Die jungen Mexikaner wollen ihr Land verändern, die alten haben mit der Politik abgeschlossen

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Die Verschleppung und Ermordung von 43 Studenten hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Mexiko gelenkt: Das mittelamerikanische Land erlebt Gewalt und Korruption in offenbar immer größerem Ausmaß. Hinzu kommt, dass es als Transitland für Drogen in die USA zu einem Kampfgebiet der Kartelle geworden ist. Doch ist das das wahre Bild Mexikos? Für die Reihe „Innenansichten. Besser als der Ruf?“ sprach Goldeber mit Pablo Andreae. Der gebürtige Kölner lebt seit einem Jahr auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan und arbeitet u.a. als Reiseführer.   

Goldeber: Du lebst seit einem Jahr in Mexiko. Wie oft hast Du Dich schon bedroht gefühlt?

Pablo Andreae: Kein einziges Mal. Warum?

Man hat den Eindruck, Mexiko sei das neue Kolumbien: Drogenkartelle, die sich erbittert bekämpfen; Politiker, die am Geschäft mit den Drogen mitverdienen sollen; unaufgeklärte Morde; korrupte Polizisten, Regionen, die man besser nicht bereisen sollte.

Ganz sicher haben Drogenkartelle in Mexiko seit Jahrzehnten großen Einfluss auf politische Entscheidungen. Und was noch schlimmer ist: In bestimmten Regionen auch auf das gesellschaftliche Leben.

Inwiefern?

Meine Freundin zog vor acht Jahren aus Monterrey nahe der Grenze zu den USA nach Playa del Carmen. In Monterrey war es ihr zu gefährlich geworden. Die Kartelle trugen ihre Kämpfe um Einfluss und Territorien damals im Zentrum der Stadt aus. Es gab fast täglich Schießereien auf offener Straße. Erst der Einsatz der mexikanischen Armee sorgte dafür, dass sich die Lage beruhigte.

Im ganzen Land?

Nein, der Drogenkrieg zog weiter in andere Städte. Unaufgeklärte Morde und korrupte Polizisten gehören hier tatsächlich zum Alltag. Dabei sollte man aber auch im Auge haben, was Polizisten in Mexiko verdienen. Viele sind zwingend auf ein zweites Einkommen angewiesen, um ihre Familie ernähren zu können. Das Problem ist also meines Erachtens hausgemacht. Die meisten Mexikaner halten sich so gut es geht von der Polizei fern.

So lange man sich also aus bestimmten Regionen fern hält und auch nicht die Hilfe der Polizei benötigt, ist alles gut?

Ich lebe im Bundestaat Quintana Roo auf der Halbinsel Yucatan, die sicher nicht repräsentativ ist für Mexiko. Die Riviera Maya ist aktuell die Touristenhochburg in Mexiko. Daher besteht von verschiedensten Seiten ein großes Interesse daran, dass hier nichts passiert, was Touristen davon abhalten könnte, hier ihren Urlaub zu verbringen. Alleine durch den Tourismus erwirtschaftet Mexiko immerhin acht bis neun Prozent des jährlichen Bruttoinlandsproduktes.

Triffst Du besondere Sicherheitsvorkehrungen?

Ich würde eher sagen, ich benehme mich vernünftig. Ich lasse mein iPhone in der Tasche, wenn ich durch die Stadt gehe. In der Nacht sind schlecht beleuchtete, unbelebte Seitenstraßen tabu. Neulich war ich als Tour-Guide mit einer deutschen Reisegruppe im Bundesstaat Chiapas unterwegs. Während der Rundreise bekam ich von meiner Agentur die Anweisung, aus Sicherheitsgründen die Route zu ändern, da auf der angedachten Strecke vermehrt Reisegruppen überfallen worden sind.

Wie wohnst Du in Mexiko?

Ich wohne mit meiner mexikanischen Freundin Paola und unserer Hündin Nena etwa 20 Busminuten außerhalb von Playa del Carmen. Wir haben ein 50-Quadratmeter-Häuschen mit kleinem Garten gemietet, in das wir vor sechs Monaten eingezogen sind. Dass wir jetzt eine Couch und statt einer einzelnen elektrischen Kochplatte einen Gasherd haben, ist für uns der reine Luxus. Für mich eine tolle Erfahrung, mit wie wenig man im Leben auskommen kann. Ich bin in unserer Wohnsiedlung wahrscheinlich der einzige Europäer. So hupt mich hier jedes vorbeifahrende Taxi an. Die halten mich für einen Touristen, der sich irgendwie hierhin verlaufen haben muss.

Nach dem Mord an 43 Studenten im September 2014 entstand der Eindruck, die Mexikaner seien wirklich erschüttert gewesen und würden für einen besseren Staat auf die Straße gehen.

Der Mord hat eine Protestwelle ausgelöst, die es hier seit Jahren nicht mehr gegeben hat. Aber es waren vor allem die jungen Leute, die auf die Straße gingen. Die Regierung hat sich nicht wirklich um Aufarbeitung bemüht, ein Sonderermittler hat sich nach ersten kritischen Fragen mit den Worten „Me cansé!“ – „Mir reicht’s!“ verabschiedet. Danach mobilisierte sich die Studentengemeinde in den sozialen Netzwerken. Auch hier in Playa del Carmen gab es über Wochen Protestmärsche. Noch haben die jungen Menschen den Ehrgeiz und die Energie, das auch öffentlich zu äußern. Mein Eindruck ist aber, die Generation Ü50 hat mit dem Thema Politik abgeschlossen und glaubt nicht mehr an positive Veränderungen.

Wie präsent sind der Drogenkrieg, die Korruption und Gewalt in den mexikanischen Medien?

Wie groß der Einfluss der bzw. die Angst vor den Kartellen wirklich ist, zeigt, dass die Zeitung „Diario de Juárez“ aus Ciudad Juárez seit kurzer Zeit nicht mehr über die Drogenkartelle berichtet. Die Redaktion könne die Sicherheit ihrer Mitarbeiter und deren Familien nicht mehr garantieren, hieß es. Aus meiner Sicht eine demokratische Bankrotterklärung! Für viele Mexikaner aber lediglich eine weitere schlechte Nachricht, wirklich verwundert darüber war hier niemand.

Wir denken beim Stichwort Mexiko an Drogen und Gewalt. Du bist näher dran: Was ist für Dich typisch Mexiko?

Musik. Überall läuft Musik. Und Musik definiert sich hier meistens nicht nach Qualität, sondern nach Lautstärke. Und deshalb wird die Musik aufgedreht bis die Boxen fast platzen. So muss man manchmal kleinere Läden vorzeitig verlassen, um keinen Hörsturz zu erleiden. Und Mexiko ist ein traumhaft schönes Land.

Auch ein Urlaubsland?

Auf jeden Fall. Nicht zufällig kommen jährlich fast 100 Millionen Touristen. Das Besondere ist vielleicht, dass jeder hier seine Vorstellungen eines Traumurlaubs verwirklichen kann. Die Riviera Maya hat traumhafte Karibikstrände und ist ein echtes Tauchparadies. Absolut reizvoll und sicher zu erreichen sind die alten Maya-Stätten in Tulum und Coba und das neue Weltwunder Chichen Itzá. Darüber hinaus hat man die Möglichkeit, spanische Kolonialstädte aus dem 16. Jahrhundert, etwa Valladolid, zu besuchen.

Noch ein kleiner Tipp für diejenigen, die gerne vollständig autark unterwegs sind: Bitte nehmt euch keinen Mietwagen. Im Falle eines Unfalls mit Personenschaden gilt hier nämlich die Schuldvermutung. Das heißt bis die Schuldfrage geklärt ist gehen beide Unfallparteien oftmals für eine Woche ins Gefängnis. Das muss ja im Urlaub nicht unbedingt sein.

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