Auch ohne Drachen lohnt der Felsen

Geschrieben von Goldeber am in Visionen und Vergangenheit

Was will man von einem Ort erwarten, der fast alle Superlative auf sich vereint? Der deutscheste aller Berge sei er; der meist bestiegene Europas außerdem; der mit der besten Aussicht sowieso. Vielleicht sollte man gerade jetzt sagen: Nein, danke! Denn auf einem so beschriebenen Gipfel kann es ja eigentlich nur ganz unromantisch-hektisch zugehen. Doch ein Besuch auf dem Drachenfels lohnt sich – gerade jetzt!

Die Bezeichnung meist bestiegener Berg Europas trügt aus zweierlei Gründen: Erstens wird der Drachenfels bei Königswinter am Rhein von einem Großteil seiner Besucher nicht bestiegen oder erwandert, sondern mit der Zahnradbahn erklommen. Zweitens ist die Bezeichnung Berg, nun ja, zumindest ein wenig beschönigend: Der Drachenfels ist gerade einmal 321 Meter hoch. Eine auffällige Erhebung also, wenn auch in großartiger Lage am Rhein. Und richtig ist: Zwar ist auf keinem anderen Hügel-Berg Europas an sonnigen Tagen statistisch so viel Betrieb wie auf dem Drachenfels im Siebengebirge. Doch man merkt es nicht.

Auch weil die Großbaustelle unterhalb des Gipfels endlich verschwunden ist und sich die Besucher wieder mehr verteilen können. Nach drei Jahren Umbauzeit wurde das neue Plateau mit gläsernem Restaurant Ende Juni offiziell seiner Bestimmung übergeben. Ein grandioser Blick auf das Mittelhreintal bietet sich hier. Ein paar Meter höher als das Plateau thront die Ruine einer im 12. Jahrhundert errichteten und während des 30-jährigen Krieges zerstörten Ritterburg.

Irgendwo hier oben soll Siegfried, der Held der Nibelungensage, einst den Drachen Fafnir besiegt und getötet haben. Daher der Name Drachenfels. Wer nicht an die Legende glaubt, der findet eine andere, treffendere Erklärung für den namen. Unterhalb der Burgruine wurde bis ins 19. Jahrhundert Trachyt abgebaut und überall in der Region – zum Beispiel am Kölner Dom – verbaut. Trachyt: etymologisch ist es nicht weit zum Drachen.

Es gibt viele Möglichkeiten, den Drachenfels zu erklimmen: zu Fuß, auf dem Rücken eines Esels oder mit der vor 130 Jahren eröffneten Zahnradbahn. Auf dem Eselsweg kommen die Besucher an einer Reihe von Attraktionen vorbei – an dem Automatenhäuschen mit seinen Märchen-Diaramen, an der Nibelungenhalle und der Drachenhöhle mit einer 15 Meter langen Steinskulptur des Siegfried-Drachens, an einem Reptilienzoo und an Schloss Drachenburg, das seit kurzem wieder in neuem Glanz erstrahlt.

Der Aufstieg auf den Sagen-Berg ist kein Hexenwerk, man kann bequem wandern. Wer trotzdem lieber hochgefahren wird, nimmt die Drachenfelsbahn. 1883 wurde sie eingeweiht. Heute ist sie eine von dreien in Deutschland, die noch in Betrieb ist – und vielleicht die schönste von allen. Wieder ein Superlativ. Aber einer, der zum Besuch des Drachenfelsen einlädt.

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