Die vergessenen Kinder von Sokolniki

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Die Wehrmacht missbrauchte im Zweiten Weltkrieg Tausende Heimkinder aus der ehemaligen Sowjetunion als Blutspender für verwundete Soldaten. In einem Heim in Charkow (Ukraine) überlebten gerade einmal 56 von 2000 Kindern den Krieg. Nur noch wenige können heute das Verbrechen bezeugen, unter ihnen Nikolaj Kalaschnikow. Von Markus Harmann (Text) und Dirk Lässig (Fotos)

Nikolaj Kalaschnikow wirkt plötzlich unsicher. Mit skeptischen Blicken mustert er seine Zuhörer, macht eine kurze Gesprächspause, neigt den Kopf nach links, dann nach rechts und fragt: „Glauben Sie mir das etwa nicht?“

Er sei es gewohnt, so lässt der 81-jährige Ukrainer an diesem Abend in Berlin von einer Dolmetscherin übersetzen, dass man ihm keinen Glauben schenke. Jahrzehntelang habe man seine Geschichte schließlich nicht wahrhaben oder einfach nicht hören wollen. Weder in der Ukraine, noch in Deutschland. Zu beklemmend war sie, zu grausam, eigentlich unfassbar: Während des Zweiten Weltkriegs lebte Kalaschnikow in einem Kinderheim in Charkow, Ukraine. Ihm und den anderen Waisen nahmen die deutschen Besatzer immer wieder viel Blut ab. Mit dem Blut sollte das Leben verwundeter Wehrmachtssoldaten gerettet werden. 2000 Kinder waren sie damals in dem Heim im Stadtteil Sokolniki. Nur 56, so ermittelten Historiker, überlebten den Krieg.

Sechs dieser ehemaligen Heim-Kinder – alle zwischen 77 und 81 Jahre alt – waren vor einiger Zeit auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werkes in Berlin. Das Hilfswerk, 1973 von dem Essener Journalisten Alfons Erb gegründet, unterstützt Opfer des Nationalsozialismus, vor allem ehemalige Ghetto- und KZ-Häftlinge.

Es ist früher Abend. Die Luft in dem kleinen Foyer der Begegnungsstätte im Berliner Stadtteil Karlshorst ist verbraucht. Eine Lampe wirft schummriges Licht in den Raum. Kalaschnikow und die fünf Mitgereisten sitzen eng nebeneinander an einem kleinen Tisch, als sie den Journalisten ihre Geschichte erzählen. Für die Ukrainer ist es ihr erster Besuch in Deutschland. „Ich wollte in das Land fahren, das mir so viel angetan hat. Das mir meine Kindheit genommen hat“, sagt Nikolaj Kalschnikow und seine Stimme wird brüchig. Er ist ein kräftiger Mann mit weichen Gesichtszügen, einer dicken Hornbrille und vielen Goldzähnen.

Am  17. Mai 1932 wird Kalaschnikow als ältester Sohn eines Chauffeurs und einer Arbeiterin in Charkow geboren. Als 1941 der Krieg gegen Deutschland beginnt, muss sein Vater an die Front. Seine Mutter bleibt mit ihren fünf Kindern zu Hause. Im Dezember 1941 verlässt die Mutter das Haus, sie will in der von den Deutschen abgeriegelten Stadt Lebensmittel auftreiben. Doch auch nach zehn Tagen ist sie noch nicht zurück. Kalaschnikow vermutet, dass die Deutschen sie festgehalten oder einfach die Wege versperrt haben. Als eine Nachbarin die ausgehungerten Kinder entdeckt, die eng aneinander in einem Bett liegen, um sich zu wärmen, ist das Jüngste, Wladimir, bereits tot. Die Frau verständigt die deutschen Behörden, die die Kinder in das Heim Sokolniki am Rande der Stadt bringen. „Es war sehr sehr kalt, daran erinnere ich mich noch gut“, sagt Kalschnikow. In Charkow herrschen 40 Grad Frost. „Als wir in das Heim kamen, wurden wir von Kindern umringt, die uns anflehten, ihnen etwas Brot zu geben. Aber wir hatten ja selbst nichts.“ Die Kinder erbetteln Abfälle von Nachbarn und gehen, als der Frost nachlässt, in den Wald, um dort nach Essbarem zu suchen. Viele Kinder sterben in jenem Winter 1941, sie erfrieren, verhungern, werden von Tuberkulose oder Diphterie dahingerafft.

Die deutschen Besatzer kennen das Heim. Erst kommen sie, um Kinder abzuholen, die behindert sind. Was mit ihnen geschieht, wissen Kalaschnikow und die anderen nicht. Was sie aber wissen: Keines der Kinder kommt jemals zurück. Dann suchen sie insgesamt 39 Kinder aus, die den Rassenkriterien der Nazis entsprechen, um sie nach Deutschland zu schicken. Das belegt ein Schriftstück, das Kalschnikow aus einer Ledertasche kramt. Eine vergilbte DIN-A 4 Seite mit 39 Namen in kyrillischer Schrift, ganz zerknittert vom vielen Zeigen und Herumreichen. Das Papier ist eines der wenigen Dokumente, die von der Zeit im Kinderheim erzählen.

Für die Kinder, die im Heim bleiben, unter ihnen Kalaschnikow und seine Schwester Wera, beginnt eine Tortur, die sie bis heute nicht vergessen können.

Kalaschnikows Stimme wird energischer, als er sagt: „Sie hatten ein rotes Kreuz an ihren Fahrzeugen.“ Deutsche Militärtransporter, die irgendwann in jenem Winter 1941/42 vor dem Kinderheim vorfahren. Die Frauen, die mit den Soldaten aussteigen, tragen weiße Kittel und Häubchen. Weiße, unschuldige Kleidung in diesem schmutzigen Krieg. Der zehnjährige Nikolaj Kalaschnikow und die anderen Kinder wiegen sich in Sicherheit. „Wir dachten, diese Menschen kamen, um uns zu helfen. Doch sie hatten nicht einmal Brot dabei.“

Die deutschen Krankenschwestern haben wenig Zeit. Resolut setzen sie die Kinder auf Stühle, desinfizieren die Arme, setzen große Spritzen an. Übereinstimmend berichten Überlebende, das man ihnen erzählt habe, sie würden geimpft. Doch die Kinder glauben es nicht, denn es geht ihnen danach nie besser, sondern immer schlechter.

Es wird so lange Blut abgenommen, bis die Kinder ohnmächtig werden. Mehrere Liter sind es jedes Mal. Als gut verträglich gilt allgemein die Entnahme von maximal einem halben Liter – und das auch nur bei Erwachsenen. Wer überlebt, bekommt eine Zucker-Lösung zu trinken und ein Stück Brot zu essen. Die qualvolle Prozedur wiederholt sich. Etwa zweimal in der Woche kommen die Deutschen in das Heim. „Irgendwann rannten wir einfach in den Wald, wenn wir das Auto kommen sahen“, sagt Kalschnikow.

Ukrainische Kinder, die mit ihrem Blut das Leben deutscher Soldaten retten sollen? Diese Praxis führte Hitlers Theorie von der Überlegenheit der arischen Rasse freilich ad absurdum. „Es besteht kein Zweifel daran, dass Tausende Kinder, überwiegend Waisenkinder, in den besetzten Gebieten der ehemaligen Sowjetunion für eine Frischblutspende missbraucht wurden. Die Rassen-Ideologie war außer Kraft gesetzt“, sagt Helga Kohne. Die Soziologin hat die Herforder NS-Gedenkstätte „Zellentrakt“ mit aufgebaut und sich intensiv mit dem so genannten Blutraub an Kindern befasst.

Auch der ukrainische Journalist Wladimir Rudyuk hat das Verbrechen recherchiert und bestätigt, was Kalaschnikow und die anderen Überlebenden berichten. Nicht nur aus Sokolniki, auch aus anderen Kinderheimen, die jeweils nahe an Militärflughäfen der Deutschen lagen, gibt es Berichte von gewaltsamen Blutentnahmen.

Rudyuk geht heute davon aus, dass allein in Sokolniki jeden Monat 100 Kinder starben. 2000 sollen es während der deutschen Besatzung gewesen sein.

Soziologin Kohn vermutet hinter dem Blutraub sogar eine Systematik. „Überall in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten in der Sowjetunion sind Fälle von Blutraub in Waisenhäusern bekannt. Wir wissen es zum Beispiel aus Heimen in Makejewka (Ukraine) und Taganrog.“ Waisenkinder gab es genug angesichts von 25 Millionen gefallenen und ermorderten Menschen in der Sowjetunion.

Im Februar 1943 erobert die Rote Armee Charkow von den Deutschen zurück. Die überlebenden Kinder sind in einem erbärmlichen Zustand. „Wir waren ganz elende Gestalten, abgemagert und ausgehungert“, sagt Kalaschnikow. Kurz bevor die Wehrmacht sich endgültig aus der Stadt zurückzieht, ergeht der Befehl, das Heim mit den Kindern darin anzünden. Es sollen keine Zeugen zurückbleiben. Niemand soll von dem Verbrechen an den Kindern erfahren. Es kommt anders: „Die Leiterin des Heims fiel vor einem deutschen Offizier auf die Knie, flehte ihn an, die übrig gebliebenen Kinder am Leben zu lassen“, erzählt Kalschnikow. Ob es genau so war – niemand kann es bezeugen. Kalaschnikow sagt, er wisse nicht mehr genau, ob er es selbst gesehen habe, oder ob man ihm später von dem Flehen der Heimleiterin erzählt habe. Tatsächlich aber zünden die Deutschen das Heim nicht an, sie zerstören stattdessen eine benachbarte, leer stehende Scheune. „Auch Deutsche hatten damals Herz“, sagt der alte Mann – und man weiß nicht, ob er wirklich so denkt oder ob er zum Schluss einfach etwas Versöhnliches sagen möchte.

Von den Kindern aus Sokolniki leben heute noch 13. Erst vor wenigen Jahren haben sie sich zu einem Verein zusammengeschlossen, um der Welt von ihrem Schicksal zu erzählen. So gut sie es können. Ein Schleier, sagt Kalaschnikow, lege sich langsam über die Erinnerung. Und dann sei da ja auch noch das Alter. „Wir haben nicht mehr viel Zeit.“

Aber warum haben sie erst so spät angefangen zu reden? Kalaschnikow hält einen Moment inne. Seine Augen werden feucht, als er erzählt, dass sie aus Angst geschwiegen hätten. Aus Angst vor ihren eigenen Landsleuten. Unter Diktator Stalin waren er und die anderen Überlebenden geächtet, weil sie den Deutschen Blut „gespendet“ hätten. Es ist die perfide Logik der Stalin-Ära: Genau wie sowjetische Zwangsarbeiter in Deutschland galten auch die Kinder aus dem Heim als Kollaborateure. Und als Stalin endlich tot war, habe sich niemand mehr interessiert für die Kinder aus Sokolniki. „Wir haben geschwiegen“, sagt Kalschnikow, „es hätte uns eh niemand geglaubt“.

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