Düne frei!

Geschrieben von Goldeber am in Abenteuer und Athleten

Selbst kochen, abwaschen, aufräumen, Betten beziehen. Warum ein Urlaub im Ferienhaus manchmal anstrengend, aber immer der perfekte Urlaub ist. Von Katrin Jäger

Man muss kein Psychologe sein, um zu erkennen, dass die Art und Weise, wie wir unseren Urlaub verbringen, eine Menge über uns aussagt. Anhand der Zielwahl und der Größe der Unterkunft lässt sich schlussfolgern, ob wir verliebt, verheiratet, mit einem, zwei oder gar mehr Kindern gesegnet sind und wie groß in etwa unser Haushaltseinkommen ist. Doch das alles sind Oberflächlichkeiten. Unsere Ferienvorlieben verraten noch viel mehr, tiefer liegendes. Nämlich unsere Prägung, unseren Charakter, kurz: uns.

Deshalb wäre es mir natürlich lieb, ich könnte an dieser Stelle anderes, aufregender klingendes sagen als: Wir werden unseren Sommerurlaub in einem Ferienhaus in Dänemark verbringen. Denn eigentlich fühle ich mich ja tief in meinem Herzen als Abenteurerin und würde gern behaupten, dass wir mit den Kindern durch Indien trampen oder in Griechenland wild campen.

Ich würde viele neidische Ah’s und Oh’s ernten, wenn ich verkünden würde, wir checken in einem Fünf-Sterne-All-In-Hotel in der Karibik oder wenigstens auf Malle ein. Aber selbst wenn ein Lottogewinn es mir möglich machen würde, ich denke, ich würde verzichten.

Mehr zustimmende Gespräche würde ich führen können, wenn wir in eine Ferienanlage á la Center Park fahren würden, in der ich endlich mal nicht kochen müsste. Doch auch hier sage ich: Nein, lieber Dänemark mit Ferienhaus als all inclusiv und eingegattert.

Hotelzimmer? Ich könnte mich nicht entspannen

Doch warum will ich kein Hotelzimmer, kein Appartment und keine Vollversorgung? Die Antwort ist kurz: Ich könnte mich dort nicht entspannen. Denn auch wenn ich kein Abenteurer in Sachen Urlaub bin und mir ein ungeplanter Trip durch ferne Länder mit Kindern einfach zu ungewiss ist, die Gewissheit, dass ich morgens und abends in einem dafür vorgesehenen Essensraum essen muss, die Vorstellung, dass eine Putzfrau in meinem Chaos Ordnung schafft, dass womöglich noch jemand versucht, mich oder meine Kinder zu animieren – die löst bei mir Beklemmungen aus.

Ich mag es, wenn ich im Urlaub der Bestimmer bin. In einem Ferienhaus bin ich das. Vollkommen. Sobald der Schlüssel abgeholt ist, ist alles geklärt. Ich bin der Hausbesitzer. Ich habe das Sagen. Die Kinder erobern ihr Schlafzimmer, streiten sich, wer im Stockbett oben liegt und ich räume die Küchenregale mit ein paar mitgebrachten Vorräten ein. So ähnlich muss sich ein Hund fühlen, der seine Duftmarke setzt, wobei dieser Vergleich, jetzt nicht gerade ein appetitlicher ist, wo wir ja gerade in der Küche sind.

Trotzdem. Es ist so. Sobald wir unser Ferienhaus betreten, stromern wir durch alle Räume, öffnen Schränke und freuen uns wie Schneekönige, wenn wir eine Spielesammlung finden oder im Schuppen ein paar Schüppen. Wir beziehen die Betten und testen die Matratzen, die meist nicht so gut wie zu Hause sind. Doch wir wissen, dass wir trotzdem gut schlafen werden.

Barfuß durch Dünentäler

Dann betreten wir das Grundstück. Unser Grundstück für zwei Wochen. Wenn wir Glück haben, liegt es zwischen Dünen mit Blick aufs Meer. Unbezahlbar ist das eigentlich, wer kann schon so nah am Wasser  wohnen. Wir können. Für zwei Wochen haben wir also ein Haus mit Meerblick und wir können barfuß durch Dünentäler und -hügel zum Strand laufen. Das ist besser als jede Wellness-Massage im Hotel.

Dann kommt der Hunger. Und wir müssen überlegen, wo es den nächsten Supermarkt gibt. Wir erkunden die Gegend. Wo ist der Bäcker? Wo gibt es dänisches Bier – das kaum teurer ist als unseres -, wo kriegen wir den flüssigen Joghurt her, den es nur hier gibt und der auch nur hier so gut schmeckt. Wir fahren durch die Straßen, wir schauen uns um, wir suchen. Kein echtes, aber ein kleines Abenteuer ist das – ohne sicheres Buffet und Frühstück bis 10 Uhr mit Tee-oder-Kaffee. Apropos bis 10 Uhr. Wir können noch um 12 Frühstücken. Im Schlafanzug. Oder nackt. So wie wir wollen.

Abends grillen wir. Oder auch nicht. Natürlich ärgern wir uns, wenn wir die Grillkohle vorhin nicht gekauft haben, aber nur kurz, denn gerade sehen wir, wie die Sonne untergeht.

Wenn uns das Haus zu klein ist, gehen wir in den Garten. Wir hängen unsere salzignassen Handtücher an die Wäscheleine,  wir lassen die sandigen Schuhe auf der Terrasse stehen. Wenn wir Musik hören wollen, suchen wir im Radio nach guten dänischen Sendern und legen unsere mitgebrachten CDs auf. Hier gibt es keinen Hotel-DJ, der uns was von Helene Fischer auf die Ohren haut.

Wir schlendern durch die Ferienhaussiedlung und vergleichen die Häuser. Unseres ist vielleicht das kleinste und hässlichste, aber es ist nur 100 Meter vom Meer entfernt und wäre größer und hübscher zu teuer gewesen. Wir schmieden Pläne für die nächsten Tage, verwerfen sie, ändern sie – je nach Wetterlage oder Laune. Egal, wir haben uns bei keiner geführten Tour angemeldet, niemand erwartet uns, niemand lockt uns zum Bogenschießen, Bingo-Spielen oder einer Bootstour.

Wenn es regnet, holen wir die Spielesammlung aus dem Schrank und malen Urlaubsbilder, lesen dicke Bücher. Wenn der Regen nicht aufhört, ärgern wir uns, sind aber froh, dass wir nicht zelten und in keinem engen Zimmer hocken müssen. Und erst wenn er dann immer noch nicht aufhört, träumen wir von einem Urlaub im Süden, da wo die Sonne meistens scheint. Doch eins steht fest. Wenn wir das wirklich mal machen, dann wollen wir ein Ferienhaus. Ganz für uns alleine. Nah am Meer. Und mittags frühstücken wir dann barfuß – oder auch nicht.

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