Rheingold anno 2012

Geschrieben von Goldeber am in Visionen und Vergangenheit

Hamburg-Köln-Express. Foto: HKX

Hamburg-Köln-Express. Foto: HKX

Es besser machen als die Deutsche Bahn? Der HKX (Hamburg-Köln-Express) zeigt, wie es geht. Seit genau einem Jahr fährt er täglich von Hamburg über Münster nach Köln und zurück. Und das offenbar mit Erfolg. Goldeber war an Bord und hat es sich in alten 1.-Klasse-Waggons der DB bequem gemacht. Ein Reisebericht.

Sonntag gegen 19 Uhr am Hauptbahnhof Münster, Gleis 8. Der Hamburg-Köln-Express (HKX) lässt auf sich warten und die Dame in der Kluft der Deutschen Bahn (DB) weiß angeblich von nichts. „Der HKX? War der nicht schon längst hier?“, fragt sie – und es wird nicht klar, ob sie es nicht besser weiß oder nur so tut, als sei sie ahnungslos. Ihr Interesse für den HKX jedenfalls hält sich in Grenzen: „Der ist nicht von uns“, sagt sie und hebt süffisant lächelnd die Schultern.

Der HKX ist ein DB-Konkurrent, der zweite nach dem Interconnex (Leipzig – Berlin – Rostock), aber der erste auf einer der Hauptstrecken im Fernverkehr. Noch dazu einer, der die Bahn an ihren empfindlichsten Stellen treffen will: im Preis und im Service. Beides ist bei der DB, nun ja, nicht immer überzeugend.

Mit 30-minütigem Verzug fährt der HKX ein. Die Verspätung wird weder angesagt, noch oben auf den Tafeln angezeigt. Die Stimme aus dem Off kündigt ihn stattdessen als „Sonderzug“ an, dabei fährt der HKX bis zu dreimal täglich und zu festen Zeiten.

Keine Frage: Die DB fremdelt mit dem HKX – dabei ist der Neue ihr sehr ähnlich. Die drei 70er-Jahre-Waggons gehörten einst zum legendären Rheingold-Express der Bundesbahn. 1.-Klasse-Standard, breite Polstersessel in Vierer- oder Sechser-Abteilen. „Richtig gemütlich“, sagt Reisende Julia Göhring aus Hamburg. Der HKX hat die Retro-Waggons gemietet, so lange, bis eigene Wagen vorhanden sind. Dabei sind es gerade die 40 Jahre alten Waggons, die den Unterschied zur Bahn ausmachen. Und der Preis natürlich: 10 Euro kostet mein Ticket für die Distanz Münster – Köln, gebucht im Internet. Sitzplatz inklusive. So günstig ist es bei der DB nicht einmal mit der BahnCard 50 (16,50 Euro).

Für die Verspätung entschuldigt sich die HKX-Ansagerin sogleich nach Abfahrt in Münster auf Deutsch und in lupenreinem Englisch. Es klingt wie im Flugzeug, wenn der Käpt’n spricht. Von wegen „Sänk ju for träwwelling…“

Deutlich günstiger als die Deutsche Bahn

Der Zugbegleiter trägt dunkelblau, Halstuch und ist freundlich. Tür auf, Tickets scannen, Tür zu. Tessa und Carsten haben je 20 Euro bezahlt für die Strecke Hamburg – Köln. Bei der Bahn hätte jeder von ihnen über 83 Euro (ICE: 92 Euro) hinblättern müssen. Dafür mussten sie sich beim HKX an diesen Zug binden. „War für uns diesmal okay“, sagt Tessa. Wer ohne Ticket in Münster zugestiegen ist, der musste 22,50 Euro zahlen. Der Zuganbieter, hinter dem die in Köln ansässige Railroad Development Corporation, die Berliner Firma Locomore Rail und der britisch-kanadische Investor Michael Schabas stehen, kopiert für seine Preisgestaltung das Billigfliegersystem. Wer früh kommt, den belohnt der HKX. Wer online bucht, den sowieso. „Der Preis variiert je nach Nachfrage und Auslastung“, sagt HKX-Sprecherin Christine Richter. „Maximal kostet die Strecke Hamburg – Köln zurzeit 60 Euro.“ Zurzeit? „Ja, wir können nicht ausschließen, dass sich das ändert. Es wird aber immer sehr günstige Tickets für Frühbucher geben.“

Auch die Deutsche Bahn begünstigt Frühbucher, aber echte Billigtickets hat sie selten im Angebot. Rechnet sich angeblich nicht. Für den HKX offenbar schon. Aber ist eben auch nicht auf allen Strecken günstig. „Unsere Tickets kosten immer mindestens 10 Euro. Die Strecke Köln – Düsseldorf zum Beispiel ist bei der Deutschen Bahn möglicherweise günstiger als bei uns“, sagt Richter. Anders als bei Billig- Airlines sucht man bei HKX versteckte Preise vergeblich, bislang jedenfalls. Für die Kreditkartenzahlung oder schweres Gepäck wird kein Aufpreis verlangt.

Demonstrativ gelassen geht die Deutsche Bahn mit dem Konkurrenten um: „Für uns ist Wettbewerb bereits seit vielen Jahren der Regelfall“, sagt ein Sprecher. „Im Regionalverkehr gibt es schon seit einigen Jahren private Wettbewerber und auch im Fernverkehr gibt es bereits seit einigen Jahren Konkurrenz.“

Kurz hinter Gelsenkirchen kommt der Servicewagen mit Snacks und Getränken. Gleich zwei Damen schieben ihn. Kaffee und Cola kosten jeweils 1,90 Euro. Nicht schlecht – jedenfalls für den, der häufiger mit der DB reist. Die Deutsche Bahn verlangt für einen Kaffee mittlerweile 2,90 Euro.

In Köln hat der Zug noch 20 Minuten Verspätung, 10 Minuten aufgeholt – immerhin. Dafür hat die Ansagerin ihren Ehrgeiz verloren. Etwas müde zählt sie Anschlusszüge der DB auf. Die meisten liegen bereits in der Vergangenheit. Ob die DB-Züge auf den HKS-Konkurrenten warten? Wohl kaum. Dann könnten am Ende ja noch mehr Bahnfahrer umsteigen…

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