Warum Carpe Diem mich fertig macht!

Geschrieben von Goldeber am in Medien und Moral

Als der Film „Club der toten Dichter“ anlief, war ich in etwa so alt wie Julia Engelmann. Das ist die blonde, junge Frau, über die derzeit im Internet geschwärmt und inzwischen auch kritisch diskutiert wird. Die, die mit entzückend gespielter Jungmädchenmiene auf einem Poetry Slam eine große, alte Weisheit ins Moderne übertragen hat. Carpe Diem 2014. Im Kern sagt sie das, was auch der römische Dichter Horaz einst sagte und das sich wie ein roter Faden durch den Hollywoodfilm mit Robin Williams (Nein nicht Robbie!) zog: Nutze den Tag!

Und heute wie damals, als wir uns den Film auf Video anschauten, kann ich diesem roten Faden nur wenig abgewinnen. Er setzt mich schlicht unter Druck! Nutze den Tag – das heißt doch: Verschwende ihn nicht. Doch genau das tut man doch, mit Anfang 20. Oder man sollte es tun. Wenn ich aber nicht verschwenderisch sein darf, muss der Tag nützlich sein. Ich hätte also nicht ausschlafen und die erste Vorlesung schwänzen sollen? Oder aber: Ich hätte Schwänzen sollen, Freunde treffen, jede Menge Wein trinken und nicht zur Vorlesung gehen sollen, weil die Freunde wichtiger sind als die Uni?

Wenn ich mir mit 20 schon darüber Gedanken machen soll, was ich mit 80 meinen Enkeln erzähle – und diese Gedanken macht sich Julia Engelmann mehr als fünf Minuten lang und Hunderttausende Facebook-Teiler tun das jetzt auch – verpasse ich da nicht genau diese schöne Lebensphase, in der ich noch ohne großen Lebensplan durchs Leben schlittere? Ist es wirklich schlimm, gute Vorsätze zu verwerfen – oder nicht vielleicht sogar richtig? Muss ich wirklich auf einem hohen Haus stehen und die Nacht durchmachen? Was wenn ich Höhenangst habe, oder früh müde werde? Eines Tages werden wir alt sein, warnt uns Julia Engelmann und trifft mit dieser nicht gerade neuen Erkenntnis  offenbar einen Nerv. Und jetzt wollen also alle 20-jährigen und 40-jährigen sofort loslegen, Carpe Diem all over. Über alle Generationen hinweg.

Ohne mich. Ich lasse mich nicht nervös machen. Ich nutze den Tag manchmal nicht. Ich habe in meinem Leben schon viele Stunden sinnlos verdaddelt. Na und: Vielleicht lag ja genau darin der Sinn.  Vielleicht ist es ja auch schön ausgeruht zu sein, wenn man eines Tages alt ist.

Und wer weiß schon, ob wir unsere Geschichten überhaupt erzählen können, wenn wir alt sind. Hört uns dann noch jemand zu? Werden unsere Enkel Zeit für uns haben oder damit beschäftig sein ihre nicht mit uns zu vergeuden. Ach was soll‘s, ich mache mir keine Gedanken. Ich drehe dann einfach ein You-Tube-Video und stelle es ins Netz.

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