TV-Kritik

Geschrieben von Goldeber am in Kleiner Keiler

Kinder schaffen Chaos? Oder doch vielleicht einfach: ein normales Leben

Kinder schaffen Chaos. Nicht nur im eigenen Zimmer, sondern angeblich auch im Kopf ihrer Eltern. Wie sich dieses Chaos am besten (weg-)organisieren lässt – darum ging es gestern in der TV-Talkrunde „Beckmann“ zum Thema „Kinderlos – warum die Deutschen keine Kinder mehr bekommen“ (ARD).

Wie dieses Chaos aussieht? Marc Brost, Leiter des „Zeit“-Hauptstadtbüros und Vater eines (!) siebenjährigen Sohnes, drückte es so aus: Was, wenn die Mutter abends etwas vorhat und der Vater vielleicht auch raus will und gerade keine Oma in der Nähe ist?

Ist das wirklich schon Chaos? Oder ist das nicht vielmehr: normales Leben? Brosts Beispiel zeigt, wie eine Debatte über die Vereinbarkeit von Kind und Beruf, von Kind und Karriere oder einfach nur Kind und Gesellschaft unter wohlsituierten Mittelstandseltern geführt wird: Der Fokus liegt darauf zu problematisieren. Was, wenn der Hund krank wird? Dann ist es wohl tatsächlich normales Leben und man oder frau bleibt gern mal zuhause.

Was Brost sagen wollte (und auch schon in der „Zeit“ geschrieben hat): Ständig „Legotürme bauen“ mit dem Kind und gleichzeitig ein ausgefülltes Berufsleben in leitender Position haben – das ist unvereinbar. Da hat er Recht. Aber das ist eine Binse. Der Journalist verlangte mehrfach nach einem gesellschaftlichen Konsens. Aber was soll dieser Konsens schaffen? Das Unvereinbare vereinbar machen?

Überhaupt zeigte die Beckmann-Diskussion die ganze Widersprüchlichkeit der Vereinbarkeitsdebatte: Wenn schon die familienpolitischen Leistungen der Bundesregierung (200 Mrd. Euro im Jahr) angeblich nicht zünden, außer vielleicht das Elterngeld, dann solle der Staat wenigstens für Kinderbetreuung sorgen. Doch wer will sein Kind schon in eine 24-Stunden-Kita geben, damit der Beruf möglichst ohne Reibungsverluste fortgeführt werden kann? Aus der Beckmann-Runde jedenfalls niemand.

Fast wohltuend war es, als Schauspielerin Jasmin Tabatabai (drei Kinder) erklärte, Kinder seien auch „einfach schön“ und dass es an jedem selbst liege, wie sehr er sich beruflich vor den Karren spannen lässt und – zum Beispiel – jederzeit erreichbar ist. Immerhin: „Zeit“-Journalist Marc Brost sagte, er mache sein Handy am Wochenende neuerdings auch einfach mal aus. Stattdessen sei er mit seinem Sohn angeln gewesen und habe sich dabei prompt verletzt – autsch.

Womit wir wieder beim Wiederspruch und beim Chaos wären: Hebamme Livia Görner (zwei Kinder) wehrte sich vehement gegen diesen Begriff („Chaos“) in Zusammenhang mit Kindern, plädierte aber gleichzeitig für Vollzeitjobs von Müttern – auch wenn der Preis dafür hoch sei, wie sie aus vielen Gesprächen mit Müttern wisse: nämlich ein Chaos im Kopf.

Tabatabai hat für das vermeintliche Chaos eine Lösung: Sie hat eine „professionelle“ Kinderbetreuung. Also offenbar eine Kinderfrau, die so ziemlich rund um die Uhr da ist. Glücklich, wer sich das leisten kann! Tabatabei spricht damit also eher für einen geringeren Teil der Familien in Deutschland. Für die schon erwähnten Mittelstandeltern mit gutem Einkommen. Das gab auch Marc Brost zu: Wir, sagte er und meinte damit die gut situierten Besserverdiener, hätten „Lebensformen“, aber es gebe eben auch „Überlebensformen“.

Also veranschaulichte die TV-Debatte bei „Beckmann“ auch die Klage auf hohem Niveau? Ja und nein. Tatsächlich sind Eltern unter Druck, weil sie in einer „immer egonzentrischeren“ (Livia Görner) Gesellschaft ihren Kindern und sich selbst möglichst alles bieten wollten. Auch weil sie häufig bei ihren Nachbarn sehen, was die angeblich ihren Kindern alles bieten. Es wird also schwerer, normal zu sein, wie Brost richtig sagte. Andererseits verkennt die Vereinbarkeitsdebatte, bei der häufig vom Staat mehr verlangt wird, als er leisten kann: Kinder oder nicht – das ist zunächst eine sehr persönliche Entscheidung zweier Menschen. Finanziell stehen Eltern fast immer schlechter da als Nicht-Eltern, wie sollte es auch anders ein, es sitzen ja plötzlich einige Personen mehr am Tisch. Emotional können Kinder aber vervollständigen oder einfach: Normalität sichern.

Text: Markus Harmann

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