„Hierüber zu sprechen, wird niemals Routine“

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Am 27. Januar 1945 erreichen russische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz. Die 7500 geretteten Insassen wirken mehr tot als lebendig. In den Magazinen finden die Rotarmisten 837.000 Damenmäntel und Kleider sowie 7,7 Tonnen menschliches Haar. Dass in Auschwitz zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden, wird erst Jahre später bekannt. Einer, der Auschwitz überlebte und kurz vor der Befreiung auf den Todesmarsch gen Westen geschickt wurde, ist Adam König*. In einem Gespräch, das Markus Harmann 2005 – 60 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers – mit ihm führte, erinnert er sich.

Ein einziges Mal nur brechen die Emotionen aus Adam König heraus. Dann werden seine großen, wachen Augen für einen Moment lang feucht: “Ich weiß bis heute nicht genau, wie ich diese Hölle überleben konnte”, sagt der 82-Jährige und starrt an die Decke seiner kleinen Wohnung in Berlin-Friedrichshain. Mehr als fünf Jahre hielten die Nazis den 1922 in Frankfurt geborenen Juden in Konzentrationslagern gefangen, zweieinhalb Jahre davon in Auschwitz.

Adam Königs Geist ist hellwach, seine Stimme fest, als er über die Zeit berichtet, von der der pensionierte Geschichtslehrer und Dozent der Berliner Humboldt-Universität sagt: “Hierüber zu sprechen, wird niemals Routine.”

Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nahm die Gestapo den damals 17-Jährigen fest. Sein angebliches Vergehen: Er war ein staatenloser Jude, weil seine Eltern aus Österreich eingewandert waren. Im KZ Sachsenhausen bei Berlin musste er mit Tausenden anderen Häftlingen unter Schlägen und Peitschenhieben ein Sumpfgebiet trocken legen.

Im Oktober 1942 beteiligte er sich an einer spontanen Widerstandsaktion im Lager. In einem Interview in der “Jungle World” vom 14. April 2004 erinnerte er sich daran: „Am 22. Oktober wurden wir durch die Blockführer auf den Appellplatz getrieben und in einer Isolierbaracke umgekleidet. Uns wurde dort alles abgenommen, persönliche Kleidungsstücke, die Häftlingskleidung, auch die Schuhe, man gab uns Holzpantinen, Drillichzeug. Das ganze sah nicht nach Transport aus, sondern eher nach einer Vorbereitung auf die Erschießung. Es gab zynische Bemerkungen der Blockführer, dass wir ,durch den Schornstein‘ gehen würden. In dieser Situation kam es zu Gesprächen unter politischen und jungen jüdischen Häftlingen. Dabei wurde der Beschluss gefasst, beim Abendappell, wenn das ganze Lager angetreten war, aus dieser Isolierbaracke – die war von einer Postenkette umstellt – auszubrechen und zum Appellplatz zu rennen. Unsere Losung lautete: ,Schießt doch, ihr Hunde!'“

Nach dieser Widerstandsaktion wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er am 25. Oktober 1942 ankam. “Arbeitsfähig” – das willkürliche Urteil des KZ-Arztes bewahrte ihn vor den Gaskammern. König kam ins Lager Auschwitz-Monowitz, als Arbeitssklave für die IG Farben mit der Häftlings-Nummer 70056. Die tätowierten Ziffern sind noch immer auf seinem linken Unterarm zu erkennen.

Jeden Morgen antreten zum Appell. Durchzählen, danach Abmarsch ins Metallwerk. “Fehlten Häftlinge, mussten die anderen so lange stehen, bis sie gefunden waren.” Waren sie getürmt, dann konnte es sein, dass die Aufseher wahllos Vergeltung übten: “Sie schlugen andere Häftlinge nieder oder erschossen sie kurzerhand.” Oder sie schickten sie nach Auschwitz-Birkenau – ins Gas: Zwei Kilometer entfernt rauchten die Schornsteine der Krematorien des Vernichtungslagers Auschwitz II im Sommer 1944 Tag und Nacht: “Wenn der Wind richtig stand, nahmen wir in unserem Lager den süßlichen Geruch von verbranntem Menschenfleisch war.” Der ewige Hunger, eine Hepatitis, die Schläge der Wachen – all das zermürbte König, ließ ihn auf 35 Kilo abmagern.

Häftlinge liefen in die Hochspannungszäune, die das Lager umgaben. Eine tödliche Erlösung von den Qualen. An Selbstmord dachte König nicht: “Ich hatte die Zuversicht, dass Hitler diesen Krieg verlieren wird. Das hielt mich davon ab zu resignieren.”

Am 17. Januar 1945 begann die Evakuierung des Lagers. Mit rund 10.000 anderen Häftlingen musste er gen Westen marschieren. “Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass die Nazis keinen Zeugen überleben lassen.” Statt dessen erlebte König in Bergen-Belsen seine Befreiung durch alliierte Soldaten.

Die Suche nach seiner Familie führte ihn nach Holland. Dort hoffte er, zumindest seinen Vater zu finden. Ohne Erfolg: Seine Eltern waren ermordet worden. Von seinen sieben Geschwistern überlebten nur vier, weil sie rechtzeitig ausgewandert waren.

*Adam König ist am 29. September 2012 verstorben.

 

 

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