Ein Pro & Contra

Geschrieben von Goldeber am in Kleiner Keiler

Darf man gerade jetzt Urlaub in Ägypten machen?

JA, Ägypten ist auf dem Weg zur Demokratie und braucht gerade jetzt Unterstützung. 

Ägypten ist im Ausnahmezustand. Aber warum sollte man deshalb keinen Urlaub dort machen, wenn man sich sicher fühlt? Jahrezehntelang sind wir doch nach Ägypten gereist. Da war Ägypten zwar nicht im Ausnahmezustand, aber eine lupenreine Diktatur. Jetzt ist Ägypten auf dem steinigen eg zur Demokratie.

Wirtschaftlich spricht ohnehin viel dafür, gerade jetzt in das Land zu reisen, dessen Bruttoinlandsprodukt sich zu einem großen Teil durch Tourismus speist. 2010, vor der Revolution, machte der Tourismus fast zwölf Prozent des BIPs aus. Viele Ägypter leben von uns Touristen, wer also das Land jetzt meidet, straft nicht die Mächtigen, sondern die Menschen.

Natürlich, es kann ein seltsames Gefühl sein, am Strand seiner Hotelburg in Hurghada zu liegen, während man weiß, dass in Kairo Menschen sterben. Aber schauen wir uns die anderen Massen-Urlaubsbländer an: Dominikanische Republik? Das Land wird von korrupten Eliten regiert, die Bevölkerung leidet unter Willkür. Thailand? Auf Majestätsbeleidigung steht Knast. Türkei? Präsident Erdogan lässt friedliche Demonstranten mit Tränengas und Wasserfwerfen beiseite räumen

Wer Ägypten meidet, weil ihm das Land zu unreif, zu gewaltbereit, zu undemokratisch erscheint, hat dazu jedes Recht der Welt. Doch dann sollte er künftig nur noch auf eine deutsche Nordseeinsel reisen. Dort ist die Welt noch in Ordnung.

NEIN, es ist gewissenlos, sich jetzt in einer der Hotelburgen am Roten Meer einzuquartieren.

Ägypten ist günstig wie nie. Kein Wunder: Die Hotelburgen am Roten Meer sind leer. Es ist verlockend, gerade jetzt eine Reise in das Land am Nil zu buchen, aber es ist auch gewissenlos.

Wer jetzt nach in einer der All-inclu-Anlagen von Hurghada reist, handelt opportunistisch, denn er zieht aus dem Schaden Anderer Nutzen. Die Demonstranten in Kairo wollen die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrem Land ändern und bezahlen mit ihrer Gesundheit oder sogar ihrem Leben. Pauschal-Urlauber, die gerade jetzt für wenig Geld buchen, unterstützen damit nicht die Menschen, sondern lediglich deren fortlaufende Ausbeutung. Schon vor der Revolution arbeiteten viele für einen Hungerlohn in der Tourismusbranche.

Gegen eine Reise nach Ägypten spricht natürlich grundsätzlich nichts (allenfalls eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes), nur sollte man sich auch für die Belange seines Gastlandes und dessen Bewohner interessieren. Lange genug haben westliche Pauschal-Urlauber mit ihren Devisen das Mubarak-Regime mit am Leben gehalten. Jetzt ist Zeit, an die Menschen und ihren Kampf für ein freies und demokratisches Ägypten zu denken. Eine Billig-Reise wäre da pietätlos.

Tags:, ,

Trackback von deiner Website.

Kommentieren

Abenteuer und Athleten

Wo Dracula Treppen stieg und Harry Potter mit der Bahn fuhr

Yorkshire ist rau, geschichtsträchtig, Kulisse für Literaturklassiker und längst nicht so beliebt wie Südengland. Doch…

Medien und Moral

Wenn Bücher sprechen

In der „Lebenden Bibliothek“ der Caritas erzählen Menschen ihre Geschichten – und die können so…

Orte und Originale

„Aleppo schön, Aleppo bumm“

Fast ein halbes Jahr lebte die syrisch-kurdische Familie aus der Nähe von Aleppo in einer…

Visionen und Vergangenheit

Zum letzten Mal

Sarah ist 38 und hat Krebs im Endstadium. Christina ist 51 und Pflegerin auf der…