„Der Reiz Simbabwes liegt auch in der Tragik des Landes“

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Gefälschte Wahlen, geplünderte Farmen, ein greiser Diktator und das Feindbild Europa. Kann man als Europäerin freiwillig in Simbabwe leben? Und ob, sagt Doro Grebe, seit sechs Jahren zuhause in Harare. Für die Reihe „Innenansichten. Besser als der Ruf?“ sprach Goldeber mit ihr über das Durchhaltevermögen der Simbabwer, volle Supermarkt-Regale und darüber, warum es sich trotz politischer Frustration im Privaten gut leben lässt. Von Markus Harmann

Goldeber: Wenn deutsche Medien über Simbabwe berichten, dann über manipulierte Wahlen, leere Regale, Mugabes ausufernde Partys und darüber, dass weiße Farmer aus dem Land geworfen werden. Wie kannst Du in einem solchen Land leben?

Doro Grebe: Das klingt ziemlich bekannt in meinen Ohren. Mein Umfeld denkt ziemlich oft, Simbabwe sei eine Art Mischung aus Afghanistan, Nordkorea und Irak. Dabei ist es hier großartig! Naja, an der Politik arbeiten wir noch, aber die bestimmt ja nicht das ganze Leben.

Die Diktatur spielt im eigenen Land keine große Rolle?

Simbabwe ist in der Tat besser als sein Ruf, was allerdings nicht heißt, dass keine Dinge im Argen liegen. Das tun sie leider doch. Ich erkenne aber hier einen Trend, den ich auch in anderen autoritär regierten Staaten schon erlebt habe: In seiner eigenen kleinen Welt lebt es sich trotz politischer Frustration ganz wunderbar. Oft bin ich einfach nicht betroffen von dem Ungemach der Diktatur.

Ist es Deine Arbeit für die Vertretung der Europäischen Union, die Dich vor Repressalien schützt?

Gut möglich, dass das ein Vorteil ist. Ich werde nicht angefeindet. Zudem wissen die meisten Menschen in meinem Umfeld, wo ich stehe – und das ist nicht immer auf der Seite der EU.

Noch einmal zu unserem Bild von Simbabwe. Leere Supermarkt-Regale hat es tatsächlich gegeben. Wie sieht es heute in den Supermärkten aus und wer kann sich die Waren überhaupt leisten?

In Deutschland wäre man überrascht, würde man unsere Supermärkte sehen. Es gibt alles, sogar deutsche Salzstangen. Aber die Preise sind horrend, es ist teurer als in Namibia oder Südafrika. Hier zeigt sich dann auch der tiefe Graben in der Bevölkerung. Die urbane, berufstätige Schicht kann sich das leisten, auf dem Land hingegen sieht man die Armut. Aber auch in der Hauptstadt Harare nimmt die Arbeitslosigkeit zu und damit der Anteil der Armen.

Wie macht sich die Armut bemerkbar?

Immer mehr Menschen verkaufen an den Straßenecken Billig-Chips, Gemüse und einzelne Zigaretten, um wenigstens ein paar Münzen für die Familienkasse zusammen zu bekommen.

Gleichzeitig macht Mugabe Schlagzeilen mit einer ausufernden Geburtstagsparty, für die angeblich sogar Elefanten geschlachtet wurden.

Nur Mugabe macht in Deutschland mit seinen Eskapaden Schlagzeilen, mit anderen Themen darf man den Redaktionen aber wahrscheinlich auch gar nicht kommen. Im Journalismus wissen wir, dass nur bad news good news sind – und dass kontroverse Personen oder Gedanken Nachrichtenwert haben. Mugabe polarisiert, und er kokettiert damit. Die Medien nehmen das dankbar auf, wissen sie doch, dass er ein Feindbild im Westen ist.

Und für Mugabe ist der Westen ein beliebtes Feindbild…

Neben Großbritannien und den USA ist die EU Hauptfeind des Regimes, weil sie 2002 – nach chaotischen Wahlen und der blutigen Landreform – gegen die Regierung und Mugabe-nahe Personen so genannte „restrictive measures“, also restriktive Maßnahmen, verhängt hat. Gegen 200 Personen und 40 Unternehmen aus dem Dunstkreis Mugabes wurden Einreisverbote in die EU erlassen, Vermögen wurde eingefroren, außerdem durften keine Waffen mehr nach Simbabwe geliefert werden. Durch diese Maßnahmen wurde es Mugabe natürlich leicht gemacht, der EU die Schuld für die katastrophale Wirtschaftslage in die Schuhe zu schieben – was natürlich Quatsch ist.

Ende 2014 wurden einige der Sanktionen aufgehoben.

Zum Teil. Das EU-Einreiseverbot gegen Mugabe besteht noch, allerdings nur noch gegen ihn, seine Frau und eine Firma. Was es aber wieder gibt, ist eine Entwicklungszusammenarbeit auf den Feldern Gesundheit und Landwirtschaftliche Entwicklung. Das Geld geht aber immer noch nicht an die Regierung, sondern zum Beispiel an Nicht-Regierungs-Organisationen. Die Reisebeschränkungen gegen Mugabe und seine Frau Grace bleiben bestehen.

Hatten die Sanktionen die erhoffte Wirkung?

Naja, die EU hatte zwar ihre offiziellen Handelsbeziehungen eingestellt, dennoch flossen weiterhin Millionen-Summen an Entwicklungshilfe ins Land, zum Beispiel durch die UN und andere internationale Organisationen. Viele EU-Staaten blieben trotz der Sanktionen Handelspartner. Das Märchen von den Wirtschaftssanktionen, das auch hier in der Staatspresse immer noch gerne erzählt wird, ist daher genau das: ein Märchen.

Dem Regime spielten die vermeintlichen Sanktionen also eher in die Karten?

Wir haben immer noch eine Quasi-Diktatur, in der Andersdenkende unschädlich gemacht werden sollen. Es gibt nach wie vor Landbesetzungen und Einschüchterungen der Opposition. Der Regierung ist es gelungen, alles, was schief lief, auf die Sanktionen zu schieben: Miese Wirtschaftslage: Schuld sind Sanktionen. Dürre: Schuld sind Sanktionen. Schlaglöcher? Schuld sind Sanktionen. Armut: Die Sanktionen.

Interessant war, dass viele Simbabwer in meinem Freundeskreis völlig gegen eine Aufhebung der Sanktionen waren – sie denken, dass die EU schon genug auf Schmusekurs war und lieber mal wieder die harte Hand zeigen sollte.

Wo liegt für Dich der Reiz, in Simbabwe zu leben?

Das hat vielleicht auch mit persönlicher Prägung zu tun. Für mich liegt der Reiz an Simbabwe ein bisschen auch in der Tragik des Landes: Von der Kornkammer Afrikas zum Armenhaus. Simbabwe ist ein Beispiel dafür, wie ein Land heruntergewirtschaftet werden kann. Gleichzeitig aber auch wieder ein Beispiel dafür, wie man hier leben und überleben kann. Ich mag es, in diesem Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft zu leben, Teil davon zu werden, gemeinsam auf die Veränderungen hinzuarbeiten. Es sind die Menschen, die mich beeindrucken.

Was zeichnet die Menschen aus?

Viele ältere, noch in Rhodesien oder im Exil erzogene Simbabwer, sind hochgebildet, sprechen mehrere Sprachen, unter anderem auch deutsch, während ihre Kinder die Schule nicht vollenden können, da das Geld fehlt. Trotzdem bleibt das Bildungsniveau hoch. Generell halte ich die Menschen hier für weniger oberflächlich als zum Beispiel in Südafrika und Namibia. Bewundernswert sind das Durchhaltevermögen der Menschen, die immer wieder „einen Plan machen“, um voran zu kommen, aber auch ihr Humor und ihre Hingabe.

Wenn Simbabwe einmal die Kornkammer Afrikas war, dann muss es fruchtbarer sein, als die Nachbarländer.

Ja, das Land ist landschaftlich wunderschön und sehr abwechslungsreich. Wir haben waldiges Hochland und sandige Tiefebenen. Es gibt hier den zweitgrößten, von Menschen gemachten See der Welt, den Kariba, der eher an einen Ozean erinnert und auf dem wir manchmal segeln. Und es gibt viele tierreiche Nationalparks und natürlich die Victoria-Fälle.

Eignet sich Simbabwe für einen Urlaub?

Ja, Simbabwe hat freundliche Gastgeber, die sich immer freuen über Besuch. Zimbabwe ist ein Land mit Tiefgang, ein Land, das unter die Haut geht und nachdenklich macht. Das braucht Zeit und Einfühlungsbereitschaft.

Vielen Dank für das Gespräch!

Doro Grebe lebt seit 2003 im südlichen Afrika. Zunächst arbeitete sie als Senior Reporter für die deutschsprachige Allgemeine Zeitung in Namibia. 2009 wurde sie in Simbabwe sesshaft. Weil ihr Journalismus dort zu gefährlich erschien, arbeitete sie u.a. freiberuflich als Beraterin für die GIZ. Zurzeit ist sie Press & Information Officer für die Vertretung der EU in Harare.

 

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