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Selbstbesoffen unter Wasser

Geschrieben von Goldeber am in Kleiner Keiler

SelfieVon Tauchern und Narzissten. Wenn selbst Meeresschildkröten vor Selfies nicht sicher sind.   

Er zog die Taucherbrille über Augen und Nase, richtete den Schnorchel und hielt die Teleskopstange mit der Unterwasserkamera an ihrer Spitze auf Kopfhöhe. Dann tauchte er in Richtung Meeresschildkröte, die etwa drei Meter unter ihm durch die Karibik gleitete. Es erinnerte an einen Ertrinkenden, als er sich mit einer Art Purzelbaum der Schildkröte bis auf einen halben Meter näherte. Das Erstaunlichste: Das Tier blieb ganz und gar entspannt und ließ sich selbst dann nicht aus der Ruhe bringen, als die Flossen des Tauchers ihren Panzer streiften.

Es schien, als ahnte die Schildkröte, was der Mensch da über ihr im Schilde führte. Weil sie es schon kannte?

Vielleicht. Denn die Unterwasserakrobatik diente einem Zweck, der über Wasser längst (touristische) Standard-Disziplin geworden: dem Umgebungs-Selfie. Diesmal nicht: Ich und Eiffelturm oder: Ich und taumelndes Flugzeug, sondern: Ich und gelangweilte Meeresschildkröte am Playa Akumal, Yucatan, Mexico.

Das Foto-Ergebnis mag unscharf, wässrig und schlecht komponiert sein. All das ist irrelevant, denn dort, wo das Bild ganz sicher noch am selben Tag buchstäblich wieder auftauchte, kommt es nicht an auf Schärfe, Komposition und Ästhetik, sondern auf Belegbarkeit und Selbstbesoffenheit. In den Sozialen Netzwerken entspricht die Rolle des Selfie einer Herzfrequenz-Anzeige auf der Intensivstation: Sauerstoff für den Narzissten. Hurra, ich lebe noch!

Ich und die Meeresschildkröte also. Ohne Selfiestick wäre das Schildkrötenbild kaum denkbar. Denn im Unterschied zum Selfie ermöglicht das Selfiestick-Selfie auch das Aufnehmen der Umgebung und damit eine Verortung. Die ausgefahrene Rechte hoch zum fotografischen Selbstgruß – ein entscheidender evolutionärer Vorteil.

Es gab Zeiten, lange vor der Erfindung des Smartphones, da baten wir Menschen, von uns ein Foto vor dem Zugspitz-Panorama zu machen. Doch dafür mussten wir uns überwinden. Fotografieren war ein kommunikativer Akt, von dem man nicht wusste, wie er ausgehen würde. Wie würde der Gebetene reagieren? Würde der Bild-Ausschnitt so werden wie gewünscht?

Mit dem Selfiestick ist der Narzisst auch im Augenblick des Auslösens ganz Herr seiner selbst.

Aber wozu das alles? Der französische Philosoph Alexandre Lacroix sagt dazu: „Wir verschicken Fotos, Videos und Tweets an Menschen, die ihrerseits so sehr damit beschäftigt sind, selbst Inhalte zu produzieren, dass sie für uns kaum echtes Interesse aufbringen können.“ Da dieses virtuelle Posing mehr und mehr in unser Leben hineingreife, fragt Lacroix, ob wir nicht Gefahr laufen, ähnlich wie Narziss in der griechischen Sage, „in all unseren Selfies zu ertrinken“.

Der ungelenke Taucher mit dem Selfiestick zumindest hat überlebt.

Markus Harmann

„Man weiß ja nie, was noch kommt. Und deshalb muss ich schick sein“

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Die Zahl der (über) Hundertjährigen steigt rasant. Über 15.000 leben heute in Deutschland, vor 30 Jahren waren es noch 300. Eine von ihnen ist Maria Tippkämper*. Als sie am 14. Januar 1908 in Essen zur Welt kam, lief in den USA das erste Ford-T-Modell vom Band, in Südwest-Afrika schlugen die kaiserlichen deutschen Truppen den Herero-Aufstand nieder und der Erste Weltkrieg war noch mehr als sechs Jahre entfernt. Ein Porträt einer Hochbetagten. Von Markus Harmann (Text) und Nathalie Dampmann (Fotos)

Maria Tippkämper ahnte, dass sie sehr alt werden würde. Im Juli 1989, vier Monate vor der Wende, floh ihre Tochter Marion aus der DDR. Frau Tippkämper und ihr Mann Gerhard blieben in Ostberlin zurück. Zu ihrer Tochter sagte die damals 81-Jährige: „Geh ruhig, wir kommen nach. Irgendwann.“ An den Mauerfall im Herbst 1989 glaubte sie damals zwar nicht. Aber sie war überzeugt, dass schon irgendwie alles gut gehen würde. Wie ja fast immer alles gut gegangen ist in ihrem langen Leben, das im Januar 1908 in Essen-Frintrop begann und hinter der Berliner Mauer zu enden drohte. Heute lebt die Tochter eines Lokführers und einer Hausfrau im Bergischen Land bei Köln, in einem Seniorenheim, in das sie erst mit 100 Jah-ren zog. Ihre Tochter Marion ist zwar nach wie vor durch Mauern getrennt, aber es sind nur einige Hausmauern. Marion wohnt zwei, drei Querstraßen weiter. Es wurde also alles gut.

„Der Reiz Simbabwes liegt auch in der Tragik des Landes“

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Gefälschte Wahlen, geplünderte Farmen, ein greiser Diktator und das Feindbild Europa. Kann man als Europäerin freiwillig in Simbabwe leben? Und ob, sagt Doro Grebe, seit sechs Jahren zuhause in Harare. Für die Reihe „Innenansichten. Besser als der Ruf?“ sprach Goldeber mit ihr über das Durchhaltevermögen der Simbabwer, volle Supermarkt-Regale und darüber, warum es sich trotz politischer Frustration im Privaten gut leben lässt. Von Markus Harmann

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