Hoeneß‘ Faustpfand

Geschrieben von Goldeber am in Kleiner Keiler

Warum Hoeneß verspielt hat, aber nicht vom Platz muss.

Ab heute steht Bundespräsident a.D. Christian Wulff vor Gericht. 22 Verhandlungstage, 45 Zeugen, zigtausende Seiten Akten. Es geht dabei – im Kern – um 753 Euro und 90 Cent, um eine Oktoberfestsause und einen Bittbrief. Wulff verfasste einen Brief an den Siemenskonzern, in dem er diesen um finanzielle Unterstützung für einen Film seines Freundes, des Produzenten David Groenewold, bat. Ein Fall von Bestechlichkeit? Vielleicht. Andererseits: Warum sollte sich ein deutscher Bundespräsident nicht für einen wichtigen deutschen Film („John Raabe“) einsetzen?

Auch Uli Hoeneß steht bald vor einem Richter. Der Klubpräsident und Aufsichtsratschef des FC Bayern München soll über ein heimliches Konto in der Schweiz 3,2 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben. Doch Verein und viele Fans stehen unbeeindruckt zu ihm. Auch die Öffentlichkeit hält sich anders als zunächst im Fall Wulff zurück, berichtete zwar über jedes Detail in der Affäre Hoeneß, nimmt ihm seine Uneinsichtigkeit anders als bei Wulff aber offenbar überhaupt nicht krumm: Hoeneß zeigte sich „überrascht“ von dem Prozess“. Überrascht? Es geht um massive Steuerhinterziehung und eine mehr als fragwürdige Selbstanzeige.

Hoeneß hat sehr viel Kredit bei den Menschen, sicher auch, weil er etwas offener und eleganter mit seiner Affäre umging als Wulff, zudem nicht einem BILD-Chefredakteur auf die Mailbox quatschte. Dennoch wird mit zweierlei Maß gemessen, und dafür gibt es einen simplen Grund: Hoeneß ist nützlich, Hoeneß ist wichtig, Hoeneß ist begehrt. Er führt bzw. beaufsichtigt den vielleicht wichtigsten und besten Fußballclub der Welt. Wer über Bayern berichten will, der braucht Hoeneß. Und wer bei Hoeneß unten durch ist, der kann einpacken als Reporter. Und weil es scheint, dass Hoeneß bei den Bayern im Amt bleibt, wird sich daran auch nichts ändern.

Hoeneß‘ Aufsichtsratsposten ist zugleich sein Faustpfand, es bewahrt ihn vor allzu harter Medienschelte. Wulff hat jedes Faustpfand verloren, er hat praktisch alles verloren, was man verlieren kann: Amt, Ansehen, Ehefrau. So einfach ist das manchmal.

Aber es bleibt ein fader Beigeschmack: Fans und Berichterstatter sollten endlich begreifen, dass man Meistertitel nicht gegen Starfaten aufrechnen darf.

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