In Luxor schwelgen

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Noch vor drei Jahren wäre es ein Privileg gewesen, allein eine Grabkammer im Tal der Könige zu besichtigen. Heute ist es beinahe die Regel. Touristen, die noch zu Zeiten der Mubarak-Diktatur in Scharen kamen, meiden Ägypten wegen der politischen Unruhen. Dabei könnten sie die Schönheit des Landes gerade jetzt, in Zeiten aufkeimender Demokratie, genießen. Unterwegs mit Ahmed in der Pharaonen-Stadt Luxor. Dazu ein Pro & Contra zum Krisen-Tourismus.

Fehlt nur noch, dass Ahmed uns das Geld für die Tour zurückgibt – gegen das Versprechen, dass wir auch wiederkommen. Zwölf Stunden hat er uns an diesem Tag durch das alte Ägypten geführt, immer um den besten Eindruck bemüht. Im Tal der Könige hat er aufdringliche Händler verscheucht. In Luxor wies er die Kutschfahrer barsch an, sich mit ihren Trinkgeld-Forderungen zurückzuhalten. Und in Karnak, jener bis zu 3500 Jahre alten und gut erhaltenen Tempelanlage, zeigte er auf ein 120 Meter langes Wasserbassin aus Granit und erklärte feierlich: „Liebe Gäste, hier sehen Sie das älteste Schwimmbad der Welt.“

„Liebe Gäste“, so beginnt Ahmed fast jeden seiner Sätze. Und schnell wird klar, der Touristenführer zeigt seinen Gästen nicht nur das faszinierende Erbe seines Landes. Er hat noch eine andere, vielleicht viel wichtigere Mission zu erledigen. Ahmed ist Botschafter eines Staates am Abgrund, eines Landes, dem die Touristen scharenweise davon laufen.

In den Urlaubsfliegern beiben dei Plätze leer

Ägypten steckt noch immer mitten in der Revolution. Völlig ungewiss scheint die Zukunft des Landes im Norden Afrikas. Vor gut zwei Jahren stürzten die Menschen in Kairo zwar Diktator Mubarak, vor wenigen Wochen dann putschte das Militär gegen Präsident Mursi. Freier wurde Ägypten dadurch aber nicht. Immer wieder werden Demonstrationen mit aller Gewalt aufgelöst, landen Regimegegner im Gefängnis. Auch wenn die Lage in den Tourismushochburgen am Roten Meer vollkommen ruhig ist, in den Urlaubsfliegern bleiben viele Plätze frei.

„Liebe Gäste, überall in meinem Land sind Sie sicher“, sagt Ahmed, als wir mit dem Motorboot „Hatshepsut“ über den Nil setzen. Wir sitzen auf Höhe des Wasserspiegels. Um uns herum gleiten kleine Felucka-Boote mit atemberaubendem Tempo kreuz und quer über den Fluss, angetrieben nur vom Wind, der in die großen Segel fährt.

Acht Minuten dauert die Überfahrt vom westlichen an das östliche Nilufer, von Theben West nach Luxor – eigentlich. Diesmal aber findet der Bootsführer einfach keine geeignete Anlegestelle. Überall am östlichen Ufer versperren mächtige Nil-Kreuzfahrtschiffe den Weg. Seit Monaten warten sie vergeblich auf Touristen. Und zwischen den Fluss-Riesen dümpeln flache Motorboote wie unsere Hatshepsut. Wir legen schließlich in dritter Reihe an, klettern über andere Boote auf den Steg. Von dort geht’s über eine Treppe aus abgebrochenem Granitstein hoch auf die Uferpromenade. Oder das, was von ihr noch übrig ist. Wir stapfen durch Sand. Ein paar Meter weiter aber setzen Bauarbeiter Pflastersteine aus Granit, auch die Bäume am Rand sind neu. „Bald wird die Promenade wieder so schön sein wie früher“, sagt Ahmed.

Luxor ist die alte Hauptstadt des ägyptischen Reiches. Ihr Name bedeutet so viel wie „Stadt der Paläste“. Und wer die Säulenhallen der Pharaonenzeit sehen möchte, der steigt am besten in eine der Kutschen, die aufgereiht am Ende der Uferpromenade warten. Schon von weitem winken die Kutscher die Touristen herbei. Der beste Platz ist oben auf dem Bock. Man kann über die Autos hinweg schauen, die die Straßen verstopfen, und sitzt nicht wie in einem Bus hinter Glas.

In Luxor haben Kutschen Vorfahrt

Egypt_3Kutscher Elias lässt die Zügel immer wieder auf das Hinterteil seines verschwitzten Pferdes knallen, peitscht das Tier durch die Straßen von Luxor. Auf die Autos nimmt er wenig Rücksicht, die aber auf die Kutsche. Es scheint, als hätten die Gespanne mit den Touristen überall Vorfahrt. Vielleicht ist es auch nur das stillschweigende Einverständnis der Ägypter, Gästen gerade jetzt in der Krise ein wohliges Gefühl zu geben und den roten Teppich auszurollen. In einer Stadt, die fast ausschließlich vom Tourismus lebt.

Die Fahrt ist zwar ein ruckeliges, staubiges Abenteuer und nichts für schwache Nerven. Aber weil Elias uns in gutem Englisch alle wichtigen Bauwerke entlang unserer Route erklärt, ist sie auch ein kulturelles Erlebnis. Wir fahren an einer christlich-koptischen Kirche vorbei, was Elias veranlasst, zu betonen, wie gut die verschiedenen Religionen in Luxor zusammenlebten. Wir überholen einen islamischen Trauerzug. Die Teilnehmer der Prozession eilen mehr als dass sie gehen. Über den Köpfen schaukelt der Sarg mit dem Verstorbenen. Schließlich liegt rechts neben uns das wohl berühmteste Gebäude im Zentrum Luxors, der Tempel, errichtet vor mehr als 3300 Jahren zu Ehren des Gottes Amun. Von den einst zwei Obelisken vor dem Eingang steht nur noch einer. Der andere wurde 1836 auf dem Place de la Concorde in Paris aufgerichtet. Er war ein Geschenk Ägyptens an den französischen König Louis-Philippe.

Als der Obelisk vor fast 180 Jahren zum Nil und von dort auf ein Schiff Richtung Frankreich gehievt wurde, da ahnte man nicht, was für ein Schatz da unter dem Wüstensand direkt vor dem Luxor-Tempel schlummerte. Eine 2,7 Kilometer lange Straße aus Granitsteinen, angelegt vor 3400 Jahren und gesäumt von 650 Sphinxstatuen. Sahara-Sand hatte die wohl älteste Allee der Welt verschüttet und praktisch konserviert. Erst nach der Jahrtausendwende wurde sie aufwendig restauriert, und seit März 2010 können Touristen über die Allee flanieren, die nach fast drei Kilometern vor der größten Säulenanlage Ägyptens endet: dem Tempel von Karnak.

In Karnak werden die Gäste durch ein enges und schäbiges Foyer gepresst, das irgendwann in den 80er Jahren gebaut worden sein muss. Es steht Gott sei Dank weit genug weg von dem Tempel, der 3550 Jahre früher gebaut wurde. „Gehen Sie einfach! Gehen Sie einfach!“, sagt Ahmed und wedelt mit der Hand. Die Scanner sind außer Betrieb. Zwei Polizeibeamte dösen auf ihren Plätzen und vermitteln – beabsichtig oder unbeabsichtigt – ein Gefühl der Sicherheit. Nach 200 Metern stehen wir vor dem mächtigen Eingangsportal des Tempels zu Ehren des Gottes Amun Re. Als der erste Stein für diese Anlage gesetzt wurde, erlebte Ägypten gerade seine Hochphase mit den Pharaonen der 18. Dynastie. Einer der bekanntesten: Tutenchamun.

Alles, was des Königs Bauarbeiter um 1300 vor Christus als Hilfsmittel benötigten, um 22 Meter hohe Säulen zu bauen, kam aus dem nahe gelegenen Nil: Schlamm. Ahmed kniet auf dem Boden und zeichnet mit einem Ast eine Säule in den Sand. „Liebe Gäste, die alten Ägypter waren klug. So klug, dass man bis heute nicht in der Lage ist, die Säulen zu restaurieren. Denn man kann die Bauweise nicht kopieren.“ Getrockneter Nilschlamm war die Urform eines Gerüsts. Der Lehm wurde aufgeschichtet, anschließend zu Stufen geformt. Daneben setzte man Granitstein auf Granitsein – für die spätere Säule. War die Säule fertig, wurde der Nilschlamm wieder abgetragen.

Unterirdisch wurde Nilwasser zugeleitet

Ein paar moderne Hebekräne in mitten der Säulenanlage sind zu sehen. Ob man wirklich Nil-Schlamm braucht, um die Säulen zu restaurieren? Ahmed grinst, lässt Nachfragen unbeantwortet, fragt nur: „Glauben Sie mir nicht? Vertrauen Sie uns Ägyptern!“ Und dann leitet er elegant über zur Revolution und den politische Unruhen in Kairo und anderen Städten. „Wir sind eine Kulturnation. Wir kriegen die Krise in den Griff. Wir haben alles in den Griff bekommen.“ Und wie zum Beweis dafür, dass Ägypten ein Land ist, das immer schon seiner Zeit voraus war, führt er uns zu einem Wasserbassin aus Granit, 120 Meter lang, über 70 Meter breit. Der Heilige See von Karnak, der größte und einzig intakte Heilige See Ägyptens, unterirdisch wurde Nilwasser zugeleitet, heute speist er sich aus Grundwasser. „Sie sehen das älteste Schwimmmbad der Welt.“ Was er nicht erwähnt ist, dass hier vor 3000 Jahren lediglich Gänse, die heiligen Tiere des Amun schwimmen durften, außerdem entnahm man das Heilige Wasser, um die Tempelanlage zu reinigen.

Aber ist das so wichtig in einer Zeit, in der es darum geht, Touristen davon zu überzeugen, dass sie dieses so wunderschöne Land  weiterempfehlen – oder besser noch ein weiteres Mal besuchen.

Text und Fotos: Markus Harmann

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