Ausweg in das Leben

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Im Kölner Therapiezentrum für Folteropfer spiegeln sich die Kriege und Krisen dieser Welt: Mehr als 900 häufig schwer traumatisierte Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien oder dem Kongo werden hier betreut und therapiert. Einer von ihnen ist Sami Ghubar, vor vier Jahren kam der heute 22-Jährige mit Hilfe von Schleusern aus Kabul nach Deutschland. Von Markus Harmann

Vor 40 Jahren trugen Frauen in Afghanistan noch Röcke, in Kabul saßen die Menschen in Straßencafés. Die Hauptstadt galt als Paris des Ostens. Sami Ghubar* hat diese Zeit nicht erlebt. Wenn der 22-Jährige über sein Geburtsland Afghanistan spricht, dann redet er über Bombardements, zerstörte Häuser und Leichen. Und er spricht über die Flucht seiner Familie. 2009 war das. Taliban hatten den jungen Mann zuvor entführt, um seinen Vater zu erpressen. Der leitete eine kleine Autowerkstatt, in der er Polizeifahrzeuge reparierte. Die Taliban verlangten, dass er Sprengsätze in den Autos versteckt. Doch der Mechaniker weigerte sich. Sami konnte zwar nach einigen Wochen befreit werden, aber die Familie musste das Land mit Hilfe von Schleusern verlassen.

Seit vier Jahren lebt Sami Ghubar mit seinen Eltern und zwei Brüdern in Deutschland. Das 16-Quadratmeter-Zimmer in einem Asylbewerberheim tauschte die Familie inzwischen gegen eine Mietwohnung am Rande Kölns. „Sie ist nicht groß, aber es reicht“, sagt Sami in ausgezeichnetem Deutsch. Viel wichtiger ist ihm ohnehin etwas anderes: der deutsche Pass. Mit ihm verschwand die permanente Angst vor der Abschiebung. Auch die schlimmen Träume sind seitdem seltener geworden: „Vermummte Männer, die mit einer Kalashnikov auf mich einschlagen.“ Er wacht dann auf, er schwitzt, er schreit.

Sami Ghubar, der Flüchtling aus dem kriegsverwundeten Afghanistan, ist traumatisiert. Wie so viele, die sich im Therapiezentrum für Folteropfer der Kölner Caritas behandeln lassen.  Was 1982 auf neun Quadratmetern als Asylberatung begann, ist heute eines der bundesweit renommiertesten Therapiezentren für traumatisierte Flüchtlinge. Elf hauptamtliche Psychologen und Sozialarbeiter betreuen, unterstützt von 30 Ehrenamtlichen, 900 Menschen. Ihre Lebensgeschichten erzählen von Krieg, Flucht und Folter. So unterschiedlich sie sind, so sehr ähneln sich die Symptome: Posttraumatische Belastungsstörungen, schwere Depressionen, Angstzustände. „Wir kümmern uns um die, die am schwersten betroffen sind“, sagt die Leiterin des Zentrums, Brigitte Brand-Wilhelmy und erzählt von einer Frau aus dem Kosovo, die mehrfach vergewaltigt wurde; von einer Afrikanerin, deren Kind von Soldaten vor ihren Augen getötet wurde.

Ausländerbehörden, psychiatrische Kliniken oder Rechtsanwälte schicken ihre Klienten in das Therapiezentrum – weil sie selbst oft nicht weiter wissen. Ein Ausweg zurück in das Leben. In den Therapiegruppen spiegeln sich die Katastrophen dieser Welt: Syrien, Kongo oder Afghanistan. „Es geht zunächst darum, die Menschen zu stabilisieren und ihnen ihr Selbstwertgefühl zurückzugeben“, sagt Brand-Wilhelmy. Das geschieht auch durch die Kunsttherapie. Von ihr erzählen Bilder an den Wänden des Zentrums. „Traumata sitzen tief. Über das Erlebte zu sprechen, fällt schwer. Da ist die Kunst eine neue Ausdrucksform.“

Vier Jahre lang wird jeder Flüchtling durchschnittlich behandelt. Die Warteliste ist lang. Ob und wann ein Therapieplatz frei wird, darüber entscheidet auch das Geld. Finanziert wird das Zentrum vor allem durch Zuschüsse von EU, Bund, Land, Kommune und der Caritas. „Da die Mittel aber häufig nicht reichen, sind wir auf Spenden angewiesen“, sagt Brand-Wilhelmy.

*Name geändert

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