„Man muss die Emotionen einfach versachlichen und sich fragen, ob die Grundwerte noch stimmen.“

Geschrieben von Goldeber am in Visionen und Vergangenheit

UnzertrennlichAls sich Marianne (60) und Hans (62, Namen geändert) kennenlernen, sind beide noch Teenager. Sie ist 13 Jahre alt, er 15. Die meisten Jugendlieben halten nur ein paar Wochen, vielleicht einige Monate. Doch Marianne und Hans sind seit 47 Jahren ein Paar. Sabrina Repac sprach mit beiden über Jugendliebe, wahre Liebe und den Moment, in dem es fast zur Trennung gekommen wäre.

Welche drei Eigenschaften schätzt Ihr am anderen am meisten?

(Stille und fragende Gesichter)

Marianne: Oh, das ist schwierig.
Hans: Also, Zuverlässigkeit, geistige Beweglichkeit und Toleranz.
Marianne: Ja, das ist bei mir genau das Gleiche. Also, Zuverlässigkeit. Hans, was hattest du außerdem noch gesagt?
Hans: Toleranz und Geist, beweglicher Geist.
Marianne: Ja, genau.

Ihr wart 15 und 13, als ihr euch kennengelernt habt. Hans, du wurdest spät eingeschult und bist einmal sitzen geblieben, woraufhin du in die Klasse von Marianne kamst. Dort habt ihr dann nebeneinander gesessen. Hans, ist Dir Deine spätere Frau damals sofort aufgefallen?

Hans: Nö!

Und, Marianne, wie war es bei Dir?

Marianne: Ja, der sah damals schon aus wie ein Junglehrer. Der war ganz anders gekleidet, als wir alle und dann hat man schon erstmal ein bisschen geguckt, ja.
Hans: Alle fragten mich: „Sind sie der neue Junglehrer?“

Wie seid Ihr dann ein Paar geworden?

Marianne: Ich hatte eine Freundin, die war etwas älter als ich und die hat eine Geburtstagsparty gegeben. Da war sturmfreie Bude angesagt und die hat mich gefragt: Willste nicht auch kommen? Und kannst du nicht noch jemanden mitbringen? Und dann habe ich Hans gefragt, ob er nicht mitkommen wolle. Er sagte zunächst, dass ich ihm zu jung sei, aber dann kam er doch mit. Und dann hat es sich entwickelt. Langsam, leise. Das ist ja nicht so, dass man sich in die Augen geguckt hat, die gefunkelt haben und man gesagt hat, wir bleiben jetzt für immer zusammen.

Wie haben Eure Eltern auf Eure Beziehung reagiert?

Hans: Also, von Toleranz kann man da nicht reden. Selbst nach vielen Jahren, als ich sie besucht habe, rief ihre Mutter ständig hoch: „Der Herr Hans muss jetzt gehen!“

Als Ihr ein Paar wurdet, wart ihr fast noch Kinder. Wie kann man sich eine Beziehung in so jungen Jahren vorstellen?

Hans: Die Lehrer an unserer Schule prognostizierten, dass wir gar nicht den Schulabschluss schaffen würden, weil wir garantiert vorher schon Eltern werden würden. Die Lehrer meinten, das geht überhaupt nicht, so jung eine Beziehung zu führen. Wir waren aber so ziemlich die letzten aus unserer Klasse, die Kinder bekommen haben.

Marianne: Wir haben in der Schule immer heimlich geknutscht und wenn wir mittags frei hatten, waren wir oft zusammen. Wie beste Freunde sozusagen. Und dann hat sich das natürlich immer weiter entwickelt und man hat gemerkt, dass man die gleichen Interessen und Vorstellungen hat und das hat dann irgendwie gepasst. Ich kann mich nicht erinnern, das wir uns die ersten zehn Jahre oder länger überhaupt mal gestritten hätten.

Hattet Ihr jemals andere Partner?

Marianne: Nein.

Hans: Nein.

Habt Ihr euch denn mal gefragt, wie es vielleicht mit jemand anderem sein könnte?

Marianne: Ja klar, das habe ich schon mal gedacht im Laufe der Jahre.

Wenn man sein Leben lang nur mit einem Menschen zusammen ist, verpasst man ja vielleicht auch mal etwas. Hattet Ihr jemals das Gefühl, etwas nachholen zu müssen?

Marianne: Also ich habe schon auch mal Nächte durchgefeiert. Wir haben, als ich 20 war, eine gemeinsame Wohnung gehabt, aber Hans war ja dann auch fünfzehn Monate bei der Bundeswehr. Und in der Zeit habe ich mich schon auch mit anderen Leuten getroffen…

Hans: Wir haben beide immer das gemacht, was wir wollten.

Standet ihr schon mal vor der Trennung?

Marianne: Ja, einmal.

Hans: Ja.

Warum?

Marianne: Vor zehn Jahren bekam ich Krebs und lag sehr lange im  Krankenhaus. Mein Mann hat sich um die Kinder gekümmert und viel gearbeitet. Ich dachte, dass er mich in dieser Zeit mit einer anderen Frau betrogen hätte.

Lag Deine Frau mit Ihrer Vermutung richtig, Hans?

Hans: Nein, sie hatte sich da irgendwas in den Kopf gesetzt, das nicht stimmte.

Wie habt Ihr diese schwierige Phase überwunden?

Hans (lacht): Bis heute nicht.

Marianne: Man muss die Emotionen einfach versachlichen und sich fragen, ob die Grundwerte noch stimmen.

Würdet Ihr Eure Beziehung als wahre Liebe beschreiben?

Marianne: Was ist wahre Liebe?

Hans: Genau, was ist das?

Marianne: Das fragt man sich natürlich in zunehmendem Alter schon. Was ist Gewohnheit und wie viel ist wirkliche Liebe. Eins steht fest: Wenn der andere nicht da ist, fehlt einem was.

Hans: Was ist wahre Liebe? Wen man das jetzt zum Beispiel auf Kinder überträgt. Natürlich liebst du deine Kinder bedingungslos. Auch wenn man, was es ja bei uns nicht gibt, völlige Chaoten großzieht. Also, was ist wahre Liebe?

Marianne: Das könnte man mal googeln.

Seid Ihr immer noch aus tiefer Überzeugung zusammen, oder nur noch, weil Ihr es einfach nicht anders kennt?

Marianne: Ich würde mir schon wünschen, dass mein Mann mich bis ans Ende meines Lebens begleiten wird, ja. Und warum sollte ich das ändern?

Hans: Wir haben den Luxus, dass es immer ein Geben und Nehmen und Schieben des Anderen war. Das einzige, was konsequent stattfindet sind Veränderungen. Natürlich muss man Kompromisse machen, Freiräume für den anderen lassen. Und das ist, glaube ich, die Kunst. Und wir brauchen eine hohe Toleranzschwelle.

Wie geht Ihr mit schwierigen Phasen um?

Marianne: Da geht man sich vielleicht auch mal ein bisschen aus dem Weg. Und jeder macht mal seine eigenen Dinge.

Ihr seid jetzt schon seit 30 Jahren Mann und Frau. Würdet Ihr heute nochmal heiraten?

Marianne: Ja.

Hans: Das kann ich uneingeschränkt bestätigen.

Tags:,

Trackback von deiner Website.

Kommentieren

Abenteuer und Athleten

Wo Dracula Treppen stieg und Harry Potter mit der Bahn fuhr

Yorkshire ist rau, geschichtsträchtig, Kulisse für Literaturklassiker und längst nicht so beliebt wie Südengland. Doch…

Medien und Moral

Halloween mit Trump

Die deutsche Journalistin Susanne Heger lebt jedes Jahr für mehrere Monate in Süd-West-Florida. Sie wollte…

Orte und Originale

Ruanda: Viel mehr als nur Völkermord

Ruanda – noch immer wird dieses kleine afrikanische Land hauptsächlich mit dem Völkermord identifiziert. Jacques…

Visionen und Vergangenheit

Zum letzten Mal

Sarah ist 38 und hat Krebs im Endstadium. Christina ist 51 und Pflegerin auf der…