In den Katakomben von Tempelhof

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Unterhalb des einstigen Berliner Zentralflughafens Tempelhof verläuft ein Labyrinth aus Tunneln und Bunkern, endlosen Gängen und Rohrleitungen. Schauriger Höhepunkt einer geführten Tour ist ein Besuch in dem 1945 ausgebrannten Film- und Archivbunker, der Historikern bis heute Rätsel aufgibt. Text: Ron Rüthers, Fotos: Thilo Folesky

Eine unscheinbare Eisentür, rost-rot und erst wenige Jahre alt, führt in die Hölle von Tempelhof. Klaus Eisermann hat sie schon dutzende Male aufgeschlossen, und immer wieder befällt ihn ein „leichtes Gruseln“, wie er sagt. Hölle – so nennen er und seine Mitarbeiter des ehemaligen Berliner Zentralflughafens Tempelhof den Bunker, dessen Bedeutung bis heute niemand genau kennt.

18 Meter unter dem nördlichen Teil des Flughafnes liegt diese kleine Betonfestung. „Mit damaligen Bomben nicht zu knacken“, sagt Eisermann und verharrt ehrführchtig in einem schmalen Gang. Die Wände sind schwarz vor Ruß. Im Deckenbeton klaffen Löcher. Sie geben den Blick frei auf verrostete Stahlstreben. Ein Zustand wie vor rund 70 Jahren, als hier ein Höllenfeuer wütete. Hinter Eisermann fällt die Tür knarzend ins Schloss. Plötzlich Stille.

Die Hölle, der vielleicht makaberste Ort unterhalb des Tempelhof-Areals. Noch heute gilt das oberirdische Bauwerk nach dem Pentagon als größter zusammenhängender Gebäudekomplex der Welt. Wenig bekannt ist bislang die Faszination der unterirdischen Anlagen. Ein Labyrinth aus Tunneln und Bunkern, endlosen Gängen und Rohrleitungen, die sich über fast fünf Kilometer ausdehnen. Wer ohne Führung hinabsteigt, der ist verloren.

Erbaut wurde die Unterwelt genau wie der Flughafen selbst von 1937 bis zum kriegsbedingten Baustopp 1940. Architekt war Andreas Sagebiel unter der Ägide Albert Speers. Im Krieg fielen auf den Zentralflughafen aus bis heute nicht ganz geklärten Gründen so gut wie keine Bomben. „Sie sehen Tempelhof im Urzustand“, sagt Eisermann. Mit seiner Bluejeans, den raspelkurzen Haaren und der Fliegerjacke sieht der einstige Leiter für Verkehrsdienste am Flughafen deutlich jünger aus als 67. „Die weiten Wege hier unten und die vielen Treppen halten mich fit“, meint er und kaut hastig auf seinem Kaugummi.

Was sich in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in jenem Bunker abgespielt hat, den Eisermann respektvoll „die Hölle“ nennt, ist nur noch schwer zu rekonstruieren. Einige Wissenschaftler glauben, dass dieser Bunker einer der modernsten und geheimsten im ganzen Reich war – mit einer speziellen Luftfilteranlage, die als Vorläufer der Klimaanlage gilt. Soldaten der Roten Armee haben den Bunker entdeckt, obwohl sein Eingang zugemauert war.

„Als sie die 30 Zentimeter dicke Stahltür sprengten, fing der ganze Bunker Feuer“, sagt Eisermann. Der Beton zerbröselte an manchen Stellen wie Knäckebrot. „Hier haben sich Temperaturen von 1500 Grad entwickelt.“ Das lasse Rückschlüsse zu auf das, was hier in einzelnen, mit Alarmanlagen gesicherten Kammern gelagert worden sein muss: Zelluloid, Filmmaterial. „Dieser Bunker war wohl ein geheimes Filmarchiv. Mehr wissen wir nicht“, sagt Eisermann knapp. Einzelne Schwarzlichter an der Decke, welche die Feuersbrunst überlebt haben, mögen seine These bestätigen. „Erstklassige Reichsdeckenbeleuchtung“, sagt Eisermann spöttisch.

Wo klare wissenschaftliche Erkenntnisse fehlen,  brechen sich Verschörungstheorien Bahn. Alternative Deutungsversuche – meist von faszinierten Bunkertouristen vorgetragen – lassen die schönsten Fantasien wuchern: Hier verbrannte Hitlers privates Geldvermögen. Ein Besucher glaubte beim Anblick des gekachelten Ablaufs der Luftfilteranlage, Hitlers Duschraum entdeckt zu haben. Eisermann lächelt über derartige Erklärungsversuche. „Es war wohl ein Archivbunker. Alles andere ist Spekulation.“

Einige Hundert Meter weiter ist die Unter-Tage-Welt besser dokumentiert. Direkt unter dem Hangar verläuft eine fast 400 Meter lange Tunnelröhre. An der Decke schienenähnliche Aufhängungen, der Stahl der Streben ist verrostet. Ab 1940 ließ die Wehrmacht hier Jagdflugzeuge montieren. Fast 2000 Maschinen vom Typ JU-87, besser bekannt als „Stuka“, sollen diese unterirdische Produktionsstätte bis Kriegsende verlassen haben. Schienen im Kopfsteinpflasterboden zeugen von der Anlieferung der Bauteile per Zug. Nachts fuhren schwer beladene Güterzüge aus Bremen ein. Hier unten brauchten die Flugzeuge dann nur noch zusammengesetzt zu werden“, so Eisermann.

Einige Betonwände weiter liegen die Luftschutzräume für die damaligen Mitarbeiter der Lufthansa und ihre Familien. 40 bis 50 solcher Räume sind bislnag entdeckt. Wie damals in den Bombennächten beleuchtet auch heute eine 40-Watt-Glühbirne spärlich den kalkweißen Kellerraum. Die Luft ist trocken, die Stimme hallt.

Abgetrennt hinter einer mannshohen Wand liegt der Abort. Hier stand ein Eimer mit Sand. Es muss nach einigen Stunden erbärmlich gestunken haben“, meint Eisermann. Erstaunlch gut erhalten sind die Wandmotive von Wilhelm-Busch. „Begeistert blickt er in die Höh‘, willkommen herrliche Idee“, steht da in Sütterlin. Was wie ein makabrer Scherz wirkt, sollte den Kindern die Bombennächte erträglicher machen. Die amerikanischen Soldaten haben die Bunkerwände später während der Besatzung zwar gestrichen, aber immerhin gewissenhaft um die Wilhelm-Busch-Bilder herumgemalt. „Ein Glück“, sagt Eisermann. „Die Amis hatten wohl ein besonderes Geschichtsbewusstsein.“ Seine Theorie: „Hätten die Russen den Flughafen besetzt, sähe vieles wohl anders aus. Und wenig wäre im Original erhalten geblieben.“

Eisermann, der Amerika-Freund, sagt noch: „Egal, was mit Tempelhof passiert, die Bunker müssen erhalten bleiben. Unbedingt! Sie sind die letzten originalen Zeugnisse einer so verheerenden Epoche für Berlin.“

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