Das Phänomen Helene Fischer

Geschrieben von Goldeber am in Medien und Moral

Die Bewunderung für Helene Fischer ist bei den Deutschen atem-, pardon: grenzenlos. Selbst ausgewiesene Schlagerhasser zollen dem blonden Erfolgssternchen Respekt. Warum nur? Eine Antwort von Katrin Jäger.

Udo Jürgens stirbt und sie macht Quote, weil sein letzter TV-Auftritt der in ihrer Sendung war. Wir werden Fußballweltmeister und sie singt im kurzen Trikot am Brandenburger Tor, weil die Mannschaft ihre Musik mag. DJs müssen sie auf Partys spielen, selbst wenn sonst kein Schlager durch ihre Boxen klingen dürfte. Helene Fischer, am 5. August 1984 als Jelena Petrowna Fischer im sowjetischen Krasnojarsk geboren, ist überall, läuft überall und gefällt – beinahe – überall.

Und das ist eines der wirklich großen Rätsel, das uns das Jahr 2014 hinterlässt. Denn eigentlich gehören Lieder wie „Atemlos“ auf Aprés-Ski-Parties und in die CD-Regale von Menschen, die auch „Zehn nackte Frisösen“ hören. Warum werden nicht nur die üblichen Verdächtigen – sprich Fox-Trott-Tänzer und Ballermänner – bei Helene weich? Warum zollen ihr sogar erklärte Schlagerhasser Respekt?

Vielleicht liegt es ja an den Texten? „Atemlos, schwindelfrei, großes Kino für uns zwei.“ Nein, das kann definitiv nicht sein. Ein paar Floskeln, die sich reimen, das war es auch schon. Aber: Gerade weil „Atemlos“ nicht gespickt mit komplizierten Wortwendungen ist, kann wirklich jeder schnell mitsingen – und mitsingen macht Spaß. Schlagend ist dieses Argument aber auch nicht. Mitsingen kann man auch bei den Toten Hosen, bei den Ärzten, bei Revolverheld oder Andreas Bourani – ohne sich dabei in die Untiefen (oder besser: Flachheiten) des Schlagers begeben zu müssen . Warum also lieber peinliche Texte mitgröhlen, statt mit cooler Party-Mucke abfeiern?

Hört man sich den Fischer-Sound an und blendet den schlichten Text aus, fällt auf: Das kling schon irgendwie nach Pop. Würde Helene englisch singen, könnte sie glatt als Lady Gaga durchgehen. Doch eben auch nur fast. Und wenn man noch genauer hinhört, stellt man fest: Jeder Madonna-Song hat mehr Groove und Tempo. Warum also der Helene-Hype, wo es doch so viel anderes, besseres Zeug gibt?

Fragt man die Leute, die die Tanzflächen zu ihrer schlichten Musik stürmen statt die Zeit für den Klogang zu nutzen, ist die Antwort bei den Männern meist ein Lächeln und ein: „Die ist schon süß.“ Die Frauen nicken wissend dazu.

Und dann folgt oft ein Satz, der so klingt, wie eine Rechtfertigung: „Die kann auch wirklich singen.“

Ja, was für eine Überraschung bei einer Sängerin. Sie kann singen! Das KANN doch nicht der Grund für den Fischer-Fanatismus sein, oder?

„Aber sie singt ja auch nicht nur“, werden jetzt ihre Fans einwerfen. Es stimmt. Fischer moderiert und tanzt, macht Tschibo-Werbung und sitzt auf einem Trapez und ihr steht dieses rote Ganzkörper-Glitzerkleid wirklich.

Ihr gutes Aussehen ist unbestreitbar und irgendwie universell. Und der Trick, mit dem sie so viele erwischt: Sie wirkt nicht wie eine peinlich aufgebrezelte Schlagertussi, sondern wie eine moderne und nette junge Frau, die aus irgendeinem Grunde den falschen Typen ausgewählt hat – auch wenn Florian Silbereisen sich rein optisch inzwischen etwas vermännlicht hat.

Am Ende ist es wahrscheinlich genau das. Helene Fischer ist für viele hör- und spielbar, weil sie ansehbar ist.

Aber ein kleines bisschen kann es auch an der musikalischen Gehirnwäsche liegen, die uns seit einem Jahr auf jeder Party verabreicht wird. Wobei die Frage ist, was zu erst da war: Die Fischer-Dauerschleife oder die Fischer-Fans. Doch eigentlich ist das egal, denn es läuft auf dasselbe hinaus. Ob nun Omi ihren 60. oder der Neffe seinen 18. feiert, ob betrunken oder nüchtern -– Helene macht irgendwann alle atemlos. Weil sie tanzen – oder weit, weit weglaufen…

(Bild: Fred Kuhles, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), via Wikimedia Commons)

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