„Vögel starten und landen, deshalb brauchen sie einen Flughafen“

Geschrieben von Goldeber am in Visionen und Vergangenheit

Vogelflughafen auf dem Dach der Bundeskunsthalle (Foto: KAH)

Vogelflughafen auf dem Dach der Bundeskunsthalle (Foto: KAH)

Blinklampen, Lautsprecher, Antennen, ja sogar einen Windsack findet man auf dem Dach der Bonner Bundeskunsthalle. Denn es trägt einen ganzen Flughafen. Starten und landen dürfen allerdings nur Vögel. Den „International Ornithoport“ haben die Künstler Stephan Andreae und Res Ingold erfunden. Nach einer ersten Schau im vergangenen Jahr wurde der Vogelflughafen jetzt wiedereröffnet. Markus Harmann sprach mit Stephan Andreae.

Warum brauchen Vögel einen Flughafen?

Vögel starten und landen, deshalb brauchen sie auch eine geeignete Infrastruktur. Das mögen Wälder, Hecken oder Friedhöfe sein, Vögel lieben auch Überlandkabel und Antennen des Vor-Satellitenschüssel-Zeitalters, aber diese sind ja fast verschwunden. Hauptsache, Kontrolle und Schutz stimmen. Das ist bisher nur teilweise menschengemacht und deshalb müssen sich verantwortungsbewusste Planer einschalten.

Indem sie einen „Ornithoport“ gründen. Haben Sie diesen Namen eigentlich erfunden?

Neue Ideen brauchen neue Wörter. Die Ornithologie ist die Vogelkunde und der Port ist der Hafen. Das haben mein Künstler-Kollege Res Ingold und ich zusammengeschmiedet.

Ein Flughafen macht ja eigentlich nur Sinn, wenn es irgendwo in der Welt einen zweiten gibt. Wo sollen die Vögel, die in Bonn starten, denn landen?

Stephan Andreae (Foto: KAH)

Stephan Andreae (Foto: KAH)

Sie mögen es tun, wo sie möchten, denn sie sind die wahren Experten. Es gibt einen Ornithoport in Hamm (Westfalen) und im Bergischen Land bei Köln. Weitere sind vorgesehen, etwa an den wichtigen europäischen Zugvogelschneisen am Bosporus und Gibraltar. Lizenzen haben wir nach Vermont in den USA, nach Namibia und Sansibar vergeben.

Sind denn auf dem Dach der Bundeskunsthalle auch schon Vögel gelandet, die ohne den Flughafen einen Bogen um die Kunsthalle gemacht hätten?

In diesem Jahr sind mindestens sechs Kohlmeisen in unserem Aggregat geschlüpft. Und auf der angegliederten Wildblumenwiese konnte ich Distelfinke beobachten. Aber bei der Bundeskunsthalle ist es sowieso der Fall, dass viele „Vögel“ landen möchten und viele „Vögel“ eher gern einen Bogen machen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung als Betriebsrat dieses Instituts.

Vögel kann man nicht so leicht vom Landen abhalten wie Flugzeuge…

Ja klar, ein ständiger Flugbetrieb war das. Wir haben beim Bau des Flughafens beobachtet, dass Hausrotschwänze in den Lamellen eines Lüftungsschachtes der Bundeskunsthalle ihre frisch geschlüpfte Brut mit aufs Dach der Halle nahmen, um erste Erfahrungen in Aerodynamik zu machen. Auf dem Dach herrscht immer ein frischer Wind. Den Bereich haben wir Flugschule genannt, was also kein künstlerischer Gag ist, sondern Realität.

Wie viele Flugbewegungen zählen Sie denn so am Tag?

Wir gehen von 6000 bis 7000 Flugbewegungen aus.

Damit ist Ihr Airport Spitze unter den deutschen Flughäfen. Frankfurt/Main zählt am Tag nur 1200 Starts und Landungen. Wie reagieren denn die Besucher auf den Ornithoport?

Interessiert, verwirrt, lachend. Bisweilen auch enttäuscht, da sie einen Vogel-Zoo erwarten. Aber der Ornithoport ist keine Form der Tierhaltung. Viele Menschen auf dem Dach bedeuten Unruhe für die Vögel und deshalb ein Sicherheitsrisiko. Insofern regelt die Biologie auch die Landegenehmigungen.

Auch Bienenvölker leben auf dem Dach der Kunsthalle. Den Honig, den sie produzieren, gibt’s dann sicher im Duty-Free-Shop…

So ist es. 2011 haben wir 700 Kilo Honig geerntet, in diesem Jahr wird es über eine Tonne sein. In einem Glas Honig stecken 120.000 Flugkilometer, das sollte man sich ins Bewusstsein führen, wenn man morgens sein Brötchen schmiert. Den Honig gibt’s übrigens im Museumsshop mit eigens gestalteten Etiketten.

Was überwiegt bei Ihrem Projekt: Der Gedanke der Kunst oder der des Naturschutzes?

Das ist kaum zu sagen und auch eher egal. Alle Bereiche haben sich um Fortschritt zu kümmern, auch die Kunst, sei es Malerei, Konzept, Literatur, Musik oder sonst was. Das gemeinsame Umgehen ist das Entscheidende. Vielleicht ist gegenseitiger Respekt das Zauberwort und da mag eine der größten Aufgaben liegen, und zwar nicht nur unter Menschen, sondern auch mit Tieren, Pflanzen, Steinen, Luft und Weltraum.

Ein Flughafen ist aber nicht gerade das Sinnbild für Naturschutz. Trotzdem sagen Sie, Sie leisten einen Beitrag zum Naturschutz. Inwiefern?

Da der Mensch eigentlich nicht fliegen kann, aber unbedingt möchte, gehören Flughäfen zu den am besten geschützten Territorien. Sie sind so gesichert wie sonst nur Gefängnisse oder der Todesstreifen an der deutsch-deutschen Grenze. Überall hier kann sich Natur frei entfalten. Wir möchten darauf hinweisen, dass uns echte Natur nur noch sehr begrenzt zur Verfügung steht. Deshalb schaffen wir neue Aggregate und Wörter. Warum soll ein Baum oder Antenne kein Airport sein? Es ist ja schließlich so, da gelandet und gestartet wird. Es geht darum, unseren Begriff von Natur als Kultur zu begreifen.

Was kommt als nächstes? Eine U-Bahn für Maulwürfe oder eine Autobahn für Ameisen?

Als nächstes kommt eine Ausstellung zum Weltraum in der Bundeskunsthalle, Eröffnung Herbst 2014. Das ist auch eine Sache des Abhebens, des Traums vom Fliegen, der Überwindung der Schwerkraft und der großen philosophischen Frage, ob wir allein sind, oder nicht. Es geht wie immer um Alles!

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