Ein Zombie im Gewand einer Tageszeitung

Geschrieben von Goldeber am in Medien und Moral

Von Katrin Jäger*

Am Montag, 17. November, werden in Münster und in Greven ein paar tausend Leute verarscht. Sie werden in ihren Postkästen ihre Zeitung finden. Sie wird so aussehen wie sonst auch. Sie werden nicht wissen, dass sie einen Zombie in ihren Händen halten.

Es ist nämlich so. Die Münstersche Zeitung, zu der auch die Grevener Zeitung gehört, ist von der Unternehmensgruppe Aschendorff gekauft worden, in dem das Konkurrenzblatt – die Westfälischen Nachrichten oder kurz: die WN – erscheinen. Das musste so sein, weil die Münstersche Zeitung sonst Insolvenz hätte anmelden müssen, hieß es, weshalb dieser Kauf, der die Vielfalt der Medienlandschaft empfindlich einschränkt, dann auch zügig genehmigt wurde.

Die Vielfalt werde ja erhalten, weil es weiterhin zwei Titel in Münster und Greven gebe, so die Argumentation. Doch das ist eine glatte Lüge. Denn das Herzstück einer Lokalzeitung ist selbstverständlich der Lokalteil. Und der wird fortan nur noch von einer Redaktion gefüllt, der der WN.

Den Lesern wird das natürlich nicht so genau erklärt. Ist ja auch nicht schön, sich vorzustellen, dass ein Blatt ausgenommen wird wie ein Fisch und dass die Redakteure, deren Texte man sonst jeden Tag las, nur häppchenweise darüber informiert werden, dass sich die meisten von ihnen bald arbeitssuchend melden müssen.  Mit den freien Mitarbeiter hat niemand gesprochen – warum auch, sie haben ja nur die Zeitung gefüllt, mit der die Leute am nächsten Tag ihren Fisch einwickeln oder versuchen, einen Zombie totzuschlagen…

All das möchte man den Lesern der Toten-Fisch-Zombie-Zeitung natürlich nicht zum Frühstück servieren. Also beginnt die Fake-Zeitung direkt mit einer unterschlagenen Nachricht. Man gaukelt Pressevielfalt vor, wo keine ist. Wer sagt seinen Kunden schon gerne, dass das Produkt, das er geordert hat, gegen ein anderes ausgetauscht worden ist? Nachrichtenwert – interessiert nicht.

Leser verlieren sich im Info-Overkill

Warum sollte man den Leuten etwas von der vierter Gewalt erzählen, von der wichtigen Funktion, die eine Zeitung – ganz egal ob die aussterbenden Print- oder künftige Online-Ausgabe – in unserer Gesellschaft hat? Warum sollte man ihnen sagen, dass es wichtig ist, dass gelernte Journalisten ein Auge auf die kleinen Dinge vor Ort haben, damit die großen Dinge nicht aus dem Ruder laufen? Warum sollte man ihnen davon erzählen, dass den Verlegern, also den Leuten, die eigentlich ihr Produkt voranbringen sollten, lieber verkaufen, statt zu modernisieren und lieber billige Mogelpackungen basteln als neue Zeitungskonzepte.

Das, was gerade im beschaulichen Münsterland passiert, passiert überall. Zeitschriften verzichten auf Textredakteure, Zeitungen werden totgespart, verhökert und vor allem totgeredet. Die Leser bekommen weniger für ihr Geld und irgendwann merken sie es. Dann sind sie weg, daddeln durchs Internet und verlieren sich im Informations-Overkill, der nicht mehr sortiert, kommentiert, gebündelt und überprüft wird von Menschen, die das gelernt haben, getan haben, es aber jetzt nicht mehr tun dürfen.

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*Katrin Jäger arbeitete als freie Mitarbeiterin von 1990 bis 1996 bei der Lokalredaktion Telgte der Münsterschen Zeitung, bevor sie auf der Berliner Journalisten-Schule volontierte und danach viele Jahre für die B.Z. tätig war. Seit 2012 ist sie Pauschalisten bei der Grevener Zeitung. Die Lokalredaktion Telgte gibt es schon lange nicht mehr, jetzt schließt auch die der Grevener Zeitung. Die B.Z. wurde inzwischen mit der BILD zusammengelegt.

(Bild: Dawn of the Dead / Melesse Wiki)

 

In der Werkstatt des Todes

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Der Aufschrei war groß, als Gunther von Hagens vor acht Jahren in der brandenburgischen Kleinstadt Guben sein Plastinarium eröffnete und Exponate für die KÖRPERWELTEN-Ausstellung anfertigte. Inzwischen hat der an Parkinson Erkrankte die Leitung der Leichenwerkstatt abgegeben, seine Präparate sind jedoch nach wie vor sehr gefragt. Ein Besuch bei „Dr. Tod“. Von Holger Stiegler (Text und Fotos)

In Guben ist der Tod zu Hause. Zumindest in dem roten Backstein-Gebäudeensemble direkt an der Neiße, wo Deutschland und Polen aufeinandertreffen. Der Tod hat der gebeutelten Industriestadt mit knapp 20.000 Einwohnern zu 71 Arbeitsplätzen und zum Ruf einer Wissenschaftsstadt verholfen: Seit 2006 ist hier das Plastinarium Gunther von Hagens‘ beheimatet, jener Ort also, an dem die Präparate für die KÖRPERWELTEN-Ausstellungen hergestellt werden. „Das ist sicherlich das bekannteste Feld unserer Arbeit, aber in erster Linie entstehen hier Lehrpräparate und anatomische Großplastinate für medizinische und biologische Lehr- und Wissenschaftseinrichtungen auf der ganzen Welt“, erklärt Geschäftsführer Rurik von Hagens, der 34-jährige Sohn Gunther von Hagens. Dieser hat sich vor einigen Jahren aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung aus der Leitung und größtenteils auch aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

2040 ist die Erde sozialistisch, 2090 führen die Vereinten Nationen die Weltsprache Glos ein

Geschrieben von Goldeber am in Visionen und Vergangenheit

Mehr als die Hälfte aller heute in den Industrieländern geborenen Babys hat eine Lebenserwartung von 100 Jahren. Wissenschaftler behaupten sogar, es gebe für uns Menschen keine Altersgrenze. Aber wie leben die Menschen in 100 Jahren? Wird es noch spektakuläre Erfindungen geben? Zukunftsforscher und Science-Fiction-Autor Karlheinz Steinmüller von der Beratungsagentur „Z_punkt“ zeichnet ein (fiktives) Weltbild. Von Markus Harmann

Als Marie am 14. September 2014 in Köln zur Welt kam, waren die Straßen verstopft. Erdöl diente als Treibstoff für Autos. Man konnte für 29 Euro nach Mallorca fliegen. Die Menschen in Westafrika litten unter Ebola. Und im Kölner Zoo lebten noch echte Elefanten.

Vielleicht wird Marie ihren staunenden Kindern, Enkeln und Urenkeln davon erzählen, wenn sie mit ihnen am 14. September 2114 ihren 100. Geburtstag feiert. Die Chancen, dass sie so alt wird, stehen so gut wie nie, seit es Menschen gibt auf der Erde. Denn mehr als die Hälfte aller heute in den Industrieländern geborenen Babys darf mit einer Lebenserwartung von 100 Jahren rechnen. Das behauptet ein deutsch-dänisches Wissenschaftlerteam von der Universität Odense.

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