Ida in Indien

Geschrieben von Katrin Jäger am in Abenteuer und Athleten

Kann man mit einem kleinen Kind nach Indien reisen? Heike Niemeier und Dirk Werkhausen sagen: Na klar, Ida fand es super! Von Katrin Jäger (Text) und Heike Niemeier (Fotos)

Heike Niemeier ist weit davon entfernt, eine Hexe zu sein. Auch Wahrsagen ist ganz und gar nicht ihr Ding. Und dennoch kann sie in einem ganz bestimmten Punkt die Reaktion ihrer Mitmenschen mit 100prozentiger Sicherheit vorhersagen. Wenn sie von ihrem Familienurlaub nach Indien erzählt, dann weiß sie immer schon vorher, ganz ohne Glaskugel oder Kartenleserei, was passieren wird.

„Jeder“, lacht die blonde Fotografin, „wirklich jeder fragt dasselbe: `INDIEN?! Man kann mit einem kleinen Kind nach Indien reisen?`“ Und sie antwortet jedem dasselbe. „Oja, man kann. Sehr gut sogar.“

Und dann erzählen sie, Lebensgefährte Dirk Werkhausen und die gemeinsame Tochter Ida von ihrem Urlaub in eine völlig andere Welt.

Ida war drei Jahre alt, als ein befreundetes Paar, die Idee hatte. Weil die beiden zwei Söhne im schulpflichtigen Alter hatten, sollte es in den Herbstferien losgehen, weil sie über ein paar Ecken jemanden kannten, der eine Reiseagentur in Neu Dehli betreibt, übernahmen sie die Routenplanung und als sie Heike und Dirk fragten: „Wollt ihr nicht mit?“, bekamen sie sofort ein „Ja“ zur Antwort. Trotz Ida – oder vielleicht sogar gerade wegen Ida.

„Wenn man gerne reist, bleibt das doch auch nach der Geburt eines Kindes so“, sagt Heike Niemeier. „Ich will meiner Tochter die Welt zeigen, sie soll lernen, dass es andere Kulturen, Sprachen, Menschen gibt.“  Natürlich denke man darüber nach, was einem Kind zuzumuten sei, ob es Dinge gibt, die zu gefährlich sind. Doch ihr Trip nach Indien war es nicht.

Außer einer Hepatitis-Impfung war keine besondere Vorsorge nötig. Und selbst der lange Flug über Dubai nach Südindien steckte das Mädchen weg wie nix.

Thiruvananthapuram – was für ein Name für eine Stadt, zum auf der Zunge zergehen lassen. Dirk Werkhausen sagt ihn auswendig und lächelnd, Grübchen tanzen um seinen Mund. Wer dort landet, weiß, dass alles anders ist als zu Hause.

„Es regnete unglaublich bei unserer Ankunft“, erinnert sich Heike Niemeier. „Mist, habe ich gedacht. Mist Monsum.“ Doch sofort war da auch dieses Exotische, das uns in den Bann zog.

Um die Kinder und sich selbst nicht zu strapazieren, sparten sich die Berliner zu lange Autostrecken. Ihr erstes Ziel lag nur eine halbe Stunde entfernt vom Flughafen. Im Internet hatte Niemeier die einfache, aber völlig ausreichende Unterkunft am Strand von Vakala gefunden. Im Reiseführer steht, dass es dort ein bisschen so sei wie auf Goa. Lässiges Hippieambiente, weiter Strand, Urwald nebenan. Die Eltern fanden es cool, Ida rannte mit nackten Füßen über den Sand – was für ein relaxter Einstieg in die 14-Tage-Tour. „Wir kamen uns vor wie im Schlaraffenland.“

Und Ida, eigentlich schüchtern und zurückhaltend, wurde binnen weniger Tage zur stolzen indischen Prinzessin. „Ein blondes kleines Mädchen, ist dort echt eine Seltenheit“, erzählt Heike Niemeier. „Jeder lächelte sie an, eine Mutter, die mit ihrer Familie am Strand spazieren ging, fragte, ob sie auf den Arm nehmen dürfte, Kellner beschenkten sie mit kleinen Spielsachen – Ida genoss die Aufmerksamkeit.“

Ida hört zu und schaut sich am Laptop die Urlaubsbilder an. „Da ein Tuktuk!“, sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht. Die kleinen Taxen fand sie mindestens genauso gut, wie den Ritt auf einem großen Elefanten. „Mir wurde allerdings ein bisschen mulmig“, erinnert sich Niemeier. „Das schaukelt ganz gut – und man sitzt hoch oben, wenn man da abstürzt …“

Nach den ersten drei Eingewöhnungs- und Entdeckungstagen holte der vorgebuchte Fahrer die beiden Familien zu ihrer Rundtour durch Südindien ab. Er kutschierte den kleinen Reisebus ohne Hektik durch die rumpligen Straßen und versorgte die Reisenden mit jeder Menge Informationen. Zunächst ging es nach Kochi an der Westküste.

„Die Hotels auf unserer Reise waren alle vorgebucht und von guter Qualität“, sagt Dirk Werkhausen. „Das machte natürlich alles sehr viel leichter.“

Ida wird unruhig auf dem Sofa. „Kommt jetzt endlich der Spielplatz mit dem Frosch?“ Ihre Mutter nickt. „Gleich.“

Dann ist Ida wieder voll dabei. Das nächste Foto zeigt sie inmitten eines Berges Ginsengwurzeln. Sie durfte den Frauen in der Gewürzfabrik in der Altstadt von Kochi helfen, sie zu sortieren. „Die großen in den einen Korb, die kleinen in den anderen“, erinnert sich Ida.

Ihre Eltern erinnern sich an die chinesischen Fischernetze, die sie und die Kinder mit auswerfen durften, den Duft in der Gewürzstraße und an die tradtionellen Kirala-Tänzer im Theater von Kochi. Die saßen vor der Aufführung auf der Bühne und schminkten sich zu exotischen Phantasiefiguren. Als Ida sich zu ihnen wagte, lachten sie nur und malten sie einfach auch an.

Heike Niemeier grinst, als sie das nächste Bild anschaut. Man sieht ihren Buggy vorm Sonnenuntergang von Kochi. „Das war wirklich der einzige Kinderwagen, den wir auf unserer ganzen Reise gesehen haben“, sagt sie. „Absolut indienuntauglich. Die Straßen sind einfach viel zu schlecht, wir hätten ihn wirklich nicht gebraucht.“ Doch was sie gebraucht haben, waren die diversen Reiswaffeln und Zwiebackschachteln, die sie vorsorglich eingepackt hatten.

„Das scharfe, indische Essen, war dann doch nichts für Ida.“

Ida tippt auf den Bildschirm. Da ist der große Frosch, dessen Zunge eine Rutsche ist. „Der Spielplatz“, ruft sie. Heike Niemeier lacht. Auf dem Foto sieht man Kinder auf einem Karussell, daneben lachen ihre Mütter, die in Saris gekleidet sind. „Sieht das nicht schön aus“, sagt Niemeier.

„Und dann kam das Hausboot“, Heike Niemeier seufzt. „Was für ein Luxus.“

„Und gar nicht teuer“, ergänzt Dirk Werkhausen.

Mit der umgebauten Reisbarke inklusive eigenem Koch, Skipper und Bedienung schipperten die Berliner von Kerala aus über die Backwaters, ein verzweigtes Netz von malerischen Lagunen und Seen. „Tagsüber konnten wir auf Matratzen liegen, die Landschaft zog an uns vorbei. Abends hatte jede Familie eigene Zimmer.“ Immer wieder legten die Schiffer an, sogar zu einer Hochzeit wurden die Deutschen eingeladen, oft fuhren sie nur wenige Meter an den Häusern der Einheimischen  vorbei. „Wir haben unheimlich viel gesehen – und das , ohne uns anzustrengen“, grinst Niemeier.

Nach den letzten, komplett entspannten, Tagen auf einer Ayuvera-Farm ging es dann wieder in eine völlig neue Welt: nach Hause, ins kalte Berlin.

Fragt man Heike und Dirk, ob sie noch einmal nach Indien reisen würden, nicken sie synchron. Und Ida?

„Jaaa!“, ruft sie und hüpft auf dem Sofa auf und ab. „Dann will ich wieder zum Spielplatz mit dem Frosch!“

 

 

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