Letzter Ablug Tempelhof – eine Erinnerung

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Vor fünf Jahren startete das letzte Flugzeug vom Berliner Flughafen Tempelhof. Eng verbunden mit dem legendären Airport ist die Geschichte eines Flugzeugs: der Douglas DC 3, besser bekannt als Rosinenbomber. Kurz vor der Schließung von Tempelhof, Ende Oktober 2008, rollten wir mit einem jener Flugzeuge noch einmal über die Startbahn im Herzen Berlins, drehten eine Runde über der Hauptstadt und landeten wieder erstaunlich weich auf dem ältesten Airport Deutschlands. Rückblick auf einen Nostalgie-Flug. Text: Markus Harmann, Fotos: Dirk Lässig

Es riecht nach Maschinenöl und altem Leder. Im Bauch der Douglas DC 3, Baujahr 1944, begeben sich die 25 Passagiere auf ihre Plätze. Gurte klicken, Fotoapparate piepen. Eine Frau flüstert: „Mir ist ganz schön mulmig.“ Ihr Begleiter versucht sie zu beruhigen: „Diese Maschine ist seit dem Krieg in der Luft und noch nie abgestürzt.“ Pilot Steffen Wardin wartet noch einen Moment im Heck. Dann geht der 47-Jährige langsam durch die Reihen ins Cockpit des Rosinenbombers, zwängt sich in den rechten der beiden Sitze. Er trägt beigen Schlips auf beigem Hemd, braune Lederjacke und Ray-Ban-Sonnenbrille.

Er atmet tief ein. So als sauge er noch ein letztes Mal die Geschichte dieses historischen Umfeldes auf. Der Rundflug, der in wenigen Minuten beginnt, wird sein letzter sein ab Tempelhof. Danach ist Schluss. Für ihn und für alle anderen Piloten auf dem 85 Jahre alten Zentralflughafen. Tempelhof schließt. „Das ist bitter. Wirklich bitter“, sagt Wardin, setzt die Kopfhörer auf und öffnet den Sprithahn. Dann schiebt er zwei Hebel nach vorn. Das „P“ auf den runden Griffen steht für Propeller.

Schneller, immer schneller rotieren die Propeller an den Tragflächen, erst rechts, dann links. Es surrt, es dröhnt, es scheppert, der Boden des Blech-Oldtimers vibriert. Das letzte noch im Dienst stehende Flugzeug, das während der Luftbrücke 1948/49 Lebensmittel in die abgeriegelte Stadt Berlin flog, rollt über das Flugfeld in Richtung Startbahn. In mehr als 280.000 Flügen transportierten die Allierten zwischen Juni 1948 und Mai 1949 rund 2,8 Millionen Tonnen Fracht in die Stadt – das sicherte das Überleben von fast zwei Millionen Bewohnern. Fast alle Hilfsgüter – Lebensmittel, Kohle, Maschinenteile – kamen über Tempelhof in die Stadt.

Wardin und Co-Pilot Chris Goezinne schauen durch die kleinen Fenster zu den Hangars, die kleiner und kleiner werden. Wardin drückt irgendeinen der tausend Knöpfe vor ihm, das Geräusch, das ertönt, klingt wie eine heisere Autohupe. Der Pilot schmunzelt. „Alles in Ordnung“, spricht er in sein kleines Mikrophon, „wollte nur verhindern, dass Sie dahinten einschlafen.“ Lachen unter den Passagieren.

Wer könnte bei dieser Lautstärke schon schlafen? Wardin drückt das Steuerhorn nach vorn. Aus dem Dröhnen wird ein Kreischen. Der Rosinenbomber nimmt Fahrt auf. Bei einer Geschwindigkeit von 160 Stundenkilometern verlassen die Räder die Startbahn. Es geht nach Südwesten, Richtung Potsdam.

32.853 Flugstunden hat die alte Douglas DC 3 auf dem Buckel, jetzt kommen nochmal 25 Minuten drauf.

Eine letzte, knapp halbstündige Zeitreise. Berlin, Tempelhof, Rosinenbomber – das alles gehört seit 60 Jahren zusammen. Ein authentisches Flugzeug an authentischem Ort. Bald startet Wardin von Schönefeld aus, dem alten DDR-Flughafen. „Wir bekommen da ein sehr schönes Terminal für unsere Rundflüge, aber welchen Bezug hat der Rosinenbomber schon zu Schönefeld?“, fragt Wardin, als unter ihm das Strandbad Wannsee auftaucht.

Mit 15 saß er zum ersten Mal am Steuer eines Flugzeugs, eines Segelflugzeugs. Heute fliegt er Sportflugzeuge, Wasserflugzeuge, Doppeldecker – das ist sein Beruf. Der Rosinenbomber ist sein Leben. Er fliegt ihn, er wartet ihn, er kennt jede Schraube, jede Eigenart. Und wenn man ihn lassen würde, dann würde er die alte Douglas auch noch für die 50.000 Flugstunde flott kriegen. „Es ist einfach ein wahnsinniges Gefühl, dort zu sitzen, wo vor 60 Jahren britische Piloten saßen.“

Wardin fliegt eine scharfe Rechtskurve, 800 Meter über Schloss Sanssouci. Es geht wieder zurück. „Noch rund 15 Minuten bis zur Landung“, sagt die Stewardess. Zur letzten in Tempelhof. Links taucht das Olympiastadion auf, ein bisschen weiter ist das Berliner Rathaus zu sehen, Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. Hier wurde beschlossen, den City-Airport Tempelhof dicht zu machen. „Ein Jammer ist das, dieser Flughafen ist einzigartig. Und ein Flughafen der kurzen Wege“, meint Wardin. Er fliegt nördlich am Zentralflughafen vorbei, schaut immer wieder runter auf das Flugfeld, so als müsse er sich alles noch einmal einprägen. Über dem Treptower Park dreht der Kapitän seine Maschine erneut, dann geht es runter. Die Tempelhofer Landebahn liegt jetzt vor ihm. 15 Meter über dem Asphalt nimmt er das Gas weg. Das Dröhnen reißt ab, fast wird es still. Weich setzt der Rosinenbomber zum letzten Mal in Tempelhof auf. „Herzlich willkommen auf dem Zentralflughafen Tempelhof“, spricht die Stewardess in ihr Bord-Telefon. „Bitte bleiben sie noch sitzen, bis wir die endgültige Parkposition erreicht haben.“

Als die Passagiere längst draußen sind, und unter den Fenstern bereits die Techniker herum wuseln, sitzt Wardin noch im Cockpit. Er öffnet das Fenster, schaut zum Hangar und atmet tief ein – so als wolle er ein Stück Tempelhof für immer in sich behalten.

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