Stierischer Ernst

Geschrieben von Goldeber am in Medien und Moral

Stierkampf – die Übersetzung des spanischen corrida de toros führt in die Irre. Kampf bedeutet, dass am Anfang offen ist, wer am Ende gewinnt oder verliert. Eine corrida hingegen ist ein traditionelles Tötungsritual in drei Akten, bei dem der Stier so gut wie immer unterliegt und stirbt. Tom, Tourist aus Oklahoma, wusste das nicht, als er sich eine Eintrittskarte für die corrida in Mallorcas Hauptstadt Palma kaufte. Entsetzt sah er, dass Stierkampf mit amerikanischem Bullenreiten nichts zu tun hat. Von Markus Harmann

Der 530 Kilo schwere Körper bebt, rasend pumpt das Herz. Mit gesenktem Kopf steht der Stier in der Arena. Die Zunge hängt ihm aus dem Maul. Überall auf seinem schwarzen Fell glitzert Blut.

Auf den Rängen der Stierkampfarena von Palma de Mallorca ist es still geworden, die Kapelle hat aufgehört zu spielen. Tom sitzt regungslos auf seinem Platz in Reihe 13 und starrt in das Rund aus grobkörnigem Sand. Dort nähert sich Juan José Padilla tänzelnd dem Stier. In der Hand hält der Matador das rote Tuch, die Muleta. Darin eingeschlagen: der Degen.

Es ist 23.15 Uhr, die Luft hat sich angenehm abgekühlt. Nur noch vereinzelt sind Pfiffe und Rufe der Demonstranten zu hören, die sich vor Beginn des Stierkampfes außerhalb der Arena aufgebaut haben. „A-se-si-no!“ – Mörder! Einige Tage vor der Veranstaltung hatte es sogar einen Brandanschlag auf ein Kassenhäuschen an der Arena gegeben. Niemand wurde verletzt. Die Polizisten wirken an diesem Abend angespannt. Hinter hüfthohen Absperrgittern halten sie die Demonstranten auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Schach. So gelangten Tom und die anderen 3000 Besucher ungehindert in die 1929 eröffnete Arena – zu dieser einzigen Corrida in Palma in diesem Jahr.

Sie sollte drei Stunden dauern, sechs Stiere das Leben kosten und einige Zuschauer ob des blutigen Rituals verstört zurücklassen, den meisten Einheimischen im Publikum jedoch einen Helden bescheren: Juan José Padilla.

Der Bulle bohrte sein Horn durch den Kopf des Matadors

Der Matador hat den linken Arm in die Seite gestemmt, die rechte Hand wedelt mit dem Tuch. Padillas Oberkörper ist kerzengerade. Er trägt ein goldfarbenes Kostüm, rosa Strümpfe, eine schwarze Kappe (Montera) – und eine Augenklappe. Vor allem wegen ihm sind sie gekommen. Er, der nach seinem lebensgefährlichen Unfall vor zwei Jahren in Saragossa noch auf der Intensivstation des Krankenhauses erklärt haben soll, er werde weiter kämpfen. Padilla war während des Kampfes gestolpert, worauf der Bulle sein Horn in den linken Kiefer des Toreros bohrte. Es trat durch die Augenhöhle wieder aus. Das Augenlicht konnten die Ärzte in einer fünfstündigen Operation nicht retten, die linke Gesichtshälfte schon, sie hängt seitdem aber schlaff herunter. „Es war ein massiver Einschlag. Als ob eine Handgranate unterhalb meines Mundes in die Luft geflogen wäre. Aber es war ein Unfall, so etwas passiert“, sagte Padilla im Interview mit dem „Spiegel“.

Für die einen ist Juan José Padilla seither der unendlich mutige Torero-Held, für die anderen der unbelehrbare Tier-Mörder, dem der Unfall nur recht geschah. Tom, der 36-jährige Kaufmann aus den USA, kann sich nicht recht entscheiden zwischen beiden Extremen. Lustig sehe der Mann da unten aus, meint er, „wie ein aus der Zeit gefallener Pirat“.

Das sehen die meisten Zuschauer freilich anders. Stierischer Ernst ist das, was da in der Arena geschieht. Corrida oder nicht – das ist im regionalisierten Spanien mit seinen Autonomie-Bewegungen auch immer eine höchst politische Frage. So hat die Region Katalonien den Stierkampf 2012 verboten. Und die autonomen Balearen hätten es beinahe. Der von der Opposition eingereichte Antrag, die Hauptstadt Mallorcas zur Stierkampf-freien Zone zu erklären, scheiterte an der regierenden konservativen Partei Partido Popular.

Bullfighting nennen die Amerikaner den Stierkampf. Phonetisch nicht weit entfernt vom Bullriding, der Lieblingsbeschäftigung vieler Amerikaner. „Es gibt eine Bar in Oklahoma City, da wird Bullenreiten angeboten. Echte Tiere, echte Reiter. Und rundherum stehen die Menschen, tanzen und trinken.“ Tanzen, trinken, ein bisschen mit dem Tuch wedeln vor einem aufgebrachten Stier – so etwas ähnliches hatte er auch in Palma erwartet, als er ein Ticket für 65 Euro kaufte. Und die ersten Minuten der Corrida machen den Eindruck, dass es genau so kommen könnte.

Der massige Stier ist schnell und wenig

Padilla und seine drei Hilfstoreros schwenken Tücher, die außen lila und innen gelb sind. Irritiert rennt der schwarze Bulle von einem Tuch zum anderen, bleibt immer wieder stehen, als müsse er sich neu entscheiden, welche Richtung er einschlagen soll. Ein paar Minuten nur dauert dieses Verwirrspiel. Man wundert sich, wie schnell und wendig der massige Stier ist, wie abrupt er bremst, um immer wieder neu anzurennen. So ein Kampfstier wächst anders als die meisten seiner Artgenossen unter idealen Bedingungen auf – gutes Futter, viel Auslauf. Alles dient dem Zweck, ihn fit zu machen für einen einzigen Tag in seinem Leben, seinen letzten.

Gut 15 Minuten vor seinem Tod, am Ende der ersten Phase des Stierkampfes, ziehen die Picadores ein, zwei Reiter auf gepanzerten Kaltblütern. Kaum hat der Stier die Pferde bemerkt, rennt er auf eines zu und rammt es, so das es fast zur Seite wegkippt. Der Reiter sticht dem Bullen eine Lanze in den Nacken, bohrt nach. Ziel ist es, die Muskulatur so zu verwunden, dass das Tier den Kopf nicht mehr heben kann. Nur so wird später der Todesstoß möglich. Tatsächlich macht der Stich den Stier aggressiver. Er schart mit dem linken Vorderuf, schnaubt. Mit ihren Tüchern locken ihn die Toreros weg vom Pferd, aufgebracht galoppiert der Bulle in die Holzeinfassung der Arena. Es kracht. Zuschauer schreien, stöhnen, jubeln.

Tom bleibt still und regungslos sitzen, den Kopf in die Hände gestützt. Die Fanfare eines Trompeters signalisiert, dass nun Phase zwei der Corrida beginnt. Der einäugige Padilla hat sein Tuch abgelegt, er lässt sich unter frenetischem Beifall zwei mit Papierstreifen verzierte Stäbe geben, die Banderillas. Dass die rund 70 Meter langen Holzstangen eine Stahlspitze mit Widerhaken haben, ist aus der Ferne nicht zu erkennen. Wohl aber zu erahnen, als Padilla sie rennend, tänzelnd, drehend, springend dem Stier in den Rücken sticht. Es ist grausam und ästhetisch zugleich. Es ist der Moment, in dem Bewegung in das Publikum kommt. Die einen springen ob der Treffsicherheit des Matadors begeistert von ihren Sitzen, andere verlassen ihre Plätze und die Arena. Sieben Banderillos sticht der Matador dem Stier in den Rücken.

Die Zunge ist geschwollen, überall Blut

Tom bleibt. Er sagt: „Jetzt gibt es kein Zurück.“ Er meint nicht sich, sondern den Stier. Der ist inzwischen so schwer verletzt, dass es nicht vorstellbar ist, ihn zu begnadigen und einfach zurückzuschicken in die Katakomben der Arena. Die Zunge der Tieres ist geschwollen und hängt ihm aus dem Maul. Er atmet wie ein ungeübter Marathonläufer kurz hinter der Ziellinie. Und überall Blut. Es rinnt von den Einstichstellen über das Fell, die Seite, die Beine bis auf den Arena-Sand.

Es ist der Moment, in dem klar wird, dass der ungleiche Kampf gleich vorbei sein wird. Es ist der Moment der Muleta, des roten Tuchs, – und des Degens. Die Kapelle spielt nicht mehr. Die Zuschauer schweigen, hin und wieder ist ein „Psst“ zu hören.

Eine französische Zuschauerin weint, als Padilla dem Stier den Degen durch die Schulterblätter ins Herz sticht. Das Tier schwankt, dreht sich nach links, dreht sich nach rechts. Hebt noch einmal seinen Kopf, Blut läuft in Fäden aus dem Maul. Dann kippt es auf die Seite.

Erst jetzt kommt wieder Bewegung in die Menge. Zuschauer stehen auf ihren Plätzen und johlen. Tom bleibt sitzen, murmelt, dass er schockiert sei, weil der Bulle ja tatsächlich getötet worden sei. Er sieht, wie Padilla dem Stier die Ohren abschneidet, seine Trophäe, und wie zwei Kaltblüter in die Arena geführt werden und das tote Tier aus der Arena ziehen. Zwei Männer versuchen mit einer Art Harke, die blutige Schleifspur im Sand zu verwischen. Es gelingt ihnen nicht richtig. Sie bräuchten neuen Sand. Überall bleiben rote Spuren, die wohl auch nach Tagen noch von dem grausamen Spektakel zeugen werden.

Als die Matadore und Toreros, die Pferde und die Männer mit ihren Harken die Arena verlassen haben, springen Zuschauer über die Bande. Einige spielen mit ihren Jacken Torero, andere stehen nachdenklich in der Mitte. Auch Tom springt in die Arena. Er hat eine leere Wasserflasche dabei, die er mit blutigem Sand füllt. „Das glaubt mir sonst keiner, wenn ich erzähle, was hier geschehen ist.“

Tags:, , , ,

Trackback von deiner Website.

Kommentieren

Abenteuer und Athleten

Wo Dracula Treppen stieg und Harry Potter mit der Bahn fuhr

Yorkshire ist rau, geschichtsträchtig, Kulisse für Literaturklassiker und längst nicht so beliebt wie Südengland. Doch…

Medien und Moral

Wenn Bücher sprechen

In der „Lebenden Bibliothek“ der Caritas erzählen Menschen ihre Geschichten – und die können so…

Orte und Originale

Ruanda: Viel mehr als nur Völkermord

Ruanda – noch immer wird dieses kleine afrikanische Land hauptsächlich mit dem Völkermord identifiziert. Jacques…

Visionen und Vergangenheit

Zum letzten Mal

Sarah ist 38 und hat Krebs im Endstadium. Christina ist 51 und Pflegerin auf der…