Rummel im Dschungel

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Die Dinosaurier haben schon bessere Zeiten erlebt. Der Brontosaurus liegt auf der Seite, dem T-Rex fehlt ein Stück seines Schwanzes. Trotzdem oder gerade deswegen sind die imposanten, beinahe maßstabsgetreuen Urviecher aus Fiberglas die wohl beliebteste Fotokulisse im Berliner Spreepark. Playboy-Modelle räkelten sich auf ihnen, Karl-Theodor zu Guttenberg posierte, als er noch Verteidigungsminister war, im Vordergrund. Fotos von Thilo Folesky

Dabei schien die Zeit der Dinos längst abgelaufen. Im November 2001 schloss der Vergnügungspark im Berliner Bezirk Treptow, in dem die Saurier stehen, seine Tore – von heute auf morgen. Der Spreepark war insolvent. Fahrgeschäfte, Parkeisenbahn, Imbissbuden und Saurier gammeln seitdem vor sich hin. Würde nicht überall die Farbe abblättern und wären Kinderkarussell und Wildwasserbahn nicht mit Moos bewachsen – man könnte denken, die Fahrgäste seien gerade erst ausgestiegen.

Tatsächlich kommen Besucher inzwischen wieder in Scharen. Nicht, um mit der Wildwasserbahn zu fahren; die bräuchte eine Generalüberholung. Es ist die verwunschene Kulisse inmitten des Plänterwaldes, die den Park im Dornröschenschlaf so attraktiv macht. „Wir können uns vor Anfragen kaum retten“, sagt Christopher Flade, der Touristen durch den Park führt. Viele kommen, weil sie lebendige Erinnerungen an den Park haben. Denn einst brummte hier die größte Vergnügungsmaschine der DDR. Mit Achterbahn, Riesenrad und bis zu 1,7 Millionen Besuchern im Jahr.

Das Riesenrad, eröffnet 1969, steht immer noch, dreht sich aber nur noch, wenn der Wind in die Gondeln fährt. Die alte Restauranthalle wirkt wie ausgeweidet. Zwischen zerstörten Möbeln liegen Preisschilder: Steak 2,50 Mark.

Nach der Wende fiel der Park in die Zuständigkeit des Berliner Kultursenats, der dort einen „Freizeitpark nach westlichem Vorbild“ errichten wollte und einen Betreiber suchte. Den Zuschlag erhielt die Spreepark GmbH von Pia Witte. Der Trubel nach westlichem Vorbild hielt nur einige Jahre. Inzwischen ist er einer fast unheimlichen Stille gewichen. Im Eisenbahntunnel wohnen Füchse, in den Eichenwipfeln über dem künstlichen Berg nisten Graureiher. Ein Insolvenzverwalter wickelt das einstige Märchenland ab. Eine Versteigerung des Erbbaurechts – Voraussetzung für eine Neuplanung des Geländes – scheiterte zuletzt im Juli.

Interessenten, die den Park neu bespielen wollten, gab es viele. Eine private Uni wollte sich dort niederlassen, der Betreiber eines Archäologie-Parks legte schön Pläne vor. Immer scheiterte der Zuschlag an der Grundschuld von mehr als 12 Millionen Euro, die als Hypothek auf dem Gelände liegt.

Ein paar ehemalige Mitarbeiter harren noch im alten Westerndorf des Spreeparks aus, am Rande des Parks. Sie bekommen jetzt immer häufiger Besuch von Christopher Flade und den Touristengruppen. „Viele von ihnen sagen, sie fänden den Park im Dornröschenschlaf viel besser als einen neuen Rummel“, sagt Flade. Wer weiß, vielleicht geht es ja noch einige Jahre so weiter.

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Kommentare (1)

  • Foly

    |

    Die Zeile finde ich gut.

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