Ruanda: Viel mehr als nur Völkermord

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Ruanda – noch immer wird dieses kleine afrikanische Land hauptsächlich mit dem Völkermord identifiziert. Jacques Nkinzingabo (23) möchte das ändern. Der Fotograf kam im März 1994 auf die Welt, wenige Wochen vor Beginn des größten organisierten Massenmords seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Mit seinen Bildern (oben) möchte er zeigen: Ruanda hat längst auch eine andere, ganz normale Seite.

Wenn Jacques Nkinzingabo durch sein ehemaliges Stadtviertel in Kigali streift, ist das so, als käme ein Fußballstar vorbei. Junge Männer klatschen ihn ab, bitten um ein Selfie. Frauen bleiben stehen, drehen sich schüchtern nach ihm um. Kinder folgen ihm. Je weiter Jacques durch die engen Gassen zwischen den Häusern aus Stein und Lehm geht, desto größer wird die Menschen-Traube.

Jacques ist 23 Jahre alt und Fotograf – der erste aus Ruanda, der seine Werke im Rahmen einer Einzelausstellung zeigte. Das war 2015 im Goethe-Institut in Kigali. Danach folgten Einladungen aus anderen afrikanischen und europäischen Ländern. 2016 waren seine Bilder beim Pariser Foto-Festival Le Pop-Up du Label zu sehen, im September wird er seine Aufnahmen in einer New Yorker Galerie ausstellen.

Inzwischen wohnt Jacques am anderen Ende Kigalis, doch so oft er kann, kommt er zurück zu seinen Wurzeln. „Hier wurde ich geboren“, sagt er plötzlich und bleibt vor einem der Häuser stehen, von denen die meisten weder fließendes Wasser noch Strom haben. Eine junge Frau mit Baby auf dem Arm umarmt ihn überschwänglich.

Beispielloses Morden

Erinnerung an die Zeit in diesem Haus hat er keine. Zwei Wochen nach seiner Geburt begann am 6. April 1994 in Ruanda ein beispielloses Morden. In 100 Tagen ermordeten radikale Hutu zwischen 800.000 und einer Million Tutsi und gemäßigte Hutu. Auch Jacques‘ Vater wurde umgebracht. Seine Mutter floh mit dem Baby aufs Land, Verwandte und Freunde versteckten beide, bis der Genozid im Juli 1994 von einer Armee unter Führung des heutigen Staatspräsidenten Paul Kagame beendet wurde.

Bis heute wird Ruanda in aller Welt hauptsächlich mit dem Völkermord identifiziert. Die Frage, ob er Hutu oder Tutsi sei, wird Jacques oft gestellt. Meist lässt er sie, wie viele Menschen seines Landes, unbeantwortet – aus Prinzip: „Wir sind Ruander“, sagt der junge Mann, der heute vor allem eines will: Die Schatten der Vergangenheit überwinden. Sein Instrument dafür ist die Kamera. Als er 15 war, bat sein Lehrer ihn, Aufnahmen von der Schule zu machen. So begann seine Faszination für die Fotografie.

Jacques‘ künstlerischer Fokus gilt weniger den neuen Gebäuden und Straßen – obwohl gerade Kigali mit seinen vielen neuen Bürobauten und Start-ups im Zentrum prosperiert. „Ich möchte die Menschen hinter dieser Entwicklung zeigen“, sagt er und erzählt, dass seine Mutter ihm oft gesagt habe, er sehe gar nicht aus wie ein Ruander.

Tatsächlich fällt Jacques auf, wenn er mit Dreadlocks, Kamera, buntem Stoffbeutel und einem Hang zum Grimassen-Schneiden durch Kigali streift. Das Exzentrische ist Teil seines Auftretens: „Jeder ist Ruander, egal ob er groß oder klein, ob er dick oder dünn ist“, sagt er. Auch damit wendet er sich gegen die rassistische Einteilung vor dem Genozid: Die großen und schlanken Menschen wurden meist der Gruppe der Tutsi zugerechnet, die kleineren den Hutu. Die Einteilung wurde bis 1994 sogar im Personalausweis vermerkt.

Heute sind fast zwei Drittel der Ruander unter 25 Jahre alt. Sie alle haben keine persönlichen Erinnerungen an den Völkermord. „Wir wollen, dass unser Land dafür wahrgenommen wird, was es geschafft hat in den vergangenen Jahren“, sagt Jacques Nkinzingabo. Und so ist es vor allem die Nach-Genozid-Generation, der er ein Gesicht gibt. Dass er die Vergangenheit nicht ausblenden kann, ist ihm bewusst. „Ich möchte 1994 nicht ausradieren, im Gegenteil: Der Genozid ist Teil unserer Geschichte, aber er soll sie nicht dominieren.“

I am a survivor

Tatsächlich ist es schwer, in Ruanda Menschen zu treffen, die weder Angehörige verloren haben, noch aus Täterfamilien stammen. Fast 75 Prozent der Tutsi-Minderheit wurden damals getötet. Dass auch Jacques einen Verlust hatte, verbindet ihn mit vielen der von ihm Fotografierten. In der Ausstellung „I am a survivor“ (bis 4. August im Goethe-Institut in Kigali) porträtiert er Menschen seiner Generation, die ebenfalls Mutter oder Vater verloren haben. Es war auch ein Abtauchen in die eigene Vergangenheit. Er wollte wissen: Wie haben andere den Verlust verkraftet? Wie sind sie aufgewachsen? Wie präsent ist der Völkermord noch?

In der Erinnerung seiner Generation verblasse der Massenmord von 1994 mehr und mehr, sagt Jacques. Diesen Eindruck hat er vor allem dann, wenn er mit seiner Kamera durch die Straßen Kigalis streift. Am liebsten dokumentiert er Alltagsszenen. Frauen, die Gemüse zum Markt tragen; Kinder, die Fußbällen hinterherjagen; junge Männer, die in den See springen. „In diesen Momenten hat Ruanda so eine schöne Normalität“, sagt der Überlebende.

Text: Markus Harmann, Fotos: Jacques Nkinzingabo

 

 

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Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

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Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

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