Halloween mit Trump

Geschrieben von Katrin Jäger am in Medien und Moral

Die deutsche Journalistin Susanne Heger lebt jedes Jahr für mehrere Monate in Süd-West-Florida. Sie wollte sich jenseits jeder Meinungsmache selbst ein Bild von Donald Trump machen und postete folgenden, sehr persönlichen, aber zugleich auch sachlichen Bericht auf ihrer Facebookseite.

Sie hatte eine Wahlkampfveranstaltung besucht, bei der es um die Midterms, also die Senats- und Repräsentantenhauswahl sowie um etliche Punkte für die direkte Bürgerabstimmung ging. Goldeber findet, dass dieser Text ein gutes Beispiel für unaufgeregte Berichterstattung ist, die es dem Leser erlaubt, sich selbst eine Meinung zu bilden.

Von SUSANNE HEGER

Gestern Abend (31.10. Anmerkung der Redaktion) nun trat Trump um 19 Uhr in der Hertz-Arena in Estero auf. Gegen 17 Uhr war ich bereits mit dem Auto vor Ort, da es im Radio hieß, dass es Stau geben würde. Vor der Einfahrt zur Arena waren einige wenige Protestler. Sehr angenehm übrigens, da sie weder schrieen noch beleidigten, sondern einfach nett grüßten und Plakate hochhielten. Kenne ich so gar nicht mehr aus Deutschland.

Zum Thema „Deplorable“ muss ich sagen, dass ich sehr viele Mercedes, BMW, Jaguar und sogar einen Maserati gesehen habe. Das waren sicherlich nicht nur die zu kurz gekommenen, die dort gestern die Veranstaltung besuchten.

Endlich bei der Arena angekommen, schlug ich mich zum Ende der dort anstehenden Menschenschlange durch. Es herrschte eine lockere Atmosphäre, etwas Aufregung war zu spüren. Draußen wurde sehr laute Musik gespielt, Queen, Guns&Roses, Village People (YMCA). Die gleiche Musik wartete später in der Halle auf uns. Am Ende der Warteschlange traf ich zwei Frauen. Mein Alter, freundlich, locker. Wir kamen ins Gespräch. Patti und Sally wohnten seit geraumer Zeit in Florida. Patti, die Blonde, meinte, Trump sei vom Stil her überhaupt nicht ihr Geschmack, aber ihr würde gefallen, dass er sie und die USA schützen wolle. Über den Satz denke ich immer noch nach. Gibt es in Deutschland eigentlich einen Politiker, der die Bürger schützen möchte? Wovor auch immer?

Endlich in der Halle angekommen, wollten wir eigentlich direkt die Treppe nach oben nehmen. Allerdings dachte ich, es sei vielleicht ganz geschickt noch mal auf die Toilette zu gehen. Die beiden anderen schlossen sich an, wir verabredeten, uns vor der Toilette wieder zu treffen. Dort standen wir dann zu zweit und warteten auf Sally. In dem Moment als sie aus der Toilette kam, kam ein Mann auf uns zu. Er zeigte in die entgegengesetzte Richtung der Treppe und fragte, ob wir dort rein wollten. Uns war es egal, also gingen wir hinter ihm her. Und somit standen wir plötzlich in dem direkten Raum vor der Bühne. Ungewollt. Eigentlich war es uns auch gar nicht so lieb, wir hätten lieber irgendwo hinten gesessen, als ganz vorne zu stehen.

Zu dem Zeitpunkt war es 18:20 Uhr, uns war also klar, dass wir noch eine ganze Weile stehen mussten. Nun denn, wir lernten relativ schnell Menschen um uns herum kennen, fühlten uns trotz der Enge sehr wohl und aufgehoben. Es wurde laute Musik gespielt, die Leute lachten, tänzelten, es herrschte absolute Feierstimmung. Zwischendurch immer wieder eine Durchsage, die ich sehr amüsant fand.

Lara Trump, die Schwiegertochter von Donald, wies darauf hin, dass es sich um eine Veranstaltung handeln würde, die von Donald Trump bezahlt würde und man daher das Hausrecht hätte. Sollten Leute also protestieren wollen, würde man sie bitten, das draußen in einem gesondert für sie eingerichteten Vorraum zu machen. Wenn jemand drinnen protestiere, würde er sofort von der Security abgeführt. Damit unbeteiligte Nachbarn nicht verdächtigt würden, zu dem Protestler zu gehören, sollten sie sich entweder von ihm entfernen, oder – wenn es zu eng dafür sei – dreimal Trump, Trump, Trump zur Security sagen. Ich malte mir aus, was ich tun würde, wenn der Zwei-Meter-Mann hinter mir anfangen würde zu protestieren. Tat er Gott sei Dank nicht 😄.

Gegen 19:30 Uhr, betrat Trump dann die Bühne. Zu dem Zeitpunkt war die Menge durch die Musik, die Enge und Hitze schon wirklich aufgeheizt. Neben uns wurde ein Mann sogar ohnmächtig. Der Zwei-Meter-Mann und sein Freund erklärten sich zu unseren Bodyguards und schoben uns langsam aber sicher Richtung Bühne. Sie erklärten, dass wir dort besser sehen und sie uns den Rücken freihalten würden. Irgendwann standen wir also in der zweiten Reihe.

Trump legte sofort los. Übrigens ohne Manuskript, ohne Teleprompter. Er sprach fast eine Stunde völlig frei. Die ersten fünf Minuten war alles in Ordnung. Er erzählte von der Trauerfeier in Pittsburgh. Bis er dann schnell zu einem mich sehr erschreckenden Moment kam. Er ärgerte sich, dass die Presse ihn für das Massaker verantwortlich gemacht hat (was ich sehr gut verstehe) und fing dann an, mit ausgestrecktem Finger auf die seiner Meinung nach eigentlich Schuldigen zu zeigen. Die Presse – die in der Mitte der Halle eine kleine Bühne hatte. Die Masse tobte und buhte. Die Daumen wurde nach unten gezeigt, wie im alten Rom. Eine beängstigende Atmosphäre. Diese Momente gab es noch einige Male. Trump wirkte, positiv formuliert, wie ein Dirigent, der die Massen bewegt. Negativ formuliert kam ich mir wie in der Maoam-Werbung vor.

Dabei ging es während der gesamten Stunde, die er sprach, wenig um konkrete politische Inhalte. Es ging mehr darum, was er Tolles gemacht hat, was er Tolles machen wird (allerdings ohne zu erklären wie) und darum, den politischen Gegner nieder zu machen. Ein Phänomen, was ich in Amerika allgemein beobachte und sehr traurig finde. Aber hier war alles eben noch eine Stufe drüber. Trump konnte alles erzählen, die Menschen waren nur begeistert. Er ist auf der Bühne ein Einpeitscher, kein Politiker. Jedenfalls keiner, wie wir Politiker aus Deutschland kennen.

Einige lustige Momente gab es. Trump fragte, wer bereits gewählt hätte (hier in Amerika kann man schon Wochen vor der eigentlichen Wahl seine Stimme abgeben). Tausende Hände reckten sich in die Höhe. Trump forderte, es sollten sich nur die melden, die schon gewählt hätten. Wieder reckten sich alle Hände in die Höhe. Er fragte, ob wirklich alle gewählt hätten. Alle ja. Ja. Ja. Daraufhin lachte Trump und sagte: Was mache ich dann noch hier?

Ein anderer lustiger Moment war, als er den Kandidaten für den Gouverneurs-Posten einführte (kl. Foto rechts, Anmerkung der Redaktion). Der kam mit seiner Frau und stellte sich kurz vor. Unter anderem sagte er (während auch er die Gegenkandidaten madig machte), dass er der einzige sei, gegen den nicht wegen Korruption ermittelt würde. Oha!

Gegen 20.30 Uhr war die Veranstaltung beendet. Die Lichter gingen an und die Besucher strömten nach draußen. Trump verabschiedete sich, indem er wie ein Wrestler noch minutenlang am Rand seiner Bühne entlang ging und die Hände zu den Rängen hoch reckte. Ich habe mich beim Rausgehen mehrfach umgedreht, um zu schauen, ob er immer noch auf der Bühne war. Ja. War er. Irre!

Trump kann die Massen bewegen und beflügeln. Aber zu was? Er fand 100 Prozent Zuspruch. Es gab nichts, was er sagte, was nicht mit lautem Jubel aufgenommen wurde. Viele Momente, in denen ich persönlich große Ablehnung und Befremdung sowohl über das Gesagte, als auch über den Jubel empfand. Insgesamt muss ich aber sagen, dass ich von der Euphorie der Masse getragen wurde. Niemand vor Ort konnte sich dem Begeisterungstaumel ganz entziehen. Der Mann hat echtes Starformat. Er ist ein Massen-Entertainer, keine Frage. Ein ganz merkwürdiges Phänomen. Spooky, scary, passend zu Halloween. Ich bereue keine Sekunde, dass ich mir das angeschaut habe. Aber möchte ich den Mann als Präsidenten haben? Möchte ich, dass mich ein Rockstar, ein Wrestler regiert?

P.S. Über Pattis Satz denke ich immer noch nach. Gibt es in Deutschland eigentlich einen Politiker, der die Bürger schützen möchte? Wovor auch immer?

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