-Cordonbleu und Lager-Bier erzählt mir Maria Rust, dass sie sich Sorgen mache. Seit über 100 Jahren ist die Farm im Familienbesitz. Doch jetzt wird auch in Namibia über Enteignung diskutiert. „Wir hoffen nicht, dass die weißen Farmer zugunsten der schwarzen Bevölkerungsmehrheit ihr Land verlieren werden, so wie das in Simbabwe geschieht.

Die Einwohner, die aus Deutschland kamen,“ sagt Maria Rust, „gehören zur Geschichte dieses Landes.“ Die vielen Bevölkerungsgruppen und ihr Erbe – auch das macht Namibia aus. (Fotos: Harmann, Ev. Gemeinde Windhuk)

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