Im Kollektiv durch Mexiko

Geschrieben von Goldeber am in Abenteuer und Athleten

Für Reisende auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán ist der Colectivo erste Wahl. Das Sammeltaxi ist praktisch und günstig, nur manchmal etwas zu schnell.

Als wir den Kindern sagen, dass wir für die Fahrt von Playa del Carmen nach Tulum den Colectivo nehmen, winken sie ab. „Da sitzen wir ja neben fremden Leuten!“, empört sich Paul. Colectivo klingt ja tatsächlich ein bisschen nach sozialistischer Reise-Variante. Nach Zwangsgemeinschaft, nach Enge.

Der Colectivo ist ein Minibus mit zwölf bis 15 Plätzen, wie es ihn bis heute in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern Afrikas und Lateinamerikas gibt. In Mexiko ist der Colectivo nicht nur das Fortbewegungsmittel schlechthin, er ist Teil der nationalen Identität. Ein Reiseprinzip. Gemeinsam, schnell und vor allem: günstig. Dass die meisten Überland-Colectivos inzwischen auch klimagekühlt sind, ist ein zusätzliches Argument – zumal in diesen Juli-Tagen mit 30 Grad Außentemperatur und einer Luftfeuchtigkeit von um die 90 Prozent auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán.

Wir haben trotzdem lange überlegt, ob wir den Minibus nutzen oder nicht besser auf ein anderes Verkehrsmittel ausweichen sollen. Mit drei Kindern in einen engen Bus? Außerdem sind die Colectivo-Fahrer ja bekannt dafür, dass sie Gas geben wie die Berserker. Je mehr Fahrten sie am Tag schaffen, desto mehr Pesos landen in der Holzkiste auf dem Armaturenbrett. In Namibia habe ich einmal einen Minibus an einer Tankstelle unter Protest verlassen, weil der Fahrer vor allem an Steigungen mit weniger als 50 Metern Sicht überholte. Ich saß auf der zweiten Rückbank in der Mitte, schaute durch die Windschutzscheibe und duckte mich regelmäßig panisch weg. Meine Bank-Nachbarin stillte derweil ihr Kind und lachte über mich.

35 Pesos kostet die Fahrt pro Person

Das alles sprach also eher für einen Mietwagen. Er wäre natürlich auch bequemer gewesen. Und das mit den „fremden Leuten“ hätte sich erledigt gehabt. Auch ein Taxi wäre in Frage gekommen, das hätte uns am Hotel abholen und bis vor den Eingang der Ruinenstadt in Tulum bringen können. Trotzdem entscheiden wir uns für den Toyota-Colectivo. Wir sind schließlich in Mexiko. Außerdem ist er um ein Vielfaches preiswerter als Taxi und Mietwagen. Selbst, wenn wir den teureren Touristenpreis zahlen müssen. 35 Pesos – also etwa 1,80 Euro – kostet die Fahrt ins 65 Kilometer entfernte Tulum. Von den Einheimischen verlangt der Fahrer am Ende der Reise 25 Pesos.

Am Busbahnhof von Playa, der aus einem schmalen Gehweg besteht und nur daran zu erkennen ist, dass fünf weiße Colectivos hintereinander an der Straßenseite parken, ist das Gedränge groß. „Tulum? Cancun?“, ruft ein kleiner, dickbäuchiger Mexikaner mit heiserer Stimme immer wieder. Er weist den Passagieren mit schnellen Handbewegungen den Weg in die Minibusse, auf einigen der Frontscheiben stehen die Ziele, wie mit Fingerfarbe geschrieben: Tulum. Es gibt nur diese beiden Richtungen. Cancún liegt im Norden, Tulum im Süden. Beide Ziele sind über den Küsten-Highway 307 zu erreichen.

Geduckt steigen wir in den Minibus, quetschen uns an zwei Koffern und Fahrgästen vorbei auf die letzte Bank, setzen ein Kind vor uns auf den Einzelsitz. Keine Minute später steht das Reise-Kollektiv, der Colectivo ist voll, inklusive der beiden Sitze neben dem Fahrer. Es gibt keine festen Abfahrtzeiten, es geht los, wenn alle Sitze belegt sind. Und das ist augenblicklich der Fall. Der dicke Mann schiebt von außen die Tür zu, der Fahrer tritt aufs Gas. Erste links, wieder rechts, hupend, abrupt bremsend, wieder anfahrend, so erreichen wir nach gut einem Kilometer den Highway nach Tulum. Ein Segen, die Klimaanlage funktioniert.

Am Rückspiegel baumelt ein Kreuz, Salsa-Musik scheppert aus den Lautsprechern, der Fahrer schnippt mit und wackelt mit dem Kopf – man weiß nicht so recht, ob zum Takt der Musik oder zu den Aufs und Abs der Fahrt. Alles passt, alles fließt irgendwie.

Alles geht schnell und will gar nicht zum Land passen

„Wann sind wir da?“, fragt Franz, als wir höchstens drei Kilometer auf dem Highway hinter uns haben. Eine Frage, die auch bei ganz normalen Autofahrten immer wieder kommt und nicht beantwortet werden muss. Er stellt sie diesmal aber nur ein einziges Mal, dann ist er abgelenkt. Von dem Tempo, den Menschen, den großen Werbetafeln, die rechts der Fahrbahn vorbeifliegen, den alten Trucks, die uns donnernd und schwer beladen entgegen rollen. Alle fünf bis zehn Kilometer hält der Bus. Einige steigen aus, nicht ohne dem Fahrer vorher das Geld abgezählt in die Hand zu drücken. Andere steigen ein. Tür zu, weiter geht’s. Alles geht rasend schnell und will gar nicht recht zu diesmal Land passen, in dem doch vieles so viel angsamer scheint.

Abgesehen vom hohen Tempo gelten die Colectivos in Yucatán als sichere und zuverlässige Verkehrsmittel. Überfälle sind kaum bekannt, bei Colectivo-Reisenden erwartet niemand Reichtümer. Auch die Polizei zeigt kein Interesse, der Apparat gilt als korrupt, und es kommt vor, dass von Reiseleitern oder Busfahrern eine Art Schutzgeld – meist 100 bis 150 Pesos – verlangt wird. Als wir die beiden Polizeisperren hinter Playa del Carmen und später vor Tulum passieren, winkt man uns routiniert durch. „Boah man, die haben ja Maschinengewehre“, hechelt Paul und zeigt aufgeregt auf die beiden Uniformierten, von denen einer gerade gähnt.

„Tulum!“, ruft der Fahrer nach etwa 40 Minuten und dreht sich um zu uns. Wir sind da, nicht im Zentrum Tulums, wo diese Fahrt endet. Aber an den Ruinen der 700 Jahre alten Maya-Stadt, der einzigen direkt am Meer. Wir hatten dem Fahrer nicht gesagt, wo genau wir rausgelassen werden wollten. Er hat es uns angesehen, uns, den Touristen.

Paul schläft, auf der Rückbank. Sein Kopf lehnt am Oberarm seines mexikanischen Nachbarn. Der streckt lächelnd den Daumen, als wir ihn fragen, ob das in Ordnung ist so. Paul, ausgerechnet, der Sechsjährige, der den Colectivo zuvor noch so vehement abgelehnt hatte wegen der fremden Leute. Wir steigen aus.

Es sind noch gut 800 Meter zu Fuß bis zu einer der meist besuchten Sehenswürdigkeiten Mexikos. Reisebusse fahren an uns vorbei, auch Mietwagen, deren Fahrer irritiert nach Schildern und Parkplätzen Ausschau halten.

Wir sind gereist wie die Mexikaner, schnell und ziemlich entspannt – das ist in diesem Augenblick ein gutes Gefühl.

Markus Harmann

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