Wo Dracula Treppen stieg und Harry Potter mit der Bahn fuhr

Geschrieben von Katrin Jäger am in Abenteuer und Athleten

Yorkshire ist rau, geschichtsträchtig, Kulisse für Literaturklassiker und längst nicht so beliebt wie Südengland. Doch die Region im Norden Englands ist äußerst familientauglich. Warum – das schrieb Katrin Jäger für die Berliner Tagezeitung B.Z. auf:

„Und, wie war das Essen so?“

„Nun ja, okay.“

„Konntet ihr baden?“

„Nö, das Wasser war zu kalt.“

„Und die Fahrt mit der Fähre?“

„Der Große und ich waren seekrank?“

„Und die Strecke mit dem Auto zurück?“

„Ganz schön lang.“

„Linksverkehr?“

„Ganz schön schwierig.“

„War also nicht so toll, der Urlaub?“

„Nö, war der beste, den wir je hatten.“

„Häh?!“

Dieser Dialog fand in dieser oder ähnlicher Form nicht nur einmal nach unserer zweiwöchigen England-Reise statt. Nichts, aber auch gar nichts, konnte uns die Laune an unserem Urlaub verderben, der sich ganz locker schon vom ersten Tag an in unserem internen Familien-Urlaubs-Ranking auf Platz Eins geschoben hatte.  Oder um es in den Worten unserer elfjährigen Sohnes zu sagen: Alles war „amazing!“

Dabei war die Idee auf die Insel zu fahren, eigentlich einem elterlicher Kompromiss aus „Ich will mal in den Süden“ und „Wie wär’s mal mit Schweden?“ entsprungen. Denn während meinem Mann der Süden zu warm erschien, war mir Schweden irgendwie thematisch zu nah dran an meinem geliebten Dänemark. Der beiläufig dahingeworfene schwärmerische Satz einer Kollegin, die ein paar Wochen alleine in einem wild romantischen Häuschen in Robin Hood’s Bay in Yorkshire an einem Roman geschrieben hatte,  ein paar Smartphone-Fotos und einen von ihr weitergeleiteten Link zu einer englischen Cottage-Vermittlung später, stand dann plötzlich fest. Yes! Wir fahren an die Küste von Yorkshire.

Whitby – ein echter Tausendsassa

Unser Ziel Whitby entpuppte sich als echter Tausendsassa, was die Vereinbarkeit unterschiedlichster Interessen, verschiedener Geschlechter und Altersgruppen angeht. Da wäre zunächst einmal die Sache mit Dracula. Obwohl meine Kinder das Buch von Bram Stoker nie gelesen haben, wissen sie natürlich, was es mit Vampiren auf sich hat. Dass nun das berühmteste Exemplar, sozusagen der literarisch berühmteste Graf Dracula seinerzeit ausgerechnet in unserem Urlaubsort an Land gegangen sein und sich laut Bram Stoker am Friedhof unter der über der Stadt thronenden Ruine ein Grab gesucht haben soll, ist – nun ja – tatsächlich „amazing“. Dabei wäre die Ruine der Abbey auch ohne Dracula schon spannend genug und der alte Friedhof zu ihren Füßen sowieso.

Natürlich mussten wir an unserem einzigen Nieselregentag auch ins Dracula-Museum, das inmitten der rummeligen Flusspromenade (In Whitby fließt der River Esk in die Nordsee) liegt und eher einer billigen Geisterbahn ähnelte. Geschenkt. Die nächsten Highlights drängelten sich schon wieder auf unsere Ferien-To-Do-Liste um Erledigung. Ich wollte zum Grab einer der drei Bronte-Schwestern, deren Geschichten und Romane alle im rauen Klima Yorkshires spielen. Anne starb wie ihre berühmteren Schwestern Charlotte („Jane Eyre“) und Emily („Sturmhöhen“) viel zu früh  und ruht nun sanft im Schatten von Scarborough Castle, die so wie all die anderen spektakuläre Ruinen  von Burgen, Klöstern und Abteien auf einem weitläufigen Gelände liegt, inmitten schönster Landschaft mit atemberaubenden Ausblicken auf die Küste. Keine Menschenschlangen, wenige Verbotsschilder, sondern viel Platz, um zu rennen, zu laufen, durchzuatmen.

Beim Strand stimmt das auch – von Zeit zu Zeit. Denn die Größe der wasserfreien Sandfläche variiert je nach Tide erheblich. Doch das war unseren Söhnen herzlich egal. Sie hatten gehört, was ich ihnen aus dem Reiseführer vorgelesen hatte: Nämlich, dass es an den Steilküsten rund um Whitby jede Menge Fossilien zu finden gäbe. Die Erwartungen waren entsprechen groß, die Enttäuschung auch, als nach einem langen Strandtag in Whitby zwar eine gigantische Sandburg errichtet worden war, aber beide Söhne kein einziges versteinertes Urtier in ihre Plastiktüte stecken konnten. Mein „wir suchen weiter“ half nichts. Erst ein Eis tröstete die verhinderten Paläontologen. Und die Aussicht auf eine ganz besondere Zugfahrt.

Mit der Harry-Potter-Eisenbahn

Wir fuhren am nächsten Tag nach Hogwards. Also fast. Wir fuhren mit der berühmten Harry-Potter-Eisenbahn, dem so genannten Hogwards Express. Also fast. Denn natürlich wissen wir nicht, ob die berühmten Filme um den Zauberlehrling tatsächlich in genau unserem Zug gedreht wurden, aber in einem der Züge der North Yorkshire Moors Railways auf jeden Fall. Und mit dieser historischen Linie sind wir gefahren. Wir starteten in Whitby, mit Dampf und auf alten Sitzen ging es dann zwei Haltestellen durch schönste Landschaft hinauf in den Nationalpark North York Moors nach Goathland. Im ersten Harry-Potter-Teil heißt diese Haltestelle Hogsmeade und dort steigen Harry und seine Freunde aus, um zu ihrer geliebten Schule zu kommen. Unsere Jungs waren happy. Besonders, als sie sich auch noch eine weiße Stoffeule kaufen durften, die in ihr Dachgeschosszimmer in unserem urigen Cottage mitten in der Whitbyer Alststadt einzog. Wäre es nach den Kindern gegangen, hätten wir jeden Tag in unserer gemütlichen Ferienunterkunft (in der es übrigens auch wie bei Harry Potter eine Kammer unter der Treppe gab) bleiben können. Doch ich schaffte es immer wieder, die Familie zu kleinen Wandertouren zu überreden. Egal ob zu einem Wasserfall, über das windige Hochmoor, auf Steilküstenwegen oder auf verwunschenen Pfaden durch wilde Wälder – es war schwer, nicht dauernd zu fotografieren. Denn egal wohin man schaute: Es war schön!

Am Ende unserer vierzehn Tag hatten wir einen ganzen Zettel eng beschrieben. Zwei Burgen, zwei Abbeys, die Stadt York, Strandtage, Museumsbesuche, Milchshakes im Schatten einer James Cook-Statue, Abendspaziergang vorbei an den bunten Badehäusern – unsere Erlebnisliste ist lang und nachhaltig.

Und dann ist da noch dieser wertvolle weiße Karton. Mit großen Buchstaben haben die Kinder darauf „Höstesicherheitsgefahr“ geschrieben und sie ganz vorsichtig in den Kofferraum gepackt. Was drin ist? Fossilien, jede Menge Fossilien …

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