Einmal kurz aussteigen, bitte!

Geschrieben von Katrin Jäger am in Orte und Originale

Das Kanaren-Eiland La Gomera zieht Hippies, Ökofreaks, Wanderer und gestresste Mütter an – viele von ihnen sind auf Sinnsuche, einige finden sich dort selbst. Von Katrin Jäger (Text und Fotos)

Es waren einmal zwei Frauen. Fast vierzig, insgesamt fünf Kinder, je einen Ehemann, dauermüde, dauerüberfordert von Dreck auf den Fliesen, übervollen Wäschekörben,   anspruchsvollen Teilzeitjobs. Und auch wenn die Männer gutaussehend, die Ehe glücklich, die Kinder unvergleichlich klug und süß waren – einmal wollten die Frauen weg von allem! Karin und Katrin – so hießen die beiden – träumten fünf lange Jahre von einer Woche Aussteigen. Während sie Windeln wechselten, schreiende Kinder beruhigten, die Fliesen wischten und den Anfang der Diät auf nächsten Montag verschoben, planten sie ihre Auszeit. Endlich wieder durchatmen, innehalten, die eigene Seele wiederfinden und danach baumeln lassen. Das wär’s. Und so machten sie sich auf nach La Gomera. Denn dort steigen irgendwie alle ein bisschen aus.

Das sanfte Klima, die fehlenden Betonburgen, der gar nicht mainstreamige schwarze Lavasandstrand zieht schon seit den  70er Jahren die Sinn-, Gott-, Guru- und sich selbst suchenden auf das Kanareneiland. Hippies, Ökos, Trommelfreaks – die meisten treffen sich im Valle Gran Rey, dem schönsten Tal der Insel. Und für eine Woche war es der schönste Ort der Welt für Karin und Katrin.

Doch wie es mit so vielen schönen Dingen ist. Der Weg dahin ist oft beschwerlich. Wer nach Gomera will, muss erst nach Teneriffa. Vom Flughafen im Süden der großen, kargen und verbauten Insel geht es mit dem Taxi zum Hafen Los Christianos. Anne – strähnige blonde Haare, Flatterrock, Leierstimme – gesellt sich beim Gepäckband zu Karin und Katrin. „Tschuldigung, wollt ihr auch nach Gomera? Sollen wir uns n’ Taxi teilen.“  Aber: „Keinen Stress. Entweder wir treffen uns gleich draußen oder nicht.“ Die beiden Frauen klatschen sich ab. „Yeah – unser erster Hippie!“

Zu dritt geht es dann zum Hafen. Die Schnellfähre, die direkt am Valle Gran Rey (kurz: Valle) anlegt, erwischen sie nicht mehr. Also besteigen sie die große Fähre, die an der anderen Gomera-Seite stoppt. Danach heißt das nächste Ziel: Busstation. Warten, einsteigen, Klimaanlage genießen, die Insel überqueren. Der Fahrer bekreuzigt sich an jeder Kapelle, die am Wegesrand liegt, Katrin starrt auf die Straße und merkt davon nichts – Reiseübelkeit. Wäre sie mit Kindern verreist, hätte sie ein Mittel dagegen eingepackt. Doch so …

Zwei Stunden und eine Millionen Kurven später steht sie mit wackeligen Beinen an der Haltestelle Calera, dem hoch gelegenen Ortsteil des Valles. Wer es etwas flacher – und bequemer – mag, sollte lieber in Playa oder Vueltas oder direkt am kleinen Hafen wohnen.

Doch Karin und Katrin wollten ja das Original, den Klassiker der Gomera-Backpacker. Also steigen sie Treppen. Der Lohn für die Mühe: Meerblick, Muskelkater und ein Minipreis für das Apartment (15 Euro pro Nacht).

Als sie ihre schweren Rucksäcke endlich abschultern und unterm Bett verstauen können, sind sie – ja – erleichtert. Rollkoffer wären besser gewesen, doch auf einer Hippie-Insel mit Business-Gepäck? Ne.

Das erste Ziel ist so klar wie der Himmel. Die Kultbar unten in Playa heißt Casa Maria. Das weißblaue Haus an der Straßenkreuzung sieht nicht besonders schön aus, das Essen ist nur okay, der Blick auf den Berg inzwischen verbaut. Aber das kalte Bier kommt schnell. Und während auf der gegenüberliegenden Strandpromenade schon der Schatten liegt und die Strickjacken herausgeholt werden, strahlen die letzten Sonnenstrahlen auf die strahlenden Gesichter der Gäste vom Maria. Es soll vorkommen, dass diese klatschen, wenn die Sonne im Meer versinkt. Es ist verbrieft, dass sie klatschen, wenn die Hausband wieder einmal einen ihrer wunderbaren Auftritte hinlegt. Ein paar einheimische Männer sitzen an einem Tisch und spielen spanische Musik. Mit soviel Herzblut, Können und so wenig Showeffekten, dass den beiden Frauen ganz mulmig zumute wird – so echt ist das. Und wenn dann Carlos aus seiner Eisbar von der anderen Strandseite zu seinem Gastauftritt herüberkommt und mit einer Hand in der Tasche und gesenktem Blick „Quanta la mera“ singt, denken weder Karin noch Katrin an ihre Kinder oder an putzwürdige Badezimmer. Sie hören nur zu und trinken Bier. Die Seele baumelt im Takt.

Aus dem Takt kommt sie erst wieder am nächsten Nachmittag. Die beiden wollen hoch hinaus. Sie wollen wandern. Das tun sie auch – mit viel Freude und wenig Ausdauer. Der Ausblick übers Tal ist gigantisch, der Weg abwechslungsreich und anspruchsvoll, die Köpfe rot. Dann geht es abwärts. Endlich? Oh nein: Der Abstieg ins Valle entpuppt sich als gerölliger Höllentrip. Doch das Happy End folgt im – na klar – Casa Maria. Beim zweiten Bier taufen sie sich selbst „Alpinkatzen“ und planen schon die nächste Tour. Die wird sie ein paar Tage später durch mystischen Nebelwald auf den höchsten Gipfel der Kanareninsel – auf den Garajonay (1487 m) – führen: Dem Himmel so nah – dem Wäschekeller so fern!

Ihr Tagesablauf ist inzwischen komplett gomerisiert: Morgens Frühstück auf der Dachterasse mit Brötchen vom deutschen Öko-Bäcker aus dem spanischen Minimarkt. Dann lesen. Dann zum kleinen Hafenstrand, weil am Stadtstrand nur Steine und kein Sand vorhanden sind und weil am etwas abseits gelegenen Playa del Inglès zwar hübsche Nackte aber auch eine hübsch gefährliche Strömung toben. Statt Strand geht aber auch Shoppen, denn die Geschäfte im Valle sind auf jeden Fall anders als die in den heimischen Fußgängerzonen. Hippiestyle statt H&M. Es riecht nach Raucherstäbchen. Am Nachmittag räkeln sich die müden Mütter auf ihrer Terrasse. Lesen, schlafen, Cola trinken, gähnen – das Kindergeschrei aus dem Nachbarhaus nervt irgendwie ein bisschen, sie rufen Zuhause an. Da ist alles im Lot. Früher Abend: Duschen, hübsch machen, aber nicht zu hübsch. Mit Blumenrock über der Hose, Flipflops – halt easy going. Dann Essen. Ausführlich, in Ruhe und gut. Manchmal sogar mit Nachtisch. Im Mirador oben in Calera gibt es „Kalte, weiße Schokoladensuppe“, die man unbedingt probieren sollte. Genauso wie sämtliche Speisen im Coco Loquo gleich neben dem Spielplatz an der Straße zum Hafen oder, oder, oder. (Die Waage steht zu Hause – und das ist gut so.)

Genauso gut ist es, dass im Casa Maria um 23 Uhr Feierabend ist. So gehen immer alle, wenn es gerade am schönsten ist. Man verabschiedet sich entweder mit: „Wo geht ihr jetzt noch hin?“,  „Bis morgen.“ Oder: „Gute Heimreise“. Auch Uschi, knapp über 50, fliegt schon morgen nach Hause. Sie sitzt neben Alfons (56) und Marianne (50), zwei wanderfreudigen Pauschalreisenden aus Bayern. Die beiden Frauen lesen sich gegenseitig aus der Hand als Karin und Katrin dazustoßen. Uschi trägt Blumenschuhe, ein schwarzes Leinenkleid und sie hat rote wilde Haare. Sie nennt sich Calandra, wenn sie als Hexe tätigt ist. Und dass sie zaubern kann, glaubt man ihr hier – auf Gomera – sofort. Ansonsten ist sie Richterin. Uschi alias Calandra hat eine verrauchte Stimme. Mit der erzählt sie von Indien. Wie dreckig es dort sei und dass es Reiseagenturen gäbe, die Touren zum Hippiestrand von Goa anböten. Die reisenden Inder würden dann Fotos von den nackten Verrückten machen. Einmal, sagt sie, sei sie zusammen mit einem Inder Motorrad gefahren, als ein Schwein die Straße kreuzte. Uschi habe „Stop“ gerufen, doch der Inder bremste nicht, stieß mit dem Borstenvieh zusammen und kippte um. Warum er nicht gebremst hat, habe sie ihn gefragt. Seine Antwort: „Ich hatte Vorfahrt.“

Dann trinkt Uschi einen Schluck Rotwein. Ein paar Abende später sitzt Markus auf ihrem Platz. Er und seine blonde Freundin sind Mitte Zwanzig und zum ersten Mal hier. Sie finden alles cool und sind wahrscheinlich heilfroh nicht gerade auf Mallorca zu sein. Markus würde gerne seinen Job schmeißen, jetzt ist er erst einmal hier. Und ihr Vermieter hat ihnen als Willkommensgruß erst einmal „etwas zu rauchen“ angeboten. „Krass“, sagt er und grinst übers ganze Gesicht.

An Karins und Katrins letztem Abend ist es windig, sie hocken sich an die warme Wand des Casa Maria. Zwei Wanderungen haben sie gemacht, zwei Badetage eingelegt, einen Shoppingtag. Weil Katrin an ihrem 40. Geburtstag bier- und sektselig eine Autotür zugeknallt hat und Karins Daumen damit übel einquetschte, lernten sie auch noch einen deutschen Arzt kennen. Der war nicht nur nett und nett anzuschauen – er fotografiert „aus Leidenschaft.“ Der Verband, den er Karin um ihre wehe Hand wickelte, ist inzwischen ab. Doch jetzt, an der warmen Wand des Casa Maria, leidet sie. Nicht weil der Daumen noch weht tut. Nein, die Diagnose lautet: Abschiedsschmerz. Die Band spielt wieder. Der Schweizer Familienvater einen Tisch weiter sagt: „So klingt die Sehnsucht.“ Karin seufzt.

Katrin sitzt neben einer braungebrannten Düsseldorfer Erfolgsfrau in Rente. Sie wohne direkt unten am Strand, erste Reihe, erzählt sie. Über den Appartmentpreis von Karin und Katrin verschluckt sie sich glatt vor Lachen. Sie bleibt „immer mindestens acht Wochen“, weil ihr die An- und Abreise sonst viel zu stressig sei. „Und ihr hattet echt nur eine Woche?“ Katrin seufzt.

In Katrins Bücherregal steht jetzt ein Bildband von dem fotografierenden Arzt, ein nachträgliches Geburtsgeschenk von Karin. In Karins Regal steht das Fotobuch, dass Katrin gemacht hat. Oft telefonieren sie. Die Kinder bekommen dann ein paar Smarties und Fernsehminuten extra. Und wenn ihre Mütter dann über das Schwein ohne Vorfahrt lachen oder ein paar Takte von Quanta la Mera singen, dann wissen sie: Mama ist gerade mal für ein paar Minuten auf einer wunderschönen, grünen, sonnigen, friedlichen Hippieinsel, die ihr beigebracht hat, wie man mal eben kurz aussteigt.

 

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