Das fast vergessene Dorf

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Fast 80 Jahre nach den Olympischen Spielen von Berlin erwacht das einstige Athleten-Quartier aus seinem Dornröschenschlaf. Die DKB-Stiftung versucht zu retten, was zu retten ist – und setzt auf die Hilfe von Zeitzeuge und Autogrammjäger Fritz Wandt (89). Aus dem Archiv von Markus Harmann

Ein kleines, schwarzes Notizbuch. Liniert, ohne Rand. Mit etwas zittrigen Fingern blättert Fritz Wandt durch die vergilbten Seiten. Sie sind vollgekritzelt. Eintragungen in Sütterlin und immer wieder Autogramme, Autogramme, Autogramme. Das Notizbuch mit dem Ledereinband ist Wandts Verbindung in das Jahr 1936. Damals ließen die Nazis die Olympischen Spiele in Berlin ausrichten. Glamouröse Propaganda-Wettkämpfe, die den schönen Schein des Dritten Reichs wahren sollten. Die 4000 männlichen Athleten wohnten in dieser Zeit in einem eigenen Dorf bei Elstal, westlich der Hauptstadt.

Nachbarsjunge Fritz Wandt war 12, als er im August 1936 mit seinem Fahrrad und dem Notizbüchlein nach Elstal fuhr, um die sportlichen Helden seiner Kindheit zu treffen. Hockeyspieler aus Indien, Schwimmer aus Italien, Leichtathleten aus Deutschland. „Ich war furchtbar aufgeregt. Aber die Sportler auch. So viel Rummel hatten die ja noch nie erlebt“, erzählt Wand.

Jedes Haus hatte Telefonanschluss

Diesmal, im Sommer 2013, ist er mit seinem alten, weinroten Golf in das Olympische Dorf gekommen. Besser gesagt: In das, was Krieg und Besatzungszeit von der Muster-Siedlung an der B5 übrig gelassen haben. Werner March, Architekt des Olympiastadions, hatte auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in nur zwei Jahren Bauzeit ringförmig 141 moderne Wohnhäuser errichten lassen. Jedes von ihnen ausgestattet mit Terrasse und Telefon. „Es war von Anfang an klar, dass das Dorf nach Ende der Spiele militärisch genutzt werden sollte“, sagt Wandt. Davon ahnten die Sportler freilich nichts. Die von der NS-Propaganda zum „Dorf des Friedens“ stilisierte Siedlung war Bestandteil einer trügerischen politischen Inszenierung. Während der Spiele verschwanden antisemitische Parolen aus dem Berliner Stadtbild, der Verkauf des Hetzblattes „Der Stürmer“ wurde untersagt.

Zurückgenommen auch die Architektur des Olympischen Dorfs. Nazi-typischen Protz erwartet man hier vergebens. 4000 männliche Athleten waren in Elstal einquartiert. „Die ersten, die kamen, waren die Australier“, erinnert sich Wandt. Die 500 Frauen brachten die Organisatoren weit weniger komfortabel auf dem Gelände des Reichssportfeldes am Olympiastadion unter. Das lag nicht allein an strengen Moralvorstellungen, sondern wohl auch an mangelnder Akzeptanz für weibliche Olympionikinnen. Pierre de Coubertin, der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, hatte es einst so ausgedrückt: „Der einzige wirkliche olympische Held ist, das habe ich stets gesagt, die vollendet kraftvolle männliche Persönlichkeit.“

Die Gebäude in Elstal wurden eingebettet in eine künstliche Auenlandschaft mit Wegen und einem See. Mehr als 100.000 Kubikmeter Erdreich ließen die Landschaftsplaner für ihr deutsches Kunst-Idyll verschieben und 1000 bis zu 160 Jahre alte Kiefern, Eichen und Birken umsetzen. Aufträge für den Bau des „deutschesten aller Dörfer“ wurden ausschließlich an regionale Firmen vergeben – mit der Auflage, nur „rein deutsche Arbeiter arischer Abstammung“ einzusetzen. Für die Gäste zeigte man sich hingegen offen und erfüllte Extrawünsche: Es gab eine Freiluftbar, auf besonderen Wunsch der Holländer und Belgier wurde Alkohol ausgeschenkt. Für die Japaner baute man ein Badehaus aus Holz. Und die Finnen bekamen ihre Sauna, von der nur noch Fundamentreste übrig sind.

Sie erneuern Dächer und räumen Schutt weg

Heute versuchen Zimmerleute und Maurer, Ein-Euro-Jobber und Ehrenamtliche zu retten, was zu retten ist. Im Auftrag der Stiftung der Deutschen Kreditbank (DKB) erneuern sie Dächer, räumen Schutt weg und legen alte Wege frei. Die DKB erwarb das Gelände im Dezember 2005, steckt seitdem jedes Jahr mehrere 100.000 Euro in den Unterhalt der Anlage. „Herr Wandt ist uns eine ungeheure Hilfe. Er weiß, wie es hier einmal ausgesehen hat“, sagt Barbara Eisenhuth, bei der DKB-Stiftung zuständig für Bau und Technik.

Der ehemalige Landwirt Fritz Wandt ist das, was man gemeinhin rüstig nennt: Der Verstand klar, die Erinnerung präzise. Treppen meistert er wie ein junger Athlet und, ach ja, er braucht nicht einmal eine Brille, wenn er in alten Dokumenten blättert. Das Dorf und die Beschäftigung damit halten ihn jung. Besuchern zeigt er sein Notizbuch mit den Autogrammen. Allein 2011 sind 25.000 Personen gekommen, um sich das 2009 von der Bundesregierung in die Liste der Denkmale von nationaler Bedeutung aufgenommene Areal anzuschauen. So viele wie im gesamten Kalten Krieg nicht.

Der Sportplatz sieht schon wieder so aus wie vor 76 Jahren. Der Rasen ist frisch ausgesät, der Belag für die Aschenbahn gerade aufgebracht. „Aber die Zuschauer-Bänke, die gab’s damals nicht, die muss die Rote Armee mitgebracht haben“, sagt Wandt.

Nachdem die Sportler ihr Domizil verlassen hatten, zog zum 1. Dezember 1936 die Wehrmacht mit einem Lehrregiment ein. Die Halle der Nationen hieß nun Offiziersheim, in den Sportlerunterkünften schliefen Soldaten. Im April 1945 besetzte die Sowjetarmee das Dorf und blieb bis 1992. Die neuen Bewohner verhängten das Wandrelief schreitender Wehrmachtssoldaten mit rotem Samt, dafür pinselten sie Lenin überlebensgroß an die Wand des einstigen Festsaals. Unweit der Sportlerbaracken stehen heute Plattenbauten. Das Olympische Dorf von 1936 – es ist auch ein Spiegelbild deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert.

Für Fritz Wand blieb das Dorf in den Jahrzehnten zwischen Krieg und Wiedervereinigung ein verbotenes Territorium. Erst Mitte der 90er Jahre wagte sich der Nachbar wieder in das einstige Olympiaquartier. Das Notizbuch ließ er zuhause, dafür begleiteten ihn seine Enkel. „Ich war entsetzt. Vieles habe ich gar nicht wiedererkannt. Es war alles so verfallen“, sagt er und schüttelt den Kopf. Von den einst 141 Gebäuden stehen heute noch 16, das Empfangsgebäude ist abgerissen, der See ausgetrocknet.

Im Dach der Schwimmhalle klaffte ein Brandloch. Im August 1936 war die Halle eine der modernsten der Welt. Teile der Fensterwand ließen sich mittels Kettenseilzug nach oben fahren. Die Sportler wateten durch Fußbecken nach draußen. „Deutsche Wertarbeit“, urteilt Wandt und klopft auf den Rand des Schwimmbeckens. Das ist weitgehend im Originalzustand erhalten. Inzwischen ließ die DKB-Stiftung für mehr als eine Million Euro das Dach erneuern, Wände ausbessern und die Fensterfront im Sinne des Denkmalschutzes sanieren.

Das Becken wurde für kurze Zeit wieder geflutet. Als Attraktion für die Besucher. Und als Beweis, dass der Zustand der Anlage gar nicht mal so schlecht ist. „Wir haben lange gehofft, dass jemand mit viel Geld kommt und sagt, jetzt habe ich die zündende Idee für die Schwimmhalle und das Gelände hier“, sagt Frau Eisenhuth. Vor Jahren interessierte sich der Deutsche Fußball-Bund für das Olympische Dorf. Fritz Wandt führte dessen ehemaligen Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder auf das Dach des Speisehauses der Nationen, um ihm die tolle Umgebung zu zeigen. „Hat leider nichts genutzt. Der Bau einer Sportschule war ihm wohl zu teuer“, so Wandt.

Zwar hofft man bei der DKB-Stiftung immer noch auf den Investor für das 55 Hektar große Areal, aber gemeldet hat er sich bislang noch nicht. „Nicht ausgeschlossen, dass mal einer kommt und sagt, er hat die perfekte Verwendung für das Gelände. Aber bis es soweit ist, betreiben wir das Areal als Museum“, sagt Frau Eisenhuth. Und so lange kein Interessent kommt, wird eben weiter renoviert.

Spar-Sanierung für 13.000 Euro

Wie im einstigen Quartier der US-Mannschaft. Heute heißt es Jesse-Owens-Haus, benannt nach dem dunkelhäutigen Superstar der Spiele (vier Goldmedaillen). Ein-Euro-Jobber deckten das Dach einer der zehn verbliebenen Baracken ab, tauschten verfaulte Sparren aus, bürsteten die übrigen einfach ab und setzten Ziegel wieder drauf. Spar-Sanierung für 13.000 Euro. Immerhin – das Dach ist dicht. Eines der zwölf spartanisch eingerichteten Doppelzimmer für die Athleten ließ die DKB originalgetreu wieder herrichten. Dass die Nachttische und der Stuhl bei einer schwedischen Möbelhauskette gekauft wurden, stört Fritz Wandt nicht. Er bedauert hingegen, dass in seinem Notizbuch das Autogramm von Jesse Owens fehlt. „Den habe ich leider nie erwischt.“

Das Büchlein lagerte all die Jahre in einer Schublade in der Stube. „Meine Eltern haben dafür gesorgt, dass ich es nicht verliere“, sagt er. In den Nachkriegsjahren kritzelte Wandt allerhand Privates in das Autogrammheft, etwa die Menüfolge für seine Hochzeit oder Telefonnummern von Mitarbeitern.

Vor einigen Jahren nahm Wandt dann das Buch mit ins Olympische Dorf. Die DKB ließ leichtathletische Schaukämpfe veranstalten auf historischem Grund. Mit dabei waren die Kugelstoßer Astrid Kumbernuss und Ralf Bartels oder Stabhochspringer Danny Ecker. Wandt, der über 80-Jährige, ging auf sie zu. Schüchtern, aufgeregt, wie ein kleiner Junge bat er um Autogramme. Danach war das Notizbuch fast voll – sieben Jahrzehnte nach den Olympischen Spielen in Berlin.

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