Der nach den Sternen greift

Geschrieben von Goldeber am in Abenteuer und Athleten

Als dritter Deutscher fliegt Astronaut Alexander Gerst (38) in wenigen Tagen für sechs Monate zur Raumstation ISS. Dafür musste er sich zunächst gegen mehr als 8000 Astronauten-Anwärter durchsetzen, dann in wenigen Monaten russisch lernen und allein in den Wäldern Sardiniens überleben. Jetzt geht sein Kindheitstraum in Erfüllung – wenn nicht noch eine dicke Grippe dazwischen kommt. Von Markus Harmann

Der Tag, von dem Alexander Gerst seit 30 Jahren träumt, wird mit einem ganz normalen Frühstück im kasachischen Baikonur beginnen. Brot, Aufschnitt, Kaffee, dazu vielleicht ein Ei. Anschließend wird der Deutsche in einem Kleinbus rüber zum Weltraumbahnhof Juri Gagarin gefahren. „Dort steige ich in meinen Astronauten-Anzug und klettere hoch auf den Sitz einer Sojus-Kapsel“, sagt Gerst. Es folgen Druck- und Systemtests. Läuft alles nach Plan, startet die Rakete mit dem dann 38-Jährigen an Bord zwei Stunden später zu ihrem Flug ins All. Ihr Ziel: die Internationale Raumstation ISS. 

Als dritter Deutscher nach Thomas Reiter und Hans Schlegel wird Gerst ab Ende Mai 2014 auf der ISS leben und forschen. Sechs Monate dauert die Mission auf der Erdumlaufbahn in knapp 400 Kilometern Höhe. Damit ist die ISS von der Erde gerade einmal so weit entfernt wie Hamburg von Köln. Nur, dass man auf dem Weg über deutsche Autobahnen keine Atmosphäre überwinden muss und auch nicht plötzlich in der Schwerelosigkeit landet.

Opa war Amateurfunker

In einem Nachbau der Raumstation in einer riesigen Halle des Europäischen Astronautenzentrums in Köln trainiert Gerst zurzeit für seinen Kindheitstraum, der seinen Anfang einst im Keller seines Opas in Künzelsau (Baden-Württemberg) nahm. Der Großvater war leidenschaftlicher Amateurfunker. Enkel Alexander sah ihm dabei zu, wie er Signale ins All schickte und auf eine Antwort wartete. „Ich war schon immer neugierig. Ich wollte wissen, warum die Dinosaurier ausgestorben sind, wie Stürme entstehen, wie es zu Erdbeben kommt und wie es im Weltall aussieht.“ Raumschiff Enterprise, Captain Future und all die anderen Science-Fiction Serien interessierten ihn damals nur bedingt. „Das war mir zu unrealistisch. Ich war immer enttäuscht, wenn sich der Held aus einem Problem einfach rausbeamen konnte.“

Gerst studierte später Geophysik, lebte vier Monate in der Antarktis, um einen Vulkan zu erforschen. Vom Kraterrand schaute er in das Erdinnere.

Dass er Jahre später die Chance bekommen würde, hinter das Äußere der Erde zu blicken, daran glaubte er nicht ernsthaft, als er sich 2008 bei der Europäischen Weltraumbehörde ESA bewarb. Die ESA suchte damals in einer europaweiten Ausschreibung Astronauten. „Eines Abends war die ESA am Telefon, ich wollte gerade schwimmen gehen und hatte fest mit einer Absage gerechnet“, erzählt Gerst. Stattdessen forderte man ihn auf, anderthalb Tage später nach Paris zu reisen. Dort würden die Astronauten für die künftigen Missionen vorgestellt. Alexander Gerst hatte sich gegen mehr als 8400 Bewerber durchgesetzt.

ISS ist so groß wie eine Boeing

Überzeugt hatte er offenbar mit seinen vier Antarktis-Aufenthalten. Wer viele Monate mit anderen Wissenschaftlern in der Eiswüste überlebt, der schafft auch ein halbes Jahr in der ISS mit der Innengröße einer Boeing 747. Natürlich bringt Gerst auch andere Qualitäten mit: Er ist Teamplayer, Doktor der Geophysik, offen und sehr kommunikativ. Trotzdem muss er sich immer wieder beweisen. In nur wenigen Monaten lernte er russisch. Anschließend setzte man ihn und seine Astronauten-Kollegen in den Wäldern  Sardiniens aus. Ohne Nahrung, die mussten sie sich suchen. „Da lernt man viel über sich selbst und über andere“, sagt Gerst.

Mentales und körperliches Training sind das eine, wissenschaftliche Ausbildung und technische Erfahrung das andere. Im Nachbau der Raumstation in Köln werden alle Handgriffe 100-fach geübt. Und auch für das Leben an Bord gibt es Nachhilfe. Geschlafen wird in einem Raum von der Größe einer Telefonzelle – quasi im Stehen. „Auf der Raumstation MIR gab es sogar mal eine Dusche, doch die hat in der Schwerelosigkeit nicht richtig funktioniert“, erzählt Gerst. Die ISS kommt daher ohne Duschkabine aus. Er und seine Kollegen aus den USA und Russland werden sich sechs Monate lang mit nassen Lappen reinigen müssen. Für Gerst nicht der Rede wert, für das Abenteuer Weltraum nimmt er schließlich so einiges in Kauf, auch eine sechsmonatige Fernbeziehung mit gelegentlichem Funk- oder Skype-Kontakt.

Zwei bis drei Wochen vor dem Start darf er seine Freundin und seine Familie zum letzten Mal „so richtig treffen“. Danach beginnt für die Astronauten der Mission in Baikonur die Quarantäne. Damit soll verhindert werden, dass sich die Sternenfahrer kurz vor der Reise noch Krankheitsviren einfangen und mitnehmen zur ISS. „Am Abend vor dem Start ist allerdings noch ein Sichtkontakt mit Angehörigen möglich, hinter einer Glasscheibe.“

Seine Freundin, beteuert Gerst, nehme die Trennung gelassen. „Am liebsten würde sie mitfliegen. Das geht natürlich nicht. Aber sie weiß, dass ich mir einen Traum erfülle.“ Und dann fügt er noch hinzu: „Sie würde sich sogar freuen, wenn ich zum Mars flöge.“ Gerst lacht und ergänzt: „Sie würde sich für mich freuen.“ Eine Reise zum roten Planeten dauert rund acht Monate – nur der Hinflug versteht sich.

Der Flug mit dem Raumschiff Sojus zur ISS ist nach etwa neun Stunden geschafft. Gerst wird danach für seine Forschung vor allem das Columbus-Raumlabor der ESA beziehen und sich unter anderem humanmedizinischen Versuchen widmen. In der Schwerelosigkeit verändern sich die Hirn-Aktivitäten. Ganz ähnlich ergeht es Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben. Teile ihres Hirns funktionieren nicht mehr, andere Regionen springen ein. Mit Hilfe der Experimente in der Schwerelosigkeit könnten neue Therapien entwickelt werden.

Angst vor der Mission habe er keine, beteuert Gerst, wohl aber Respekt – nicht nur vor den ersten Tagen, wenn der Orientierungssinn durcheinander gewirbelt wird. Respekt habe er auch davor, dass die Forschungsreise ins All zu einem neuen Blick auf die Erde führe. „Das haben bislang alle Astronauten, die da oben waren, berichtet. Man geht anders mit der Erde um, wenn man sieht, wie hauchdünn die Atmosphäre ist.“ Jeder Mensch, so Gerst, sollte die Möglichkeit haben, einmal ins All zu fliegen.

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