Peinlich

Geschrieben von Katrin Jäger am in Kleiner Keiler, Medien und Moral

Warum sich Gottschalk schämen sollte.

Dieses Mal habe ich es nicht gesehen. Das war keine bewusste Entscheidung, ein Bekannter hatte zur Gartenparty geladen. Ich habe getrunken. Erst Bier, dann einen Schnaps, dann noch zwei Aperol-Spritz. Ach, genippt habe ich auch noch an einem Martini, in dem eine Scheibe Zitrone schwamm und der verdünnt war mit Wasser. Ich hatte zwar einen Kater, aber trotzdem das richtige getan. Denn ich habe offensichtlich das anscheinend peinlichste Wetten, dass…? aller Zeiten verpasst. Sogar Stefan Raab, so las ich es auf meiner T-Online-Internet-Startseite, habe sich vor Scham weggedreht. Weil Gerald Butler (Der sexy Typ aus PS: Ich liebe dich) sich Eiswürfel in die Hose kippen musste. Ich kann, weil ich ja lieber getrunken als geschaut habe, ja nicht beurteilen, ob wirklich alles so schlimm war. Ob Markus Lanz die Sache im Griff hat oder nicht? Keine Ahnung! Ob er die Quote doch noch retten kann? Weiß niemand. Es sei zum Fremdschämen gewesen, lese ich und höre ich, online, im Radio oder auf Papier. Kann sein. Macht ja auch Spaß zu lästern, zu zerreißen und besser zu wissen.
Und doch möchte ich auf zwei Dinge hinweisen. Erstens: Wetten, dass…? war und ist NUR eine Unterhaltungssendung. Die wollen alle nur spielen – oder Werbung für ihre neuen Filme machen und es geht nicht um den Weltfrieden. Zweitens: Schlimmer als jedes aktuelle Fremdschämen bleibt für mich Gottschalks unsäglicher,  in die Länge gezogener Abschied. Thomas Gottschalk, nach dem sich plötzlich wieder sehr viele Fernsehzuschauer zu sehnen scheinen, ist fraglos ein guter Entertainer, der sich irgendwann aber so gut vorkam, dass er dachte, sich keine Mühe mehr geben geschweige denn sich vorbereiten zu müssen. Das merkte man bei jedem seiner Interviews auf dem Wetten, dass…?-Sofa, bei jedem Gespräch mit den Wettkandidaten und später auch in seinem gescheiterten täglichen Talk-Format. Desinteressiert, desinformiert, selbstgefällig und manchmal zotig, so war’s leider oft beim Tommy. Doch nach dem tragischen Unfall während seiner Sendung, tat er dann das einzig richtige. Gottschalk kündigte an, aufzuhören. Ihm wäre der Spaß verdorben, er könne die Sendung, die nun überschattete sei, nicht mehr machen. Ich war beeindruckt. Davon wie er diesen Entschluss verkündete, welche Worte er fand, wie souverän er war, welches Gespür er bewies.
Doch dann hörte er nicht auf. Jede Wetten, dass…?-Sendung wurde zur letzten Sendung. Das letzte Mal auf Mallorca, das letzte Mal in diesem Jahr, Gottschalk ließ sich feiern und hofieren – und der Spaß war ihm ganz offensichtlich doch nicht abhanden gekommen, an seiner One-Man-Show. Es war das Letzte. Er konnte es nicht lassen. Dafür hätte er sich schämen sollen.
Stattdessen schämen wir uns jetzt – lautstark und kollektiv – fremd, weil dem strebsamen Markus Lanz diese gewisse Lockerheit fehlt. Ja, die Fernsehnation ist schon ein seltsames Volk…

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Kommentare (1)

  • Matts Cheibe

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    Der Schlag hat mich getroffen, der Gottschalk nicht auf Mallorca – aber ich war da. Habe Natascha Ochsenknecht gesehen und die Gartenstühle der Semmelrogges. Gottschalk nicht. Den hatte ich auch nicht mehr auf dem Schirm, bis ich den Stachel dieses Goldebers zu spüren bekam.Gottschalk! Kaum hat die Autorin den Namen wieder an die mediale Oberfläche gespült, erbarmt sich ein TV-Sender und lässt das Gummibärchen wieder ran. Mit Jauch, oh Gott: Günther und der Lockenwickler. So wie Walter Matthau und Jack Lemmon werden die aber nie.Hoffentlich sagt´s denen jemand. Und der Autorin, dass sie nicht mehr über den Fernsehfriedhof schlendern soll. Stellt euch vor, sie erinnert die Programmmacher an Kerner und Lippert. Oh Gott, da wird dann noch drüber zu reden sein. Matts Cheibe

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