Innenansichten: Kolumbien

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Wie lebt es sich wirklich in Simbabwe, Kolumbien, Tunesien oder Mexiko? Für die Reihe „Innenansichten. Besser als der Ruf?“ interviewt Goldeber Menschen, die vorübergehend oder dauerhaft in einem Land leben, deren (medialer) Ruf nicht immer der beste ist. Folge 1: Josephine Landertinger Forero. Die österreichisch-kolumbianische Filmemacherin lebt nach einem Studium in Berlin in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. 

Goldeber: Kolumbien. Bei diesem Stichwort denken viele immer noch zuerst an Drogen, Gewalt und Korruption. Geht es um reine Klischees?

Josephine Landertinger Ferero: Drogen, Gewalt und Korruption – das alles gibt es in Kolumbien, aber eben auch in Deutschland. Kolumbien ist eine der ältesten Demokratien und die viertgrößte Wirtschaftsmacht Lateinamerikas. Viele europäische Firmen haben in den letzten fünf Jahren einen Sitz in Bogotá geöffnet, sie suchen hier wegen der Eurokrise neue Möglichkeiten. Und mit Cartagena hat Kolumbien vielleicht eine der schönsten Städte der Welt, sie ist seit langem eine obligatorische Station für Kreuzfahrten der Karibik.

Urlaub in Kolumbien ist also ohne weiteres möglich?

Natürlich! Die Kolumbianer sind extrem kinderlieb. Generell ist Kolumbien ein beliebtes Ziel für Backpacker geworden, die die biologische und klimatische Vielfalt des Landes erkunden wollen.

Die Hauptstadt Bogotá galt mal als eine der gefährlichsten Städte der Welt?

Bogotá hat vor allem Ende der 90er, Anfang der 2000er eine Gewaltwelle auf Grund des bewaffneten Konflikts zwischen der Regierung und der Guerilla-Organisation FARC erlebt. Mittlerweile ist die Zehn-Millionen-Einwohner Stadt eine attraktive Metropole geworden. Im Jahr 2013 besuchten eine Million ausländische Touristen die Stadt. Die Zahl heute könnte bei 1,5 Millionen liegen. Ein Spaziergang in der historischen Altstadt von Bogotá reicht, um zu wissen, warum so viele Touristen kommen.

Trotzdem: Warum halten sich im Falle von Kolumbien die Klischees so hartnäckig.

Vielleicht liegt es daran, dass Kolumbien die älteste noch aktive Guerillagruppe der Welt hat – die linksgerichtete FARC, die seit 1964 operiert. In den 80er Jahren verkomplizierten die rechtsgerichteten Paramilitärs und der Drogenhandel den Konflikt. Trotz der Friedensprozesse von 1991 hat es keine Regierung bisher geschafft, langfristig den Gewaltzyklus zu durchbrechen. Somit leidet Kolumbien seit mehr als 50 Jahren unter dem bewaffneten Konflikt, der sechs Millionen Opfer zählt. Das alles prägt natürlich das Bild eines Landes. Zwar ist die jetzige Regierung sehr nah dran an einem Frieden, dennoch ist auf Grund der Länge des Konflikts und der vielen bereits gescheiterten Friedensverhandlungen die Skepsis in der Bevölkerung groß.

Wie präsent ist der Konflikt im Alltag? 

Vor jetzigen Friedensverhandlungen auf Kuba sind sehr präsent. Es geht schließlich um die Zukunft des Landes! Jeden Tag wird darüber in allen Medien berichtet. Das öffentliche Interesse ist riesig, denn natürlich wollen alle, dass ein konkreter Friedensvertrag herauskommt. Vor allem der Begriff Transitional Justice spielt momentan eine riesige Rolle. Es geht um Versöhnung mit und die Reintegration der Täter. Das sind zwei Schlüssel für einen erfolgreichen Übergang zu einer langfristig friedlichen Gesellschaft. Aber ein Großteil der Bevölkerung befürchtet, dass die Verantwortlichen der FARC ohne gerechte Strafen nach einem 50-jährigen Konflikt davonkommen könnten.

Wie kritisch wird über die Konfliktparteien berichtet?

Die Mehrzahl der kolumbianischen Zeitungen gehört aktiven oder ehemaligen Politikern oder deren Angehörigen. Das muss man im Hinterkopf haben, wenn man hier Zeitung liest. Zudem waren viele Journalisten, die über den Konflikt berichten, noch nie in den Konfliktgebieten, denn die großen Verlage befinden sich fast alle in der Hauptstadt Bogotá. Vielen Medien ist es finanziell nicht möglich, ihre Redakteure in die meist abgelegenen Gebiete zu schicken. Außerdem wollen sie nicht das Risiko eingehen, dass ihren Mitarbeitern etwas passiert. Also dienen oft Presseerklärungen der Armee oder der Regierung als einzige Quelle.

Hinzu kommt: In kleineren Lokalredaktionen ist die Selbstzensur eine häufige Methode, sich zu schützen. Über bestimmte Themen wird gar nicht erst berichtet, denn in einem Dorf ist es schwierig, sich zu verstecken.

Hoffnung macht das unabhängige Onlinemagazin „La Silla Vacía“ mit Beiträgen und Hintergrundanalysen über den Konflikt.

Der Krieg, das Kokain, die Gewalt: Wie reagieren die Kolumbianer selbst auf das Bild ihres Landes in der Welt?

Was sie wirklich nervt, sind Generalisierungen. Ich war mal mit meinem Freund, der auch Kolumbianer ist, in Athen. Ein Taxifahrer fragte uns, woher wir kommen. Als ich „Kolumbien“ sagte, entgegnete er: „Oh, also dort hinten am Oxymoron Platz, da gibt es viele Kokain-Händler.“ Mein Freund und ich schauten uns verblüfft an und ich sagte dem Taxifahrer: „Nur weil wir Kolumbianer sind, heißt es nicht, dass wir kokainsüchtig sind oder irgendwas mit dem Drogenhandel zu tun haben.“

Kokain und Kolumbien gehören im europäischen Bewusstsein also noch immer zusammen.

Ja, noch mehr als der bewaffnete Konflikt. Aber seit der Fußball-WM denken die Europäer auch immer häufiger an den Fußballspieler James Rodriguez. Das macht dann doch viele Stolz. Denn es ist ein besseres Gefühl, mit sportlichen Erfolgen in Verbindung gebracht zu werden als mit Drogenhandel.

Worin besteht für Dich der Reiz an Kolumbien?

Neben der Vielfalt der Landschaft – ich wohne mit Blick auf die Anden – die Offenheit, mit der Ideen junger Leute angenommen werden.

Hast Du jemals eine Situation erlebt, in der Du Dich bedroht gefühlt hast?

Im Jahr 2004 wurden meine Familie und ich häufiger von bewaffneten Akteuren auf dem Weg zum Dorf meiner Oma angehalten, Taschen wurden durchwühlt. Das ist Gott sei Dank vorbei. Außer bösen Blicken und ausgeräumten Taschen ist auch nichts weiter passiert damals.

Du hast lange in Deutschland gewohnt. Wenn Du an Kolumbien, die Heimat Deiner Mutter, gedacht hast, was kam Dir als erstes in den Sinn?

Das Wetter natürlich! Um dem eisigen und dunklen Berliner Winter zu entkommen, war das Land oft meine Zuflucht. Und ich musste immer an die unglaubliche Vielfalt an Früchten denken, die es hier gibt.

Josephine Landertinger Forero ist eine österreichisch-kolumbianische Filmemacherin, die in Bogotá lebt. Sie hat an der Freien Universität Berlin Film und Kommunikation studiert mit Schwerpunkt Dokumentarfilm, Performance Art, italienischer Neorealismus und Nachkriegsfilm. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über Arbeitsbedingungen kolumbianischer Journalisten, die über den bewaffneten Konflikt berichten. Sie ist Regisseurin mehrerer Dokumentarfilme und leitet in Bogotá u.a. Kurzfilmworkshops in Armenvierteln.

http://josephine-lf.com/

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