Die Wüste lebt!

Geschrieben von Goldeber am in Abenteuer und Athleten

Die Namib ist die älteste und trockenste Wüste der Welt. Und doch gibt es überall Spuren menschlichen und tierischen Lebens. Entdecken kann man sie am besten mit dem Quad. Fanie du Preez ist einer der wenigen, die eine Lizenz für diese Wüstentouren im Westen Namibias haben. Mit ihm geht es zu ausgetrockneten Flussläufen, Tausende Jahre alten Skeletten und einem Urvolk, das noch immer inmitten der Wüste ausharrt.

Kurz vor dem Start wird der sonst so lustige Fanie plötzlich ernst: „Fahrt immer in meiner Spur! Hier gibt es viele Sandlöcher. Und wenn Ihr in einem landet, findet Euch keiner wieder.“ Spricht’s, drückt den Gashebel seines Quadbikes und braust hinein in die Wüste. Sekunden später ist unser Tour-Führer zu einem winzigen schwarzen Punkt in einer endlosen Sandfläche geschmolzen. Es ist seine Welt. Nur er darf hier mit Touristen fahren. Wir haben Mühe, Fanie zu folgen durch die Namib, die älteste und trockenste Wüste der Welt. Und die einzige, die einem ganzen Staat ihren Namen gab: Namibia (…).

Wir sind ganz im Westen des Landes, nahe der Hafenstadt Walvis Bay. Eingezwängt liegt sie da, zwischen dem rauen Atlantik auf der einen Seite und Hunderten Kilometern Wüste auf der anderen. Rötlicher Sand, aufgetürmt zu Hügel hohen Dünen, die so glatt sind, als hätte jemand ein Bettlaken darüber gespannt. Und über dem Sand: blauer Himmel, glasklare Luft.

Fanies Quad-Spuren vor uns sind die einzigen Orientierungsmarken. Sie geben Sicherheit. Fünf Minuten nach dem Start haben wir unseren Quad-Cowboy endlich wieder. Fanie du Preez ist 57, eine mächtige bärtige Gestalt mit Hut. Jetzt steht er neben seiner Maschine und lacht. Wir sind ihm zu langsam: „Je mehr Gas ihr gebt, desto mehr Kontrolle habt ihr über euer Fahrzeug.“ Das gilt vor allem in Schräglagen an Dünen. Ich drücke auf die Tube. Mutig wie ein geübter Skifahrer lehne ich mich seitwärts gegen den Hang. Volle Pulle durch die Namib – ein erhebendes Gefühl. Auf gerader Strecke schafft meine Kiste 60 Stundenkilometer. Ich bremse erst, als ich den aufgewirbelten Sand meines Vordermannes im Gesicht spüre und Fanie warnend die Hand hebt. Wir parken auf dem Gipfel einer Wanderdüne. „Kein Gas mehr“, befiehlt der Reiseleiter. Es geht 30 Meter abwärts, über ein Gefälle von 40 Grad. Ich umklammere die Bremshebel, drücke zu, lasse kurz los. Per Wüsten-ABS geht’s in die Tiefe.

Auch wenn wir die Orientierung längst verloren haben: Fanie weiß jederzeit, wo wir sind. Für seine Touren darf er nur ein enges Raster der Namib befahren, in dieser ökologisch sensiblen Gegend. Die Routen stimmt er mit Umweltschützern ab. Zwar sieht es jedesmal so aus, als würde er auf neuen Wegen fahren, das aber liegt nur daran, dass der Wind immer gleich wieder Sand über die Quad-Spuren weht.

Die Dünen wandern jedes Jahr bis zu 45 Meter

Die Wanderdünen der Namib sind die schnellsten der Welt. Der Wind treibt die mächtigen Sandberge jedes Jahr bis zu 45 Meter voran. Was zum Vorschein kommt, wenn die Düne weiter gezogen ist, ist faszinierend: ein versteinerter Lehmboden, übersät mit Fußspuren von Löwen, Antilopen, Elefanten, Büffeln. „Vor 15 000 Jahren war dieser Abschnitt der Wüste der Garten Eden, denn hier gab es den Kuiseb-Fluss“, erzählt Fanie. Gefunden hat man auch Fußabdrücke von Menschen im Boden. „Die Tiere waren zuerst hier, erst Jahrtausende später kamen die Menschen. Heute sieht es so aus, als hätten sich alle gleichzeitig hier getummelt.“ Die Spuren gehörten den Topnaar, einem geheimnisvollen Nomadenvolk.

Noch immer leben 400 von ihnen weit verstreut in der Namib. Fanie führt uns zu den Hütten aus Gras und Plastikplanen. Eine alte Frau macht Feuer, ein Mann bietet uns eine Nara an. Diese melonenartige Frucht ist die einzige, die hier in der Wüste wächst. Mit ihren bis zu 40 Meter langen Wurzeln trotzt sie der Hitze. Ihre Kerne sind ölreich. Das wässrige Fruchtfleisch macht satt und liefert Vitamine. Jahrhunderte lang ernährten sich die Topnaar nur von dieser Allround-Frucht. Wir packen unsere Trinkpäckchen aus. Die Sonne brennt erbärmlich. Ich habe längst die Orientierung verloren. Wo liegt Walvis Bay eigentlich?

Fanie sagt, die Namib treibe manche Touristen zur schieren Verzweiflung. So still ist es, dass es schmerzt in den Ohren. So einsam, dass manche seiner Touristen nur noch zurück wollen. Man glaubt, die Menschheit hätte den Planeten verlassen – und die paar Topnaar einfach vergessen.
Als wir weiter fahren, entdecken wir einen Totenschädel, Knochen und Steinwerkzeuge. „Gestern war das alles noch nicht hier“, sagt Fanie. Der Wind hat das Grab frei gelegt. Und er wird es in einigen Tagen wieder mit Sand bedecken. Tief unten speichert die Namib viele Geheimnisse. Mit unseren Quads kratzen wir lediglich an ihrer Oberfläche. Mit Vollgas geht’s zurück in die Zivilisation. Nach Walvis Bay, wo sich die Hafenkräne drehen. Wir haben endlich die Orientierung wieder.

Text: Markus Harmann; Fotos: MH, Fanie du Preez

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