„Und dann kam ich nach Deutschland und an den Bäumen fehlten die Blätter“

Geschrieben von Goldeber am in Orte und Originale

Caleb Odindo (Foto: Harmann)

Caleb Odindo (Foto: Harmann)

Caleb Odindo wuchs in kenianischen Slums auf und brachte sich das Lesen selbst bei. Vor 25 Jahren kam er nach Deutschland und schlug sich als Verkäufer, Hilfskoch und Hausmeister durch. Heute ist er ein erfolgreicher Finanzbuchhalter – und organisiert nebenbei Nothilfe für seine ehemaligen Landsleute in Ostafrika.

Als Caleb Odindo an einem nasskalten Novembertag 1989 in Frechen (NRW) aus dem Auto stieg, konnte er nicht fassen, was er da sah: menschenleere Straßen, Häuser, die wie ausgestorben schienen, und Bäume, die ihre Blätter verloren hatten.

Odindo, 13 Jahre alt, war gerade mit seiner kenianischen Mutter und seinem deutschen Stiefvater aus Nairobi nach Deutschland gekommen. Hier, im vermeintlichen Paradies, abseits der afrikanischen Slums, sollte er von nun an leben. Seine Eltern hatten ihn auch mit dem Versprechen nach Deutschland gelockt, dass alles in seinem Leben nun besser werde. „Meine Kindheit in Kenia war oft eine Bürde, ein großes Missverständnis“, sagt der heute 36-Jährige. Zerrissen zwischen den Kulturen, ausgestoßen von einem Teil seiner Familie, getrennt von der Mutter. Dazu Hunger, Krankheiten, Perspektivlosigkeit.

„Und dann kam ich nach Deutschland, und an den Bäumen fehlten die Blätter. Ich dachte: Das ist ja noch schlimmer hier“, sagt Odindo, während er sich schmunzelnd in seinem Stuhl im Büro des Kölner Caritasverbandes entspannt zurücklehnt. Wie aus einem anderen Leben komme ihm die Zeit in Afrika heute manchmal vor, sagt er. Einem Leben, das eigentlich erst 1998 eine Wendung zum Besseren erfuhr. Damals begann er eine Ausbildung zum Bürokaufmann bei der Caritas. Heute arbeitet er in der Finanzbuchhaltung. Und wenn er von seiner Kindheit erzählt, dann wirkt es, als sei der Weg zur Caritas geradezu folgerichtig. Wer sonst könnte die Notlage vieler Menschen, das Anders- und Ausgestoßensein, besser nachempfinden als Caleb Odindo?

Für ein gute Schule fehlte das Geld

Seine Mutter war 16, als sie Caleb in Kisumu am Ufer des Viktoriasees zur Welt brachte. Der Vater ein Inder, die Volksgruppe war verhasst bei vielen Kenianern. Kurz nach der Geburt trennten sich die Wege der Eltern. Seinen leiblichen Vater sollte er erst kurz vor seiner Ausreise nach Deutschland wiedertreffen. „Meine Mutter zog nach Nairobi, ich blieb bei den Großeltern in Kisumu“, erzählt Caleb. Sein Großvater trank, Caleb hatte oft Hunger, für eine gute Schule, in der die Lehrer nicht prügelten und wirklich an der Entwicklung der Kinder interessiert waren, fehlte das Geld. „Lesen und Schreiben habe ich mir mit einem Märchenbuch selbst beigebracht.“

Seine Mutter sah er nur sporadisch, mal zog er für kurze Zeit zu ihr, mal gab sie ihn wieder ab. „Ich spürte aber, dass sie für mich kämpfte, dass sie arbeitete, um mich durchzubringen“, sagt Odindo. Dafür ist er ihr, die 2000 an Krebs starb, bis heute dankbar. „Sie hat mich gelehrt, für meine Ziele zu kämpfen.“

1989 dann die Übersiedlung nach Deutschland, mit dem neuen Ehemann der Mutter und seinem Halbbruder. Deutsch sprach Odindo nicht, trotzdem versuchte er es in der achten Klasse einer Hauptschule. „Kunst, Sport und Englisch, darin war ich gut, alles andere verstand ich nicht.“ Er wiederholte das Schuljahr, wechselte schließlich aufs Internat, weil er sich mit seinem Stiefvater nicht verstand. Er schaffte das Fachabitur, hatte teils gute Noten. Mit einer Ausbildung wurde es trotzdem nichts. „Das lag wohl auch an meiner Hautfarbe.“ 60 Bewerbungen habe er geschrieben. „Eingeladen wurde ich nicht ein einziges Mal.“ Wie ihm geht es vielen Afrikanern in Deutschland. Die Chance, als Asylbewerber anerkannt zu werden, sind gering. Viele der hier lebenden Afrikaner hangeln sich von einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung zur nächsten. An ein reguläres Beschäftigungsverhältnis ist nicht zu denken. Hinzu kommen sprachliche und kulturelle Hürden – und die fehlende Anerkennung von Bildungsabschlüssen.

Zeitweise lebte er in einem Zelt in Köln

Caleb Odindo jobbte in einem Getränkemarkt, als Hausmeister in einem Seniorenheim, als Hilfskoch im Restaurant. Er flog zuhause raus, lebte zeitweise in einem Zelt in Köln und fand schließlich Anstellung im Laden eines Freundes. Dort verkaufte er Fitnessgeräte. Vom Gehalt finanzierte er sich eine Wohnung, in der er später auch seinen Halbruder und seine in Deutschland geborene Halbschwester aufnahm, deren Sorgerecht ihm zugesprochen wurde. „Ich arbeitete, kümmerte mich ums Essen und machte Hausaufgaben mit meiner Schwester.“

Der Job als Verkäufer genügte ihm schließlich nicht mehr. 1998 bewarb er sich erneut. „Und es war die Caritas, die mich einlud und mir eine Chance gab.“ Im Sommer heiratete Caleb Odindo. Seine Frau arbeitet ebenfalls bei der Caritas, als Erzieherin. Gemeinsam flogen sie im Sommer 2012 in seine alte Heimat Kenia. Dort, in Kisumu, seinem Geburtsort, feierten sie ihre Hochzeit ein zweites Mal. Es war eine Rückkehr zu den Wurzeln, eine Vergewisserung, dass er auch in Afrika noch immer zu Hause ist, einem Kontinent, den er liebt und der ihn geprägt hat. Und dessen Menschen er deshalb etwas zurückgeben will.

Caleb Odindo sammelt Spenden. Er ist dabei, eine kleine Hilfsorganisation aufzubauen. „Hilfe zur Selbsthilfe – das ist mir wichtig“, sagt er. Einem Händler finanzierte er zum Beispiel ein Fahrrad, damit der seine Waren zum Markt transportieren kann.

Caleb Odindo hat sich längst daran gewöhnt, dass im Herbst in Deutschland die Bäume ihre Blätter verlieren. Weil er weiß, dass sie im Frühjahr wieder sprießen. Es ist ein bisschen wie mit seinem Leben: Oft ging es bergab, aber immer auch wieder bergauf.

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