Geschichte zum Freischaufeln

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Dänemark-Urlauber teilen sich ihren Strand häufig mit deutschen Bunker-Ruinen. An der dänischen Nord- und Ostseeküste stehen noch 6000 Wehrmachtsbunker. Die Betonkolosse waren Teil des Atlantikwalls, einer fast 3000 Kilometer langen Befestigungsanlage von Nord-Norwegen bis Südfrankreich. 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs können die meisten Bunker problemlos erkundet werden, gelegentlich dürfen Besucher sogar beim Freischaufeln helfen. Lokale Initiativen und Museen wollen so die Erinnerung lebendig halten. Von Markus Harmann

Der Eingang zu den beiden kleinen Luftschutzbunkern oberhalb von Frederikshavn im Norden Dänemarks ist verschüttet. Zwei Schaufeln lehnen an einem Schild mit der Aufforderung: „Sie sind eingeladen uns dabei zu helfen, den Eingang freizuräumen.“ Zwei Besucher aus Deutschland lassen sich nicht lange bitten, stemmen die Spaten ins Erdreich, nach einigen Minuten wird die Betonwand des deutschen Weltkriegsbunkers im Ortsteil Bangsbo wieder sichtbar.

Bangsbo, eine Anhöhe direkt an der Küste südlich von Frederikshavn in der dänischen Region Nordjütland. Von hier aus geht der Blick weit hinaus auf das Kattegat und den Hafen der Stadt. 1940 besetzte die deutsche Wehrmacht Dänemark und ließ hier eine Verteidigungsanlage bauen. Mit 70 Bunkern und 15 gewaltigen Kanonen, die zum Teil von eroberten Schiffen stammen. Die schwersten stehen noch heute an ihrem Platz.

Seit 2005 ist das Bangsbo Fort teilweise Museum. Doch noch immer sind nicht alle Bunker vollständig freigelegt. Manchmal schaut nur eine Betonspitze aus dem Sandboden. Besucher können sich das Gelände selbst erschließen, Betreten-Verboten-Schilder findet man hier ebenso wenig wie Sicherheitspersonal oder feste Wege. Kurze Hinweistafeln gibt es nur vor den Bunkereingängen: Luftschutzbunker, Verhörbunker, Aggregatbunker. Zwischen den Betonzeugen: Schafe, die das Gras kurz halten sollen.

An der Decke rosten Eisenstreben

„Passen Sie auf ihren Kopf auf, wenn sie in die Bunker gehen“, sagt die Frau in dem kleinen Museumsshop und lächelt freundlich. Die meisten dieser Luftschutzräume aus massivem Beton können erklommen und betreten werden, auch wenn es in ihnen stockfinster ist. Das Inventar ist raus, an der Decke rosten Eisenstreben, am Boden steht Wasser knöchelhoch. Ein authentischer, fast unveränderter Ort, über den eine kleine Ausstellung Auskunft gibt, die im ehemaligen Kommandobunker untergebracht ist.

Wie im Bangsbo Fort erinnern überall an den Küsten Jütlands Bunker an die Zeit der deutschen Besatzung von 1940 bis 1945. Sie liegen versteckt in den Dünen oder stehen bröselnd und schief direkt auf dem Sandstrand. 7000 Bunker und Beton-Unterstände sollen dänische Arbeiter auf Veranlassung der Wehrmacht gebaut haben. „Ich vermute, dass heute noch 6000 von ihnen stehen“, sagt Dr. Jens Andersen. Der ankerkannte Bunkerexperte und Chef des Museumscenters Hanstholm an der jütländischen Nordseeküste erklärt, dass in Dänemark anders als zum Beispiel in Belgien oder den Niederlanden nach Kriegsende nur wenige Bunker abgerissen worden sind. „Sie abzubrechen, wäre teuer und aufwendig gewesen, außerdem stehen die Bunker in Küstengebieten, die kaum genutzt werden – sie stören also nicht so sehr.“

Zudem haben lokale Initiativen und Museen vielerorts den Abriss verhindert, die Monumente des Hitler-Wahns stattdessen für Besucher und Einheimische geöffnet und überall im Land kleine Museen eingerichtet. „Die Bunker sind die letzten sichtbaren Zeugen einer schlimmen Zeit für Dänemark. Man klettert hinein und erlebt sie mit allen Sinnen. Ansonsten gibt es ja nur Mahnmale, die erst nach dem Krieg gebaut wurden“, sagt Andersen. Er beobachtet ein wachsendes Interesse an den Kriegs-Hinterlassenschaften in seinem Land. Fast 60.000 Besucher kamen im vergangenen Jahr in das Museumscenter Hanstholm, jeder fünfte von ihnen aus Deutschland. Das Museum wurde 1979 auf einer gewaltigen deutschen Festungsanlage mit mehr als 400 Bunkern gebaut. Hanstholm war Teil des so genannten Atlantikwalls, einer fast 3000 Kilometer langen Befestigungsanlage Hitler-Deutschlands von Nord-Norwegen bis Südfrankreich. Sie sollte die von der deutschen Wehrmacht eroberten Gebiete vor einer alliierten Invasion schützen.

2008 wurde ein vollständig erhaltener Bunker mit Inventar entdeckt

Noch immer werden Bunker entdeckt, die unter Dünen verschwunden waren. Wie 2008, als der Wind einen Bunker bei Ringkobing freilegte, der 63 Jahre unter dem Sand geschlummert hatte. Für Andersen eine „Sensation“, denn die Forscher stießen auf das komplette Bunkerinventar mit Möbeln, Briefmarken und Uniformresten.

Andersen plädiert für einen möglichst offenen Umgang mit den Bunkern. Dass Besucher – wie in Frederikshavn –sogar zum Mit-Schaufeln eingeladen werden, sei ein gutes Mittel, den Menschen auf eher spielerische Weise die Geschichte vor Augen zu führen.

Vor dem ehemaligen Technikbunker im Bangsbo Fort steht heute ein Schild mit dem Hinweis „Kinderbunker“. Im Innern des nur wenige Quadratmeter großen Unterstandes wird Kindern erklärt, wer Adolf Hitler war. Ein Wandgemälde karikiert den „Führer“: erhobener Arm, langer Mantel, böser Blick, typischer Schnäuzer. Daneben steht „Es war einmal ein Mann. Er hieß Adolf Hitler, und er war so dumm, dass er glaubte, er könnte alles in der Welt bestimmen.“

Die Ausstellung im Kinderbunker wurde aus EU-Mitteln finanziert, den lokalen Initiativen fehlt häufig das Geld für eine fundierte Aufbereitung der Geschichte, ebenso für die Sicherung maroder Anlagen auf den Stränden. Eine direkte Gefahr, sagt Andersen, gehe von den Betonkolossen, die ursprünglich 1000 Jahre halten sollten, aber kaum aus. „Ihr Zustand ist meistens gut. Wenn sie sichtbar auf dem Strand oder in den Dünen liegen, bieten sie nicht mehr Gefahr als Steine und Buhnen.“

Dort, wo sie nahe am Strand gebaut wurden, leisten Nord- und Ostsee ihren Beitrag zur Aufarbeitung. Die Küsten verändern sich. Das Meer raubt immer mehr Land und einige Bunker verschwinden von Jahr zu Jahr ein bisschen mehr in den Fluten.

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