Kleiner Keiler

Mandarinen im Kopf

Geschrieben von Katrin Jäger am in Kleiner Keiler

Von KATRIN JÄGER

Die Schale lag schon da, die Fingernägel waren schon orange verfärbt und der unvergleichliche Duft der frisch gepellten Mandarine stieg in meine Nase, da musste ich unvermittelt an einen immer wieder gerne zitierten Satz von Forrest Gump aus dem gleichnamigen Film denken. Tom Hanks, der den naiven aber zugleich mit sensationellen Fähigkeiten ausgestattenen Gump spielt, sagt dort: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man kriegt.“ Warum mir ausgerechnet jetzt, während ich noch die letzten weißen Fäden von dem Fruchfleisch zuppele, dieses Filmzitat in den Sinn kommt, ist klar: Auch bei einder Mandarine weiß man nie, was einen erwartet. Hat sie Kerne, ist sie sauer, ist sie süß, ist sie prall oder schon labberig? Tja, man wird es erst wissen, wenn man es wagt in sie hineinzubeißen.  Insofern könnte die Mandarine auch eine gute Metapher für das Leben an sich sein. Schließlich weiß man beim Leben auch nie, ob es sauer oder süß wird. Und an dieser Stelle rufe ich jetzt laut und deutlich: HALT! Was für ein Quatsch! Warum versuchen wir eigentlich dauernd irgendwelche Weisheiten in Form von weise klingenden Sprüchen von uns zu geben. Schaut man sich bei Facebook um, wird einem ganz schwindelig vor lauter krummen Zitaten: Und kaum einer merkt, dass sehr viele dieser vermeintlichen Sinnsprüche absolut sinnlos sind. Bleiben wir beim Pralinenzitat aus dem Film: Wenn es ein Lebensmittel gibt, von dem ich ganz genau weiß, was mich erwartet, ist es eine Praline aus einer Schachtel Pralinen. Denn unter der Packung wird immer ganz genau beschrieben, ob das Schokoteilchen Nougat, Marzipan oder Edellikör enthält, sogar Fotos gibt es da. Ich bin also überhaupt nicht überrascht, nichts ist unerwartet und damit kann man auch nicht die Schachtel Pralinen mit dem Leben vergleichen, bei dem ich nicht weiß, was ich kriege.Die Mandarine übrigens war echt okay. Saftig genug, kein Kern drin. Als ich sie aufgegessen hatte, dachte ich kurz noch: „Das Leben ist wie ein Netz Mandarinen, man weiß nie, was man kriegt.“ Vielleicht sollte ich das doch mal posten…? Scherz!

 

Selbstbesoffen unter Wasser

Geschrieben von Goldeber am in Kleiner Keiler

SelfieVon Tauchern und Narzissten. Wenn selbst Meeresschildkröten vor Selfies nicht sicher sind.   

Er zog die Taucherbrille über Augen und Nase, richtete den Schnorchel und hielt die Teleskopstange mit der Unterwasserkamera an ihrer Spitze auf Kopfhöhe. Dann tauchte er in Richtung Meeresschildkröte, die etwa drei Meter unter ihm durch die Karibik gleitete. Es erinnerte an einen Ertrinkenden, als er sich mit einer Art Purzelbaum der Schildkröte bis auf einen halben Meter näherte. Das Erstaunlichste: Das Tier blieb ganz und gar entspannt und ließ sich selbst dann nicht aus der Ruhe bringen, als die Flossen des Tauchers ihren Panzer streiften.

Es schien, als ahnte die Schildkröte, was der Mensch da über ihr im Schilde führte. Weil sie es schon kannte?

Vielleicht. Denn die Unterwasserakrobatik diente einem Zweck, der über Wasser längst (touristische) Standard-Disziplin geworden: dem Umgebungs-Selfie. Diesmal nicht: Ich und Eiffelturm oder: Ich und taumelndes Flugzeug, sondern: Ich und gelangweilte Meeresschildkröte am Playa Akumal, Yucatan, Mexico.

Das Foto-Ergebnis mag unscharf, wässrig und schlecht komponiert sein. All das ist irrelevant, denn dort, wo das Bild ganz sicher noch am selben Tag buchstäblich wieder auftauchte, kommt es nicht an auf Schärfe, Komposition und Ästhetik, sondern auf Belegbarkeit und Selbstbesoffenheit. In den Sozialen Netzwerken entspricht die Rolle des Selfie einer Herzfrequenz-Anzeige auf der Intensivstation: Sauerstoff für den Narzissten. Hurra, ich lebe noch!

Ich und die Meeresschildkröte also. Ohne Selfiestick wäre das Schildkrötenbild kaum denkbar. Denn im Unterschied zum Selfie ermöglicht das Selfiestick-Selfie auch das Aufnehmen der Umgebung und damit eine Verortung. Die ausgefahrene Rechte hoch zum fotografischen Selbstgruß – ein entscheidender evolutionärer Vorteil.

Es gab Zeiten, lange vor der Erfindung des Smartphones, da baten wir Menschen, von uns ein Foto vor dem Zugspitz-Panorama zu machen. Doch dafür mussten wir uns überwinden. Fotografieren war ein kommunikativer Akt, von dem man nicht wusste, wie er ausgehen würde. Wie würde der Gebetene reagieren? Würde der Bild-Ausschnitt so werden wie gewünscht?

Mit dem Selfiestick ist der Narzisst auch im Augenblick des Auslösens ganz Herr seiner selbst.

Aber wozu das alles? Der französische Philosoph Alexandre Lacroix sagt dazu: „Wir verschicken Fotos, Videos und Tweets an Menschen, die ihrerseits so sehr damit beschäftigt sind, selbst Inhalte zu produzieren, dass sie für uns kaum echtes Interesse aufbringen können.“ Da dieses virtuelle Posing mehr und mehr in unser Leben hineingreife, fragt Lacroix, ob wir nicht Gefahr laufen, ähnlich wie Narziss in der griechischen Sage, „in all unseren Selfies zu ertrinken“.

Der ungelenke Taucher mit dem Selfiestick zumindest hat überlebt.

Markus Harmann

Ein Jahr NSA-Enthüllungen

Geschrieben von Goldeber am in Kleiner Keiler

Warum das Internet zwar schön, aber eben nicht demokratisch ist.

Ja, natürlich ist es furchtbar zu wissen, dass Emails mitgelesen werden. Dass die NSA mich überwacht und Großkonzern Google meine Interessen und Hobbys kennt. Aber soll ich deshalb verzweifeln? Hätte ich es nicht eigentlich längst wissen müssen?

Ein Betriebsunfall ist der Abhörskandal nicht. Das Internet ist kein basisdemokratisches Instrument, das sich an das Grundgesetz hält. So war es auch nie gedacht, dazu wurde es hochgejubelt. Es wird von gewinnorientierten Mega-Konzernen dominiert. Wer hat es (mit)erfunden? Genau, die US-Militärs. Zur Überwachung Anderer. Wir haben uns das Netz bloß zu Nutze gemacht, weil es so schön, so einfach, so kommunikativ ist. 

Das Internet ist keine Online-Kommunikations-Alternative, keine Verlagerung der analogen zwischenmenschlichen Kommunikation ins Virtuelle. Das ist Quatsch. Das Internet wurde nicht dazu geschaffen, frei, unzensiert und ohne Überwachung zu sein.

Das Internet wird sich nicht anpassen. Aber wir, wir müssen uns ändern und uns bewusst machen, was das Internet eben auch macht und kann. Deshalb sollten wir es nicht verteufeln und nicht in Panik verfallen. Nur vielleicht ein bisschen vorsichtiger sein mit dem, was wir virtuell so von uns geben.

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