Zum letzten Mal

Geschrieben von Goldeber am in Visionen und Vergangenheit

Bild: Fotolia

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Sarah ist 38 und hat Krebs im Endstadium. Christina ist 51 und Pflegerin auf der Palliativstation des St.-Josef-Krankenhauses in Bockum-Hövel. Eine Reportage von Corinna Heratsch über die letzten Stunden.

Aus dem Nebenraum ist das leichte Rauschen des Badewassers zu hören. Sarah (Name geändert) sitzt in ihrem Rollstuhl und wartet. Sie wirkt erschöpft. Als Christina hereinkommt und sie entkleidet, nimmt sie noch einmal all ihre Kraft zusammen. Mit Hilfe ihrer Pflegerin gleitet Sarah in die Badewanne. Zum letzten Mal.

Sarah ist 38 Jahre alt und seit einer Woche Patientin auf der Palliativstation des St.-Josef-Krankenhauses in Hamm-Bockum-Hövel. Die Ärzte haben ihr gesagt, dass sie nun austherapiert sei. Die letzte Chemo, in die Sarah all ihre Hoffnung gesteckt hatte, schlug nicht an. Es wird keine Wende zum Besseren geben. Es wird jetzt schnell gehen. Das weiß sie.

Christina ist 51 und Krankenpflegerin mit Palliativ-Care-Ausbildung, sie kümmert sich um Sarah. Nach dem Bad cremt sie behutsam Sarahs Rücken ein, das Öl duftet nach Lavendel. Die Haut spannt über dem abgemagerten Körper, die Wirbelsäule tritt deutlich hervor. Die vielen Chemotherapien haben ihre Spuren hinterlassen.

Zurück in ihrem Zimmer, fließen Tränen über Sarahs Wangen. Gleichzeitig möchte sie lächeln. Es ist ein schöner Tag, ein ruhiger Tag, ein sonniger. Sie sucht sich etwas Schönes zum Anziehen heraus. Kein Nachthemd, sondern das rote Kleid, das ihr Mann so mag. Christina hilft ihr beim Anziehen, zum letzten Mal.

Christina schminkt Sarah, sie pudert ihre Wangen, zieht den roten Stift langsam über die Lippen ihrer Patientin. „Man soll sich schön fühlen. Das hilft, die Situation besser zu ertragen“, wird Christina später sagen. Sarahs Zimmer ist klein und hell. Es ist pastellfarben gestrichen und neben Schrank und Doppelbett gibt es eine kleine Sitzecke. „Es ist wichtig, dass man sich geborgen weiß“, sagt Christina. Und dazu gehöre auch ein Zimmer, das nicht nur steril sei.

Sarah liegt wieder in ihrem Bett. Schön, aber krank, sehr krank sieht sie aus.

Christina arbeitete 20 Jahre lang als Krankenschwester auf der Intensivstation, ehe sie sich für die zweijährige staatliche Ausbildung zur Palliativ-Care-Pflegerin entschied. Der Wechsel dorthin war ein Prozess. Auch als sie noch auf der Intensivstation arbeitete, setzte sie sich sehr bewusst mit dem Thema Sterben auseinander, immer und immer wieder. „Ich habe oft gedacht: Sterben, das muss doch auch anders gehen. Nicht umgeben von Apparaten in Krankenhaus-Atmosphäre, sondern in Ruhe, im Kreise anderer Menschen.“

„Meine ganze Erfahrung einbringen“

Christina begann eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin und wurde mit dem Thema Tod aus vielen Perspektiven konfrontiert, der des Patienten, des Angehörigen, des Arztes und der Pflegerin. Am Ende des Prozesses stand ein Entschluss: „Ich möchte meine ganze Erfahrung und Kraft für schwerstkranke Menschen einsetzen.“

Sarah ist eine von 15 Patienten auf der Palliativstation im St.-Josef-Krankenhaus. Auf dieser Station werden die Patienten nicht kurativ (heilend), sondern palliativ behandelt. Palliativ – das heißt so viel wie: den Mantel um jemanden legen, ihn umhüllen. Es geht darum, belastende Symptome wie Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Appetitlosigkeit und extreme Schwäche zu reduzieren und die Angst der Patienten, die Unruhe und Unsicherheit der Angehörigen und die große Hilflosigkeit auf beiden Seiten aufzufangen und zu lindern. Die Aufgabe der Ober- und Stationsärzte, der Krankenpfleger und der ehrenamtlichen Mitarbeiter ist es, den Schmerz möglichst auszuschalten und Nebenwirkungen der Medikamente aushaltbar zu machen. „Das gelingt uns auch meistens. Den körperlichen Schmerz können wir ausschalten oder sehr weit herunterfahren.“ Anders sei es mit dem psychischen, dem seelischen Schmerz. „Die Sterbenden haben Angst – um sich, aber auch darum, wie es mit den Eltern und Geschwistern weitergeht. Da reicht keine Morphiumspritze“, sagt Christina. Palliativmedizin heißt auch: die Angst mit auszuhalten. „Wir sind einfach da!“

Jede Woche sterben fünf Menschen auf Christinas Station. Sie selbst begleitet zwei von ihnen. Sterben – das ist permanent Thema, in jeder Schicht, bei jeder Übergabe, bei jedem Plausch in der Pause. Ebenso bei fast allen Gesprächen mit Patienten oder deren Angehörigen. Wie sie das aushält? Christina schaut aus dem Fenster, sagt nach einigen Sekunden: „Man muss die Fähigkeit haben, ruhig zu sein und Sicherheit auszustrahlen.“ Nur so könne sie eine Sterbende oder einen Sterbenden beruhigen – und dabei ihre Arbeit machen.

Dann sagt sie noch: „Es muss klar sein: Ich bin nicht selbst Trauernder oder Leidender, sondern einfühlsamer Begleiter.“ Diese Position ermögliche es, sich notfalls auch auf die „professionelle Ebene“ zurückziehen zu können. „Und sollte das mal nicht funktionieren, dann habe ich Schokolade.“ Und sie hat ihren Glauben.

Sie selbst habe keine Angst vor dem Tod. Als Christin ist sie überzeugt, dass der Tod nicht das Ende ist. „Viele meiner Kolleginnen und Kollegen, die in der Palliativmedizin arbeiten, sind im christlichen Umfeld fest verankert.“ Das sei, sagt Sarah, für viele wohl die entscheidende Kraftquelle für diese Aufgabe. Christina ist sich sicher, sie hat ihre Berufung gefunden. „Ich mache meine Arbeit aus tiefer Überzeugung.“

Ihr Mann und ihre Töchter verabschieden sich

Und diese Überzeugung hilft ihr auch heute. Sarahs Mann und ihre beiden Töchter, vier und sechs Jahre alt, sind gekommen, um sich von Mutter und Frau zu verabschieden. Sie kommen zum letzten Mal. Sarah mobilisiert ihre letzten Kräfte und lächelt ihre Familie an. Ihr Mann küsst sie auf die Stirn. Sarah stöhnt, sie ist schwach. Kostbar sind ihr diese letzten Momente mit ihren Liebsten. Sie möchte alles aufsaugen und in ihrem Herzen behalten. Ihr kommen wieder die Tränen. Die beiden jungen Mädchen erzählen, lachen und quasseln um die Wette. Sarah drückt die beiden fest an sich und flüstert: „Ich habe euch lieb.“ Auch das sagt sie zum letzten Mal.

Ihr Mann und die Kinder gehen aus dem Zimmer. Der Vater möchte nicht, dass die kleinen Töchter im Moment des Todes bei ihrer Mutter sind. Eine Schwester kümmert sich, der Vater geht zurück in das Zimmer seiner Frau. Sarah und ihr Mann wissen, dass es nicht mehr lange dauern wird, vielleicht zwei Tage, vielleicht nur einen oder auch nur ein paar Stunden.

Ihr Mann legt sich zu ihr, ganz nah, ganz dicht. Er hält ihre Hand, schweigt. Irgendwann öffnet Sarah noch einmal ihre Augen, schließt sie dann wieder. Beides zum letzten Mal.

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