Flucht vor dem Verderben

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Sie hausten in Gartenlauben, Kellerlöchern oder mischten sich unauffällig unter die Fahrgäste der S-Bahn. In Berlin tauchten in den letzten Jahren der Hitler-Diktatur zwischen 5000 und 7000 Juden unter, um so dem Abtransport in die Vernichtungslager zu entkommen. Ihnen, den so genannten U-Booten, ist eine kleine, äußerst sehenswerte Wanderausstellung gewidmet. „Dem Leben hinterher – Fluchtorte jüdischer Verfolgter“ kann kostenlos über das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt (Berlin) ausgeliehen werden. Text: Markus Harmann, Fotos: Blindenwerkstatt

Endlich, der Morgen dämmerte. Der jüdische Rechtsanwalt Hans Münzer spürte, dass er für die nächsten gut 15 Stunden ein wenig sicherer sein würde. Er ging hinauf zum S-Bahnhof und mischte sich unter die Berliner auf dem Weg zur Arbeit. Die meisten schläfrig noch und desinteressiert an den Menschen um sie herum. Die Bahn fuhr vor, die Türen gingen auf, Menschen drängten hinein. Das Gewimmel in den Zügen war ein ideales Versteck – und Münzers Überlebenschance im Berlin des Jahres 1942. (…)

Stundenlang umkreiste der Anwalt die Reichshauptstadt. Er las Zeitung oder ruhte auf einer der Holzbänke. So lange, bis die Bahn ihren Dienst einstellte. Im Schutz der Dunkelheit lief er zurück zu jenen Häusern, in die die Nationalsozialisten viele Berliner Juden einquartiert hatten. Und in denen man immer damit rechnen musste, von der Gestapo abgeholt und deportiert zu werden. Münzer schlief allein in den Treppenhäusern. Ehe es hell wurde, war er wieder verschwunden. Zurück in der S-Bahn.

Der Rechtsanwalt ist einer von 5000 bis 7000 Juden, die während der letzten Jahre der Hitler-Diktatur in Berlin untertauchten, um so dem Abtransport in die Vernichtungslager zu entkommen. Ihnen, den so genannten U-Booten, ist eine kleine, aber äußerst sehenswerte Wanderausstellung gewidmet. „Dem Leben hinterher – Fluchtorte jüdischer Verfolgter“ ist eine fotografische Spurensuche – 75 Jahre nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Sie zeigt 18 ehemalige Verstecke illegal lebender Juden in Berlin. Darunter Gartenlauben und Gutshäuser, Kirchen, Pensionen, ein Ziegenstall, eine Badeanstalt. Und eben die S-Bahn.

Auf den Aufnahmen von Sibylle Baier und Daniela Friebel erscheinen die Orte heute beinahe harmlos. Viele, wie das Wochenendhaus, in dem sich Alice Löwenthal mit ihren beiden Töchtern versteckte, sind inzwischen verfallen. Andere, wie die alte Spritzpistolenfabrik in Berlin-Kreuzberg, beherbergen heute Lofts, in denen Menschen leben, die vermutlich nichts von den Tragödien wissen, die sich hier vor mehr als 65 Jahren zugetragen haben.

Es ist diese versteckte Gegensätzlichkeit, die die Ausstellung so berührend macht: Unscheinbare Fassaden – und dahinter verborgen Geschichten von Todesängsten und selbstloser Hilfe, von Verrat und glücklichem Überleben.

Die alte Spritzpistolenfabrik diente der jüdischen Familie Arndt als Versteck. Gegen Kriegsende lebten hier in einem fensterlosen, zwei Mal drei Meter großen Lagerraum mit einem zweistöckigen Bett sechs Personen. Aus Angst vor Entdeckung durfte niemand Licht machen, der Toiletteneimer konnte nur benutzt werden, wenn draußen die Maschinen lärmten.

Geschichten wie diese sind dank des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin gut recherchiert. Auch Tausende Fluchtorte sind längst erforscht. Aber oft wissen eben nur Historiker von ihrer Existenz. Es sei denn, es geht um prominente Fälle wie den des Entertainers Hans Rosenthal, der den Krieg versteckt in einer Berliner Laubenkolonie überlebte.

„Es ging jetzt darum, die Schicksale für die Öffentlichkeit aufzubereiten“, sagt Kuratorin Anke Schnabel. Die fotografische Herangehensweise sei anfangs „einfach eine spontane Idee“ gewesen. „Zunächst haben wir Probeaufnahmen von ehemaligen Verstecken gemacht und dann festgestellt, dass die Aufnahmen wirken.“

Mit der Ausstellung erfüllt sich ein langer Wunsch der deutsch-israelischen Schriftstellerin Inge Deutschkron, die ebenfalls den Krieg als Untergetauchte in Berlin überlebte. Sie gab den Anstoß zur Schau – „weil sie uns immer wieder sagte, doch jetzt endlich mal was zu machen“, sagt Schnabel. Mit der Ausstellung wollte sie nur all jene stillen Helden ehren, die das Untertauchen oft erst ermöglichten. Gewöhnliche Berliner oft, die dank Zivilcourage und Mut ihr Zimmer, ihren Keller mit Verfolgten teilten. Wie Otto Weidt – den Besitzer der Blindenwerkstatt, in dessen Räumen sich Deutschkron 1941 bis 1943 versteckte. Weidt beschäftigte dort fast ausschließlich Juden, die er später – als die Deportationen zunahmen – auch in Nebenräumen versteckte. Heute ist die Werkstatt ein Museum. Zu sehen sind nicht nur die Original-Räume und Teile der Einrichtungen.

Die Schau räumt auch auf mit dem Klischee, alle Untergetauchten hätten monatelang einsam in Hinterhöfen und Kellern gehaust. „Die meisten U-Boote jedoch waren ständig unterwegs, mussten ihre Verstecke immer wieder wechseln“, sagt Schnabel. Wie der Rechtsanwalt Hans Münzer. Unaufhörlich umrundete er mit der Ringbahn die Berliner Innenstadt. Ein anfangs sicheres Versteck und doch ein permanenter Ortswechsel. Irgendwann durchkämmte die Gestapo auch die Züge nach Illegalen. Münzer hatte Angst entdeckt zu werden. Er fand seine stille Heldin in der Bäckersfrau Klara Grüger, die ihn vor dem Krieg so oft bedient hatte. Sie nahm Münzer bei sich auf und versorgte ihn bis Kriegsende.

„Diese spontane Hilfsbereitschaft, bei der man sein eigenes Leben riskierte, ist heute schwer vorstellbar“, sagt Schnabel. Gleichwohl war die verborgene Hilfe damals alles andere als ein Massenphänomen. „Es war doch nur ein verschwindend geringer Teil von Menschen, der den Bedrohten Unterschlupf gewährte.“ Hans Münzer hatte Glück, die meisten aber wurden entdeckt, denunziert und deportiert. Von den 5000 bis 7000 Untergetauchten überlebten nur 1600 den Krieg.

Weitere Infos: www.museum-blindenwerkstatt.de

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Kommentare (1)

  • Tom

    |

    Habe die Ausstellung in Berlin gesehen. Sehr zu empfehlen!

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