Porsches Traumwerk: Wenn Spielzeug nicht immer zum Spielen da ist…

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Hans-Peter Porsche, Enkel von Ferdinand Porsche, sammelte Spielzeug aus allen Epochen und aller Herren Länder. Jetzt stellt er es in seinem „Traumwerk“ in Oberbayern aus. Doch für die meisten Spielzeug-Exponate gilt: Bitte nicht berühren! Rundgang durch ein kurioses Museum für Erwachsene – und Kinder. Text und Fotos: Katrin Jäger

Allein der Name überzeugte die ganze Familie. Ein Museum von Porsche. Porsche! Okay, ganz genau genommen ein Museum von Hans-Peter Porsche, also dem Enkel des Porsche-Firmengründers. Dazu noch eines, in dem sich alles um Spielzeug dreht. Die Kombination klang verlockend. Die Söhne – sieben und neun Jahre alt – jubelten, der Vater hatte es vorgeschlagen und selbst die Mutter nickte zufrieden, als das „Traumwerk“ einstimmig in das Ferienprogramm aufgenommen wurde.

Das Traumwerk öffnete erst vor wenigen Wochen, im Juli 2015. In dem futuristisch anmutenden Gebäude, das neben dem idyllisch-oberbayerischen Ort Anger errichtet wurde, habe jener Enkel mit dem tollen Nachnamen all seine Spielzeug-Schätze ausgestellt, die er im Laufe seines Lebens gesammelt habe, steht im Chiemgau-Reiseführer.

Dass es sich dabei vorwiegend um altes, filigranes Blechspielzeug handelt, war für die Söhne aus dem Hier und Jetzt nicht vorab zu vermitteln. Erst als sie enttäuscht in den 100. Schaukasten blickten, ohne etwas berühren zu dürfen, wurde ihnen klar: Spielzeug ist eben nicht immer zum Spielen da.

Gebäude in der Form einer Acht

Die Eltern genossen die Klimaanlage, die leeren Räume – da im Juli eben noch nicht so viele Menschen vom Traumwerk wussten – und das Design. Denn das ist – genau wie bei den Autos – wesentlicher Bestandteil des neuen Museums. Das Gebäude hat die Form einer liegenden Acht und soll so an Rennbahnen erinnern. Die verspielten Blechkunstwerke stehen damit im krassen Gegensatz zu den klaren Linien, die sonst vorherrschen. Das sieht gut aus. Den Kindern ist das herzlich egal. Bahnhöfe in allen Farben sieht man dort, Schiffe, Häuser. Dazu findet oft nur eine Jahreszahl – und die allgemeine thematische Einordnung.  Auch der Erwachsene Besucher bleibt etwas ratlos mit seinen Fragen zurück: Wem hat das Puppenhaus gehört oder welches Kind bekam einen Dampfer geschenkt, der wahrscheinlich fast so teuer war wie ein gebrauchter Porsche? Okay, einmal erfährt man, wer das Spielkind war. Eine Märklin-H0-Landschaft, die einst Peter Alexander gehörte (allerdings auch erst als er ein Erwachsener war) ist anzuschauen. Die Kinder kennen ihn nicht. Seine Bahn fanden sie aber ganz nett – irgendwie.

Egal, die Stimmung hob sich, als sie einen dunklen Raum entdeckten. Darin Sitzsäcke. Und… Nein, leider läuft kein Film. Auch keine Lasershow. Man soll dort entspannen. Unspannend fanden die Jungen das und entdeckten wieder etwas: Eine Spielecke. Doch dort lagen nur ein paar Holzstreben aus denen man etwas bauen könnte, wenn es irgendwie Spaß machen würde und man so um die vier Jahre alt ist. Weiter ging‘s. Und endlich war dort etwas richtig großartiges. Eine Carrerabahn. So riesig, dass sie nicht ins heimische Wohnzimmer passen würde. Also: Gas geben! Doch wer schon einmal eine Carrerabahn besessen hat, weiß: Die Autos fahren zwar schön schnell, fliegen aber eigentlich die meiste Zeit aus der Spur. Den Eltern standen also trotz Klimaanlage die Schweißperlen auf der Stirn. „Vorsicht! Rast nicht so! Oh nein, das ist die falsche Spur! Lass den Wagen nicht fallen!“ Nicht auszudenken, wenn das Museum voller gewesen wäre und mehr als zwei Kinder gleichzeitig mit den empfindlichen Fahrzeugen hätten spielen wollen.

Lieber also weitergehen. Vorbei an Regalen mit Kinderautos, quasi den Luxus-Bobbycars von früher. Doch da sie natürlich nicht bewegt werden durften, interessierten die Kinder sich nur für das nächste Highlight. Wer schon mal in der Hamburger Miniaturwelt war, kennt das allerdings. Eine Modeleisenbahnanlage, die jeden Modelleisenbahnbauer in Verzückung versetzt, füllt einen ganzen Raum. Inmitten einer Alpenlandschaft, düsen bis zu 180 Züge auf einem Streckennetz von drei Kilometern Länge. Eigens komponierte Musik begleitet das Erlebnis, sogar verschiedene Wetterlagen werden per Lichtshow inszeniert. Die Kinder versuchten einen Zug auf seinem Weg durch die Tunnel zu begleiten und verloren ihn aus dem Auge. Schade, denn jetzt war auch die Ausstellung zu Ende. Ach nein, eine Halle war da noch, die man vorher durch ein großes Sichtfenster sehen konnte. Eine paar Porsches standen dort mit ein paar Infoschildern auf denen zu lesen war, wie selten das jeweilige Modell war. Daneben standen Stühle, ein normaler Veranstaltungsraum eben, aber immerhin echte Porsches! Der jüngere Sohn wollte ein echtes Eis.

Modell-Bus im Hippie-Style

Doch der Eisverkäufer war nicht da, die Kühlbox blieb geschlossen. Draußen wartete noch ein nagelneuer Spielplatz aus Holzstämmen, der noch nach Sägemehl duftet. Leider war es an jenem Tag zu heiß zum Klettern, die Rutsche birgt bei zu viel Sonnenschein Verbrennungsrisiken und die stylischen Bänke stehen auch nicht im Schatten. Egal. Zum Abschluss nahm die Familie einen Modell-Bus im Hippie-Style mit nach Hause. Der Preis war mit etwa zwölf Euro angemessen. Die kleinen Modellrennwagen für die sich der große Sohn interessiert hatte, waren leider zu teuer. „Die sind für Sammler“, sagt die Verkäuferin mitfühlend. „Die sind nicht zum Spielen.“

Auf die Frage, welches Spielzeug denn das Beste gewesen sei, antwortete der ältere Sohn sofort und ohne zögern. „Der weiße Porsche.“ Beim nächsten Mal gehen wir einfach ins Autohaus, dachte die Mutter.

Der Jüngere zuckte mit den Schultern. Er wollte zurück zum Campingplatz – und spielen.

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Weitere Infos: Traumwerk, Hauptstraße, Anger, www.hanspeterporsche.com

 

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